Das waren noch Zeiten

Als die Nachfolger Jesu noch keine Christen waren

Stellen wir uns einmal vor, die Wörter «Christen» oder «Christentum» wären nie erfunden worden. Würde das für uns etwas ändern? Wahrscheinlich würden wir die ganze Diskussion über Israel und Gemeinde anders führen.

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Juden an der Klagemauer
Das Thema um Juden und Christen wird schon seit langem sehr kontrovers diskutiert. Auch in jüngster Zeit gibt es sehr polarisierende Meinungen. Welche Stellung hat denn jetzt die Gemeinde in Gottes Heilsplan? Dürfen wir biblische Verheissungen – vor allem im Alten Testament – auf uns beziehen oder gelten diese allein der Nation Israel? Hier gibt es durchaus verschiedene Positionen.

Ersatztheologie oder die ewige Absicht Gottes mit Israel

Die sogenannte «Ersatztheologie» vertritt die Ansicht, dass die Gemeinde den Platz Israels in Gottes Heilsplan eingenommen hat. Mehrere Aussagen im Neuen Testament betonen, dass die biologische Abstammung wertlos ist und es auf den Glauben ankomme  (z.B. Römer, Kapitel 2, Verse 28-29; Galater, Kapitel 3, Vers 28 u.a.). Die Ersatztheologie sagt aus, Gott habe Israel wegen dessen Unglaubens verworfen und die Christen würden an seiner Stelle Gottes Reich erben.

Diese Sicht ist problematisch, kann Antisemitismus fördern und wird gerade in den letzten Jahren zunehmend in Frage gestellt. Viele bisher unerfüllte biblische Prophetien beziehen sich eindeutig auf Israel. Es scheint, als hätte Gott noch immer einen bedeutenden Plan mit dieser Nation.

Dann gibt es noch sehr ausgeprägte Vertreter einer Pro-Israel-Theologie. Diese glauben, dass wir den Sabbat (das heisst Samstag) heiligen und die jüdischen Feste feiern sollten. Erst durch das Ausleben der jüdischen Traditionen würden wir zu einem echten christlichen Verständnis finden.

Verwirrung

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Ein Überblick über all die verschiedenen Sichtweisen über die Stellung von Israel und der Gemeinde ist unmöglich. In Extremfällen wird Israel als von Gott verworfen oder sogar als verflucht betrachtet. Im Extrem auf der anderen Seite gibt es aber auch Christen, die glauben, dass unsere Haltung zu Israel dafür entscheidend ist, wo wir die Ewigkeit verbringen (Jesus Christus als Erlöser wird dabei nicht erwähnt). Verwirrung ist vorprogrammiert. Und wir müssen wohl eingestehen, dass zu dieser Thematik nie vollständig ausgelernt werden kann. Ein Blick auf die frühere Kirchengeschichte kann dabei hilfreich sein.

Die erste Gemeinde in Jerusalem bestand zu 100 Prozent aus Juden. Niemandem wäre es in den Sinn gekommen, sich vom Judentum zu lösen. Der Glaube an den Messias ist sogar Kernelement des jüdischen Glaubens. Leider erkannten die meisten Juden damals Jesus nicht als ihren Erlöser. Deshalb war es nur eine verhältnismässig kleine Gruppe von Juden, die zur Gemeinde von Jesus gehörte. Im römischen Reich wurde die Gemeinde als jüdische Sekte bezeichnet. In diesem Zusammenhang hielt Paulus wiederholt fest, dass die biologische Zugehörigkeit zu einem Volk oder die Beschneidung keinen Menschen zu einem «wahren Juden» machten. Der Glaube an Jesus war das Entscheidende.

Heiden kommen zur Gemeinde dazu

Die Tatsache, dass Heiden in die Gemeinde von Jesus aufgenommen wurden, galt im ersten Jahrhundert als Skandal. Für Juden war es unvorstellbar, wie Gott sogar Heiden in seinem Volk aufnehmen konnte. Alle Verheissungen Gottes schienen sich doch einzig an Israel zu richten. Doch Gottes Ziel war nicht, ausschliesslich Israel zu segnen. Vielmehr wollte er durch Israel allen Nationen sein Licht bringen. Und dies tat er, indem Jesus als Jude geboren wurde, um die ganze Menschheit mit sich zu versöhnen. Als Instrument hierzu brauchte er eine Gruppe von Juden, welche dem Messias nachfolgte. Durch diese jüdische Gruppe fanden viele Heiden zum Glauben an Jesus Christus.

Jüdische Sekte oder christliche Gemeinde?

Nach einiger Zeit bestand die Gemeinde Jesu mehrheitlich aus Heiden. Bereits im ersten Jahrhundert tauchte für die «jüdische Sekte» der Name «Christen» auf. Dieser Name setzte sich durch. Unter der Führung des Heiligen Geistes entschieden die damaligen Leiter, dass die Heiden nicht Juden werden mussten, um zur Gemeinde zu gehören. Allein durch den Glauben an Christus wurden sie Teil von Gottes Volk.

Stellen wir uns einmal vor, der Name «Christen» wäre nie erfunden worden und die Gemeinde würde noch immer als «jüdische Sekte» bezeichnet. Stellen wir uns weiter vor, das Christentum wäre nicht vom römischen Kaiser Konstantin verstaatlicht worden und gelte auch nicht als Weltreligion. Noch immer würden wir genau gleich zu Jesus gehören und vom selben Heiligen Geist geführt werden. Und wir hätten noch immer dieselbe Bibel. Auf jeden Fall würde sich die Diskussion um Gemeinde und Israel aber ganz anders gestalten.

Gottes Ziel für die Welt

Jesus gab seinen Jüngern den Auftrag, alle Nationen zu Jüngern zu machen. Die kleine Schar von Juden verkündete Jesus als Herrn und Erlöser. Nachdem Gott bereits das Alte Testament den Juden anvertraut hatte, wurde Jesus als Jude geboren. Seine ersten Anhänger waren Juden und brachten das Evangelium zu den Nationen. In all den Diskussionen um Israel dürfen wir dieses grosse Ziel nie aus den Augen verlieren: Gott will, dass alle Nationen zu seinen Jüngern werden. Dadurch werden sie Teil des grossen Volkes, welches am Anfang als die jüdische Sekte der Nazarener bekannt war – und am Ende Menschen aus allen Völkern, Nationen und Stämmen umfassen wird.

Zum Thema:
Gottes Verheissungen: Uralte Zusagen, auch für 2017 topaktuell
«Just another Jew»: Jesus mit dem Kreuz in Auschwitz
Messianische Juden: Sie glauben an Jesus, wollen aber nicht «Christen» genannt werden
Jüdisches und christliches Denken im Vergleich

Datum: 11.01.2017
Autor: Markus Richner-Mai
Quelle: Livenet

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