Neues zu den Schriftrollen von Qumran

Wer meint, er wisse schon alles über Qumran und die weltberühmten Schriftrollen vom Toten Meer, wird umdenken müssen. Kürzlich fanden sich an der Universität Wien 60 hochrangige Wissenschafter ein, um sich über einzelne Fragen zu den Textfunden von Qumran auszutauschen. Ausserdem ist ein neues Buch zum Thema erschienen.

Zweitausend Jahre haben sie in verschlossenen Krügen überdauert. In einer Ruinenstätte im Westjordanland stiessen Ziegenhirten 1947 auf die Schriftrollen vom Toten Meer, nach dem Fundort werden sie Qumran-Rollen genannt: Handschriften, auf Leder und zu einem kleinen Teil auf Papyrus, geschrieben zwischen dem 3. vorchristlichen und dem 1. nachchristlichen Jahrhundert.

Obwohl diese Handschriften heute weitgehend entschlüsselt sind, bleiben immer noch offene Fragen. Welche Bedeutung hatten und haben sie etwa für das Alte und Neue Testament, das antike Judentum und das frühe Christentum sowie für die anderen antiken Kulturen?

Was war Qumran?

Bei den Funden handelt es sich um biblische und ausserbiblische Texte, Torarollen, wie sie noch heute verwendet werden, Kommentare dazu, zahlreiche, das Alltagsleben der jüdischen Gemeinschaft betreffende Aufzeichnungen. Lebten die Menschen jener Zeit überhaupt in Qumran? Oder handelte es sich um eine Art Kopierwerkstatt, da heute feststeht, dass etwa 500 Schreiber am Werk waren und allein die Psalmen in 36 Ausführungen existieren. Oder wurden die Rollen – wofür es viele Indizien gibt – aus Angst vor deren Zerstörung durch die Römer von den jüdischen Tempelpriestern aus verschiedenen Orten in den Höhlen versteckt?

Schlechte News für Verschwörungstheoretiker

Sprengstoff, der beispielsweise ganze Religionen erschüttern könnte –wie immer wieder behauptet – enthielten die Texte allerdings mit Sicherheit nicht. Mythen bis hin zu Verschwörungstheorien ranken sich um die antiken Handschriften. So wurde unter anderem behauptet, dass in den Texten derart brisante Tatsachen über Jesus stecken, dass der Vatikan die Inhalte zurückhalte.

Mittlerweile ist ein Grossteil der Schriften aufgearbeitet und klar, dass Jesus in den Schriften nicht erwähnt werden. Die Texte datieren zwar von 300 vor Christus bis 100 nach Christus, allerdings handelt es sich dabei grösstenteils um Abschriften. Wenn man den Zeitpunkt der Verfassung der Texte zugrunde legt, so ist jedenfalls unter den essenischen Schriften das jüngste Datum 30 vor Christus.

Buchrezension

60 Jahre Wissenschaftskrimi am Toten Meer

Von Alexander Schick

Wer meint, er wisse schon alles über Qumran und die weltberühmten Schriftrollen vom Toten Meer, wird umdenken müssen. Ein neues Buch über Qumran, „Verschwörung um Qumran – Jesus, die Schriftrollen und der Vatikan“, präsentiert weit reichende Deutungen und selbst Theologen nur selten bekannte Fakten, die auch für den christlichen Glauben von grösster Wichtigkeit sind.

Es begann mit einem Steinwurf…

Es wird immer im Dunkeln bleiben, warum im Frühling 1947 der Beduine Muhammed edh-Dhib auf dem Steilhang an der Westküste des Toten Meeres herabkletterte. Suchte er wirklich seine Ziege, die ihm angeblich weggelaufen sei und die er durch Steinwürfe aufschrecken wollte? Oder hielt er Ausschau nach einem passenden Versteck für seine Schmuggelware, die die Beduinen in jenen Tagen von Jordanien nach Palästina brachten?

Der Grund seiner Steinwürfe ist eigentlich unwesentlich – wichtig ist, dass er damit einen Stein ins Rollen gebracht hat, der bis heute weltweit Forscher und die breite Öffentlichkeit in Atem hält. Fast jeder hat schon von den Schriftrollen vom Toten Meer gehört, doch nur die wenigsten wissen, um was für einen archäologischen Schatz es sich wirklich handelt.

Verwirrliche Veröffentlichungen

In den letzten Jahren haben eine Vielzahl von Büchern und Medienberichten erneut grosse Verwirrung um die Bedeutung der Qumranfunde gestiftet. So wird durch christentumskritische Skandalbestseller wie „Sakrileg“ (Da Vinci Code) oder „Verschlusssache Jesus“ den unkundigen Lesern vorgegaukelt, dass der Vatikan die Herausgabe der Schriftrollen vom Toten Meer zu verhindern suche, da die Qumrantexte angeblich unliebsames Material über Jesus enthalten sollen.

Fakten in Sachen Qumran

Auch wenn sich Bücher mit solch reisserischen Thesen millionenfach verkaufen, bleiben solche unwahren Behauptungen lediglich eine millionenfach geglaubte Lüge. Es ist daher mehr als begrüssenswert, dass nun der Qumran- und Jesusforscher Professor Rainer Riesner (Universität Dortmund) seine Forschungsergebnisse in allgemeinverständlicher Weise unter dem populären Titel „Verschwörung um Qumran – Jesus, die Schriftrollen und der Vatikan“ veröffentlicht hat. Das durchgehend – mit zum Teil neuesten Fotos aus der Qumranforschung – illustrierte Buch ist ein wahres Lesevergnügen und eine schier unerschöpfliche Fundgrube für jeden, der Fakten in Sachen Qumran- und Jesusforschung sucht.

Bereits 1993 hatte Riesner den weltweit beachteten Bestseller „Jesus, Qumran und der Vatikan“ veröffentlicht. Die Gesamtveröffentlichung aller Texte aus den Höhlen und neue Ausgrabungen in Qumran haben der Schriftrollenforschung nicht nur neue Impulse gegeben, sondern auch eine Vielzahl an neuen Erkenntnissen. In akribischer Detailgenauigkeit hat Riesner seinen Klassiker, den er zusammen mit seinem inzwischen verstorbenen Doktorvater und Qumranpionier Professor Otto Betz verfasst hatte, völlig überarbeitet und aktualisiert. Er präsentiert so eine Fülle bisher wenig bekannten Fakten, für die der Leser sonst einen ganzen Berg an Fachliteratur durcharbeiten müsste.

Qumran – ein Jahrtausendfund

In den Jahren 1947 bis 1956 wurden in elf Höhlen über 900 Schriftrollen entdeckt. Unter den Texten befanden sich Abschriften fast aller biblischer Bücher des Alten Testaments (AT). Diese Texte sind über 1000 Jahre älter als die bis dahin bekannten kompletten hebräischen Handschriften des AT. Die Bibelabschriften belegen, wie hervorragend der hebräische Text des AT überliefert ist. In Detailfragen helfen die Qumranrollen den originalen Urtext zu rekonstruieren. In viele moderne Bibelübersetzungen sind die Ergebnisse der Textforschung an den biblischen Qumrantexten schon eingeflossen.

„Qumran doch eine Essener-Siedlung“

Riesner zeigt auf, warum die Mehrheit der Qumranforscher die jüdische Religionsgruppe der Essener für die Besitzer der antiken Bibliothek hält. Intensiv widmet sich das Buch der viel diskutierten Frage „Wer lebte in Qumran?“. Besonders durch das ZDF wurde in einer Terra-X-Sendung die These popularisiert, dass Qumran nur eine landwirtschaftliche Siedlung gewesen sei und die Schriftrollen aus den Bibliotheken von Jerusalem stammen würden. Die Texte und die Siedlung hätten demnach nichts mit den Essenern zu tun. Riesner zeigt dagegen mit archäologischen und historischen Argumenten auf, warum diese These trotz ZDF-Verfilmung nur eine Minderheitenmeinung in der wissenschaftlichen Debatte darstellt. So gibt es in Qumran beispielsweise keinerlei Spuren von Bewässerungsanlagen, die man für eine intensive landwirtschaftliche Nutzung aber voraussetzen müsste. Hingegen hat man viele rituelle Bäder in Qumran ausgegraben, die eher auf eine Nutzung der Siedlung durch eine besonders fromme jüdische Gemeinschaft schliessen lassen. Für Riesner gilt daher als Fazit: „Und Qumran ist doch eine Essener-Siedlung!“ (S. 115).

Neues Licht auf das Neue Testament

Neben Abschriften der biblischen Bücher entdeckte man Hunderte von unbekannten Texten, die uns ein Fenster in die Antike öffnen. Den religionsgeschichtlichen Aspekten widmet sich daher Riesner ganz besonders, nachdem er die Probleme bei der Veröffentlichung der oft nur briefmarkengrossen Schnipsel erklärt hat. Die Behauptung einer Vatikanverschwörung verweist er überzeugend in den Bereich der literarischen Schundmärchen. Es hat nie eine „Verschwörung um Qumran“ gegeben!

Die theologische Bedeutung der Qumrantexte für das Verständnis des Neuen Testaments ist enorm. Ein Beispiel: Man hat meist angenommen, der Messias sei im Frühjudentum nicht als „Sohn Gottes“ bezeichnet worden, während das im Neuen Testament oft geschieht. Das sei heidnisch-griechischer Einfluss. Hier fordert die Entdeckung des Qumrantextes 4Q246 zu einem Umdenken, denn der wichtigste Textabschnitt lautet: „Sohn Gottes wird er genannt werden, und Sohn des Höchsten wird man ihn heissen.“ Diese Formulierung erinnert an die Worte des Engels an Maria: „Der wird gross sein und Sohn des Höchsten genannt werden… und er wird Sohn Gottes geheissen werden“ (Lukas 1,32-35). „Das Qumran-Fragment 4Q246 zeigt, wie an einer wichtigen Stelle der lukanischen Geburtsgeschichte die Sprache nicht etwa heidnisch-griechisch, sondern palästinisch-jüdisch ist“ (Seite194).

Glaubensstärkend

Fazit: Das Buch ist ein Gewinn für jeden, der das antike Judentum und die Umwelt des Jesus von Nazareth genauer verstehen möchte und es ist absolut glaubensstärkend, zeigt es doch, wie wissenschaftliche Arbeit und erwecklicher Glaube sich befruchten können. Jeder engagierte Christ sollte es gelesen haben und Gemeindeleiter samt den Theologen ebenso! Diesem mitreissenden Buch wünscht man eine grosse Verbreitung.

Otto Betz, Rainer Riesner, „Verschwörung um Qumran – Jesus, die Schriftrollen und der Vatikan“ ISBN 978-3-426-77993-4 (319 Seiten mit über 100 Fotos, Knaur, 8,95 Euro).

Der Autor der Rezension, Alexander Schick (Westerland/Sylt), ist Verfasser des Bestellers „Das wahre Sakrileg“ (Knaur) und Leiter der grössten Qumran- & Bibelausstellung Europas ( www.bibelausstellung.de ), die Gemeinden ausleihen können. Infos unter e-mail: Schick.Sylt@freenet.de

Soeben ist bei Pattloch ausserdem eine hochwertig illustrierte archäologische Studienbibel von Alexander Schick erschienen mit 120 kommentierten Farbbilder von den Originalschauplätzen der biblischen Orte (ISBN 978-3629011008).

Quellen: Bonner Querschnitte/Die Presse/Livenet/Wiener Zeitung/Stephanscom/Standard/ORF/Informationsdienst Wissenschaft/Cinefacts

Datum: 19.02.2008
Autor: Bruno Graber

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