Papst Franziskus im Interview

«Ich bin Sünder und bin fehlbar»

Ehrlich, freundlich, konsequent und humorvoll kennt man Jorge Mario Bergoglio (80), besser bekannt als Papst Franziskus. Jetzt hat das Oberhaupt der katholischen Kirche Giovanni di Lorenzo von der ZEIT ein Interview gegeben. Das Gespräch drehte sich darum, was Glaube bedeutet. Und neben seinen Aussagen zu Kirche und Politik wurde der Papst sehr persönlich.
Papst Franziskus

Im Folgenden soll es nur kurz um die theologischen Inhalte dieses Interviews gehen. Im Mittelpunkt steht Papst Franziskus als Mensch.

Besorgt und engagiert

Stark besorgt zeigte sich der Papst wegen des zunehmenden Priestermangels in vielen Ländern, auch in der Schweiz und in Deutschland. Dieses Problem machte er jedoch weniger daran fest, dass es nicht mehr so viele junge Menschen gibt, sondern eher an fehlendem Gebet, fehlender Berufung. Und er zeigte sich offen, über neue Ansätze nachzudenken. «Der freiwillige Zölibat ist keine Lösung», bemerkte er, konnte sich jedoch das stärkere Engagement von «Vir probati» vorstellen (das sind bewährte, verheiratete Männer, die als Diakone arbeiten können). Daran arbeite bereits eine Kommission, die die Rolle der Frau in der Kirche von Bibel und Tradition her überdenken soll. Denn Forschen sei die Aufgabe der Theologie. «Wahrheit ist, keine Angst zu haben», meinte Franziskus, denn «Ängste schliessen Türen. Die Freiheit öffnet sie. Und wenn die Freiheit klein ist, öffnet sie immerhin ein Fensterchen.»

Papst Franziskus äusserte sich auch zum Ursprung des Glaubens («Der Glaube ist ein Geschenk. Er wird einem gegeben.»), zu den Schwierigkeiten in der Welt und dem eigenen Leben durch einen für ihn realen Teufel, zu Grenzen und Möglichkeiten des Gebets, aber auch zum stärker werdenden Populismus in der westlichen Welt («Populismus ist böse und endet schlecht, wie das vergangene Jahrhundert gezeigt hat»). Abschliessend erteilte er seinem angedachten Deutschlandbesuch im Zuge des Reformationsjubiläums eine Fast-Absage. Er sei zwar von der Kanzlerin persönlich eingeladen worden, doch «das wird schwierig dieses Jahr, es sind so viele Reisen geplant».

«Ich kenne die leeren Momente»

Nachdem di Lorenzo seinen Interviewpartner zum Umgang mit Glaubenskrisen befragt hatte, wurde der Papst sehr persönlich: «Es gibt durchaus dunkle Momente, in denen ich sage: 'Herr, das begreife ich nicht!' Und das sind nicht nur die Momente innerer Dunkelheit, sondern Bedrängnisse, die ich mir selbst eingebrockt habe, durch meine Schuld, denn ich bin ein Sünder, und dann werde ich wütend. Aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. (lacht)» Dann beschrieb er Gott als einen Gott, der genau diese Sünder liebt, um anschliessend zuzugeben, dass er selbst an diesem Gott manchmal zweifelt: «Ich kenne auch die leeren Momente.» Franziskus' Antwort auf solche Krisen: «Glaube ist ein Geschenk.» Aber er unterstrich: «Ich bitte darum und er antwortet mir. Früher oder später. Manchmal muss man in einer Krise verharren. Der Glaube ist nichts, was man sich erwirbt.»

Ein Papst, der gerne lacht

Hervorstechend im ZEIT-Artikel ist die Fröhlichkeit des Papstes. 13mal steht dort als Anmerkung in Klammern: «lacht». Und im Interview lachte er nicht über andere, sondern meist über sich selbst. Auf eine Plakatkampagne angesprochen, die es in Rom gegen ihn gab, antwortete er, dass dahinter ein kluger Kopf stecken müsste. Die Rückfrage «Aus dem Vatikan?» konterte er lachend mit: «Nein, ich sagte doch: ein kluger Kopf. Wie auch immer, das war grossartig!» Dieses Über-sich-selbst-lachen-Können ist kein Zufall, es liegt sicher nicht nur an dieser speziellen Interviewsituation. Franziskus erklärte, dass er jeden Tag ein Gebet spräche, das Thomas Morus zugeschrieben wird: «Herr, schenke mir Sinn für Humor!» Offensichtlich wurde es erhört.

Fehlbar und sündig

Mehrfach im Interview sägte Franziskus am klassischen Papstbild: unfehlbar, weit weg, sehr besonders. Auf seine Vorbildfunktion angesprochen, machte er klar: «Ich sehe mich nicht als etwas Besonderes. Ich finde eher, dieses Bild wird mir nicht gerecht, es ist übertrieben. Ich bin – ich will nicht sagen: 'ein armer Teufel', aber ich bin ein ganz normaler Mensch, der tut, was er kann.» Überzogenen Ansprüchen an sich und sein Papst-Sein erteilte er eine klare Absage. Diese Idealisierung sei unterschwellig sogar aggressiv. Stattdessen betonte er erneut: «Ich bin Sünder und bin fehlbar.»

Meine Meinung

Das Interview mit Papst Franziskus zeigt einen menschlichen Papst, einen politisch und gesellschaftlich interessierten und es enthält viel Nachdenkenswertes. Es macht Franziskus nicht zum besten Evangelikalen unserer Zeit, zu dem er manchmal hochstilisiert wird. Dem würde er sich vermutlich ebenso widersetzen, wie den Vollkommenheitsansprüchen aus der eigenen Kirche. Ausserdem – Vorsicht: Binsenweisheit – ist der Papst katholisch. Und viele katholische Überzeugungen liegen recht weit von denen der evangelischen Kirchen entfernt. Bei aller Unterschiedlichkeit lohnt es sich trotzdem, diesem Mann zuzuhören. Seine theologische Weite, seine Konsequenz und seine Offenheit sind eben doch ein Vorbild.

Das volle, sehr lesenswerte Interview mit Papst Franziskus finden Sie in der Printausgabe der ZEIT vom 9.3.17, einen kurzen Überblick auch online.

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Datum: 10.03.2017
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet / Zeit

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