Schwierig, aber möglich

Wenn sich orthodoxe und evangelische Christen treffen

Viele westliche Christen tun sich schwer mit den Orthodoxen. Das zeigte sich auch an einem Fauxpas am Deutschen Evangelischen Kirchentag. Doch die Orthodoxen kommen uns näher.

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Deutscher Evangelischer Kirchentag 2017
Der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag in Berlin und Wittenberg vereinigte im Zeichen von «500 Jahre Reformation» nicht nur Lutheraner, sondern ebenso andere reformatorische und sonstige Christen. Eingeladen waren diesmal auch die Griechisch-Orthodoxen, auf die das letzte Mal in Stuttgart verzichtet wurde. Dafür hatte der Kirchentag diesmal nicht an syrisch-orthodoxe Aramäer und Kopten gedacht. Ihr Fehlen wurde erst schmerzlich bewusst, als die Schreckensbotschaft vom Anschlag auf eine koptische Pilgergruppe am mittleren Nil mit 28 Toten und 25 Verletzten hereinplatzte.

Ein spiritueller Schatz kommt auf uns zu

Bei den evangelischen Christen tut man sich mit den verwirrend vielen orthodoxen Kirchen ebenso schwer wie diese mit der Fülle reformatorischer Denominationen. In früheren Jahrhunderten lebten beide Kirchenfamilien nebeneinander her, meist in kühler Distanz. Da fiel das Wort von SEK-Präsident Gottfried Locher auf, als er die Orthodoxie einen Schatz nannte, «der spirituell und liturgisch auf uns zukommt». Nun entdecken auch immer öfter Reformierte bei den Orthodoxen einen gottesdienstlichen Reichtum und eine Wärme, die sie in der eigenen Kirche vermissen.

Die Täufer und die «Milchtrinker»

Wenig bekannt ist auch der rege Kontakt zwischen Freikirchlern und Alt-Orthodoxen im alten Russland und aktuell nach dem Kommunismus wieder. Einst wurden die neuen evangelischen Bewegungen von Zaren als Besiedler unwirtlicher und unsicherer Gegenden aufgenommen: Täufer, Mennoniten, Hutterer und später Baptisten und Pietisten trafen dort auf die russischen Altgläubigen. Diese hatten im 17. Jahrhundert die orthodoxe Staatskirche verlassen. Sie vertraten ein allgemeines Priestertum und fanden sich in Hauskirchen zusammen. Bekannteste «evangelikal»-altgläubige Gemeinschaft an der mittleren Wolga, im Kaukasus und heute auch in der westlichen Diaspora waren und sind die Molokanen, die «Milchtrinker». Sie wurden so genannt, weil sie die orthodoxen Fasttage – wie die Ikonenverehrung – aufgegeben hatten und an ihnen Milch und andere verbotene Speisen zu sich nehmen.

Die grosse Chance, zueinander zu finden

Mit dem Zustrom von orthodoxen Gastarbeitern und andern Migranten in der Schweiz und dem übrigen westlichen Europa erhält die orthodoxe Basis eine neue Gelegenheit, mit landes- und freikirchlichen Christen in Berührung zu kommen und ihr Vorbild in vielen Belangen anzuerkennen und nachzuahmen: Orthodoxe Gemeinden erleben mit ihren Gottesdiensten und Veranstaltungen in evangelischen Kirchen und Gemeindehäusern Gastfreundschaft. In der Schweiz wurde nach dem Vorbild landeskirchlicher und freikirchlicher Diakoniewerke 2005 das «Hilfswerk orthodoxer Christen» gegründet. Der ständige griechisch-orthodoxe Vertreter beim Weltkirchenrat in Genf, der ukrainische Erzbischof Jog Getcha, bezeichnet die orthodoxe Diaspora inmitten evangelischer Christen sogar als «die grosse Chance für unser Zusammenfinden».

Zum Thema:
Sie schreiben Geschichte: Erstes Mal seit 1'000 Jahren: Papst trifft orthodoxen Patriarchen
Patriarch in Taizé: Orthodoxe Jugend muss sich Nischen suchen
Das orthodoxe Paradox: Opposition von Glaubensverwandten

Datum: 31.05.2017
Autor: Heinz Gstrein / Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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