Konferenz zu Gemeindezucht

«Die Liebe mischt sich ein, weil sie sagt, du bist mir nicht egal!»

«Und wenn er nicht hören will …» – unter diesem Titel führt die Interessengemeinschaft für Biblische Seelsorge am 4./5. November in Thalwil eine Seelsorge-Konferenz durch. Sie stellt den Prozess der korrigierenden Liebe – oft auch «Gemeindezucht» genannt – ins Zentrum. Andy Vetterli, Pastor der Chrischona Thalwil, erhofft sich einiges von der Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Thema.

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Livenet: Andy Vetterli, warum hat sich das Team der IG für Biblische Seelsorge für dieses Thema entschieden?
Andy Vetterli:
Beim Wort «Gemeindezucht» zucken viele Christen gleich etwas zusammen. Sie assoziieren damit, dass jemand herausgeworfen oder bestraft wird. Wir denken, man sollte von der Negativprägung dieses Begriffs wegkommen und vielmehr das Potential darin sehen, nämlich die Absicht der Wiederherstellung von Beziehungen.

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Andy Vetterli
Dann ist Gemeindezucht also etwas Positives?
Wenn sie im Geist der Liebe und Demut geschieht, ja. Im Matthäus-Evangelium, Kapitel 18, Vers 15 heisst es: «Wenn dein Bruder Schuld auf sich geladen hat, dann geh zu ihm und sag ihm, was er falsch gemacht hat. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder zurückgewonnen.» Ziel ist also die Vergebung von Schuld und die Wiederherstellung. Jesus ermahnt uns, Dinge anzusprechen und nicht einfach dem Frieden zuliebe zu schweigen. Der Prozess der korrigierenden Liebe bringt Menschen wieder zusammen und ist eine Grundlage für geistliches Wachstum, dient dem Schutz der Gemeinde und dem Ruf von Jesus Christus.

Wie kriegt man diese Offenheit hin?
Es wäre wünschenswert, eine Kultur zu pflegen, in der man offen miteinander reden kann. In einer solchen Gemeindekultur können Fehler auch einfacher angesprochen und geklärt werden. Ich glaube ausserdem, dass wir in den Gemeinden eine Atmosphäre der Wertschätzung pflegen müssen. Wo ich vertrauen und wissen kann, mein Bruder, meine Schwester will mich fördern und ist an meinem Wachstum interessiert, fällt es mir leichter, etwas anzunehmen.

Auf der anderen Seite braucht es für die meisten von uns Mut, aufeinander zuzugehen. Es braucht ausserdem Weisheit, wann und wie man etwas ansprechen soll. Hier soll die Konferenz Hilfestellung geben. Es geht um moralisch schwierige Verhaltensweisen, die immer wieder auftauchen, z.B. jemand stellt sich immer in den Vordergrund, tendiert dazu, andere schlecht zu machen, spricht ständig negativ über die Predigten, stellt sich immer wieder quer bei gemeinsamen Entschlüssen der Gemeindeleitung, usw.

Was ist bei diesem Thema für Sie die grösste Herausforderung?
Wirklich den Mut aufzubringen und jemanden ansprechen auf etwas, was mir auffällt. Ich persönlich tendiere dazu, beide Augen zuzudrücken, hoffe, dass sich das Problem von selbst löst. Dabei merke ich, dass es mir eigentlich nur um mich geht, nicht aber um Christus, oder darum, dem Gegenüber zu helfen. Das ist eigentlich ein Mangel an Liebe. Auch hier versuchen wir mit unserer Konferenz zu ermutigen.

Welche Rolle spielt die Individualisierung in unserer Zeit bei diesem Thema?
Ich denke, die Individualisierung spielt eine grosse Rolle. Sie erschwert es, Unbequemes anzusprechen. Die korrigierende Liebe wird eher verstanden, wo Beziehungen stark und nicht nur oberflächlich sind, wie so oft auch in unseren Gemeinden. Der Individualismus fördert Oberflächlichkeit. Die korrigierende Liebe kämpft gegen die Oberflächlichkeit. Man könnte es auch so sagen: Die Liebe mischt sich ein, weil sie sagt, du bist mir nicht egal. Gott ist ja auch so. Ich bin ihm nicht gleichgültig. Gnade heisst nicht: «Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er beide Augen zugedrückt hat». Er mischt sich ein, wird aktiv, zeigt uns unsere Sünde auf (das was uns von ihm und anderen trennt) und führt uns zu Christus, und beginnt, uns durch seinen Heiligen Geist zu verändern. Und dazu benützt er die anderen Glieder des Leibes Christi. In Christus behandelt er uns nicht oberflächlich, denn wir sind ihm nicht gleichgültig.

Ausschreibung zur Konferenz:
In der täglichen Herausforderung christusähnlicher zu leben brauchen wir einander – in der Gemeinde, der Familie, Hauskreis, etc. Aber wer lässt sich schon gerne bei Fehlverhalten ansprechen? Besuchen Sie diese Konferenz und lernen Sie wie Gottes Wort und seine Weisheit uns hilft geduldiger, friedfertiger, hilfsbereiter ..., etc. zu werden, um eine auferbauende Kultur des Zurechthelfens zu entwickeln.

IG für Biblische Seelsorge
Biblische Seelsorge ist die Anwendung biblischer Lehre auf Alltagsfragen. Eigentlich ist sie nichts anderes als die Theologie über das Leben als Christ in allen Lebensbereichen: in der Ehe, als Eltern, als Kinder, an der Arbeit, im Hauskreis, mit Freunden.

Zur Webseite:
Interessengemeinschaft für Biblische Seelsorge

Zum Thema:
Konfliktbewältigung: Konflikte managen
Konflikte: Mut zur Aussprache
Heikle Gespräche: In christlichen Gemeinden werden zu oft Konflikte verdrängt

Datum: 03.11.2016
Autor: Florian Wüthrich
Quelle: Livenet

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