Altpolitiker Heiner Geissler

«Die Kirchen haben ihren politischen Auftrag verschlafen»

Die kapitalistisch orientierte globale Marktwirtschaft hat heute kaum noch Gegner, schon gar nicht in den Kirchen. Völlig falsch, findet Altpolitiker Heiner Geissler. Und er hat gute Argumente.

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Heiner Geissler
Der ehemalige CDU-Generalsekretär und heute 86-jährige Heiner Geissler fordert in seinem neuen Buch «Was müsste Luther heute sagen?» die reformierten und katholischen Kirchen auf, die Spaltung zu begraben und vereint gegen die dominierende Weltwirtschaftsordnung anzutreten.

Die Diktatur der Ökonomie

Eine ganz schön kühne Forderung. Ist der Altpolitiker noch bei Trost? Auf jeden Fall ist er ein scharfer Denker und leidenschaftlicher Kämpfer für eine bessere Welt. Er rechnet vor: Das weltweite Bruttosozialprodukt beträgt heute 70 Billionen Dollar. Die weltweite Geldmenge aber 300 Billionen. 230 Billionen sind also nur dazu da, um «in Nanosekunden Geschäfte zwischen London, New York und Frankfurt zu tätigen» und die Vermögen einiger Reicher zu steigern. Und dies ohne Rücksicht auf die Umwelt und die Tatsache, dass die Kluft zwischen Reich und Arm immer grösser wird. Die Diktatur der Ökonomie sei auch verantwortlich dafür, dass heute der rohstoffreiche Kontinent Afrika regelrecht ausgebeutet werde. Mit der Folge, dass Millionen Flüchtlinge in Europa ein besseres Leben suchen.

Es braucht daher laut Geissler eine neue Wirtschaftsordnung. Geissler poltert in einem Interview mit kirchenbote-online: «Die Kirchen haben es verschlafen, ein Zeichen gegen eine ungerechte Weltordnung zu setzen.» Noch sei Papst Franziskus der einzige, der sich für dieses Anliegen einsetze. Eine Basis für diese Wirtschaftsordnung sieht Geissler in der Rückbesinnung auf die Soziale Marktwirtschaft, die aus einem Bündnis des Ordoliberalismus mit der katholischen Soziallehre und der evangelischen Sozialethik entstanden sei.

Geld regiert die Welt

Statt jedoch auf die Bedürfnisse der Menschen unserer Zeit einzugehen, hätten die katholische und die reformierte Kirche viel Energie dafür verwendet, eine Einigkeit in der Rechtfertigungslehre zu erarbeiten, die aber für die heutigen Menschen kein Problem darstelle. Der heutige Mensch sehe sich nicht mehr als Sünder und wolle von den Theologen nicht länger als einer dargestellt werden, der von Sünde erlöst werden will.

Geissler hat den Mut, sich in viele Nesseln zu setzen. Es gäbe viele Gründe, ihm zu widersprechen. Dass aber die Ökonomie heute alles regiert, und zwar in einer Weise, dass sogar die Kirchenleute immer wieder «vom Markt» reden, wenn sie ihre Angebote machen, ist nicht von der Hand zu weisen. Wir stehen im Zeitalter einer «Finanzokratur». Noch nie konnte man so eindrücklich beobachten, wie «Geld die Welt regiert». Wie kürzlich in der Session der eidgenössischen Räte. Es fehlen aber tragende Gedanken, was unsere Gesellschaft trägt und wohin sie sich entwickeln sollte. Und es fehlt der Wille der Politik, wieder die Oberhand über die Wirtschaftsmächte zu gewinnen, statt die Zügel noch mehr schleifen zu lassen.

Neue Menschen für eine neue Welt

Zum Glück gibt es den Propheten Heiner Geissler. Allerdings müsste ihm entgegengehalten werden, dass es Menschen sind, die sich von Geiz und Gier leiten lassen, also von Sünde, wenn sie sich auf Kosten anderer bereichern. Die Rechtfertigungslehre hat somit mehr mit dem beschriebenen Problem zu tun, als Geissler wohl wahrhaben möchte. Es braucht neue Menschen, die sich in der Begegnung mit dem Schöpfer und Jesus Christus zu einem neuen Menschen verändern lassen, damit eine neue Welt entstehen kann. Gerade auch diese Botschaft müsste die Kirche lauter sagen. Es braucht die Vision einer neuen Gesellschaft, und es braucht auch die Botschaft vom neuen Menschen, angetrieben von der empfangenen Gnade, damit die Welt anders wird. Denn: «Das Reich Gottes ist schon unter euch», sagte einst Jesus von Nazareth.

Zum Thema:
Fresh Expressions: Wie sieht Kirche in der pluralen Gesellschaft aus?
Glaube und Recht: «Gott will eine gerechte Gesellschaft» 
Kapitalismus: «Könnte die Wirtschaft christlicher sein?»
Schuldenkrise: Wir brauchen eine Reform des Kapitalismus

Datum: 03.10.2016
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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