James Greens Suche

«Nur die Liebe erhält die Männer hier am Leben»

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Szene aus dem Film «Der Soldat James Ryan»: Auch das Buch «Drei Sommer wie ein Winter» beschreibt die grausame Realität des Krieges.
Wie stark kann sich der Verlust eines Vaters auf einen jungen Mann in der Adoleszenz auswirken? Übernimmt in diesem Fall der barmherzige Gott die Rolle eines fehlenden Vaters? Dieser Frage ist Iris Muhl in ihrem neuen Roman «Drei Sommer wie ein Winter» nachgegangen.

James Green verliert 1913 seinen Vater bei einem Autounfall. Seine grösste Angst ist es jetzt, auch noch andere Menschen zu verlieren. Als er wenig später von seiner grossen Liebe Monica getrennt wird und mit 18 Jahren an die Front in Frankreich zieht, überkommt ihn die totale Hoffnungslosigkeit. Doch Gott ist mit ihm noch lange nicht fertig. Wir bringen einen Ausschnitt aus dem spannenden Buch.

2. September 1916, 17 Uhr, vermerkte Jimmy in sein braunes, speckiges Büchlein, das er immer bei sich trug. Er lag im Schützengraben, dicht gedrängt neben Seth und seinen Kameraden von der Abteilung. Jetzt warf er einen vorsichtigen Blick nach oben. Das Dröhnen liess nach. Soeben hatte ein deutsches Flugzeug ihr Lager, das hinten am Waldrand lag, überflogen. Wahrscheinlich ein Kundschafter, der nicht klug genug ist, ausserhalb unseres Barackenlagers vorbeizufliegen, dachte Jimmy. Mit Maschinengewehrsalven versuchten die Engländer den Vogel herunterzuholen. Hinter ihnen erklang ein Rattern und Pfeifen. Minuten später, als das Dröhnen der ungeheuerlichen Himmelskiste kaum mehr zu hören war, erschallte ein gewaltiger Knall im dichten Waldgebiet. Das Flugzeug war brennend abgestürzt. Seth und Jimmy standen auf, stellten sich auf die aus Holz eingebauten Grabentreppen und blickten in Richtung englische Armeeküche, hinter den Maulwurfgräben vor dem Wald gelegen. Schwarzer Rauch wirbelte über der Absturzstelle empor und vermischte sich mit dem stillen Blau des Himmels. Die khakifarbenen Uniformen, die Jimmy und die Soldaten trugen, hoben sich in dieser heissen Einöde kaum von dem trockenen Erdboden ab. Sein Kamerad Seth schüttelte den Kopf. «Was für eine taube Nuss.»

Jimmy setzte den winzigen Bleistift auf die frische Seite des Büchleins und schrieb unterhalb des Datums weiter.

Monica, Liebste. Ich widme dir mein Notizbuch, das ich immer bei mir trage. Ich gehe davon aus, dass ich hier nicht lebend davonkommen werde, deshalb richte ich meine Worte nur noch an dich. Meine Hoffnung, dich wiederzusehen, ist längst erkaltet. Dessen ungeachtet will ich dir schreiben, denn was zwischen uns war, erhält meinen Geist am Leben. Man tut hier gut daran, gewisse Dinge einfach anzunehmen, ohne die Fakten zu beurteilen. Als Soldaten gehen wir aufs Feld, als Soldaten kehren wir in die Baracken und Zelte zurück. Hier vergisst man, Mensch zu sein. Nur die Liebe erhält die Männer hier am Leben. Das Wissen um eine Familie, um einen Menschen in der Heimat, der auf einen wartet. Auch ich sehne mich nach meiner Familie. Besonders aber nach dir. Auch wenn du mich wahrscheinlich vergessen hast, meine Liebe zu dir bleibt lebendig.

«Achtung, Kompanie antreten!», brüllte der Staff Sergeant durch den Erdgang. Rund siebzig Soldaten standen sofort stramm und zwängten sich in Reih und Glied, soweit es im engen Graben möglich war. Plötzlich trabte ein Funker mit zwei Armierern im Schlepptau an und stellte sich vor den Warrant Officer, der die Kompanie inspizieren wollte.

«Officer, Sir, Durchbruch des deutschen Bataillons bei Chaulnes, rund fünfzig Kilometer von hier. Sie verfügen auch über Kavallerie, Sir. Sie haben unsere halbe Kompanie ausgelöscht. Unsere Leute brauchen dringend Verstärkung.» Der Officer, mit sauberer Khaki-Uniform und zwei goldenen Sternen neben der Krone auf dem Abzeichen, blickte düster.

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Autorin Iris Muhl
«Danke, Private. Männer, wir haben in Chaulnes zu tun. Heizen wir den Deutschen ein. Ein kurzer Fussmarsch liegt vor uns. Vielleicht zwei, drei Stunden. Wir schlagen uns durch den Wald vor Chaulnes. Los, fertigmachen zum Abmarsch.» Die Soldaten rannten mit starrem Ausdruck hintereinander in das Lager. Alle waren stumm. Sie suchten schweigend ihre Habe zusammen und packten sie wortlos an ihren Leib: Mantel, Rucksack, Essgeschirr, Brotsack, Gewehr, Patronentasche, Feuerzeug, Zigaretten. Artilleristen und Pioniere packten Munition und kleine Granaten auf den Pferdewagen. Abmarsch in Zweierreihen. Jimmy hatte sein Büchlein in seiner Futtertasche. Dort konnte es nicht verlorengehen. Er warf einen Blick zurück auf den Munitionswagen, der mit einigem Abstand zur Kompanie hinterherfuhr. Er erinnerte sich. Am ersten Tag der militärischen Ausbildung hatte der Offizier die englische Artillerie vorgestellt. Voller Stolz hatte er quer über das Gelände geschrien: «Die Brigade ist der höchste Artillerieverband. Die fahrende Abteilung mit Kanonen oder Haubitzen besteht aus drei, die reitende aus zwei Batterien. Jede Abteilung besitzt eine leichte Munitionskolonne. Die Gefechtsbatterie besteht aus sechs Geschützen und zwölf Munitionswagen.» Und wozu das alles?, fragte sich Jimmy.

Mit regelmässigen Schritten folgte er dem kleinen Soldaten vor ihm. Der Fussweg zog sich durch ein dichtes Waldgebiet, wie es der Offizier vorausgesagt hatte. Zweige und Blätter flogen Jimmy ins Gesicht, ein Durcheinander von Ranken und Brombeergesträuch stellte sich den Soldaten entgegen und riss an ihren Röcken. Da gab es Haselstauden und wilde Kirsche, aufstrebende Stämme und kleines Blattwerk. Plötzlich tat sich unter ihnen eine grüne Schlucht auf, die auf sie wirkte wie das Paradies. Im Flussgebiet der Somme gab es Hunderte von kleinen Bächen und Weihern. Die Vögel zwitscherten und Jimmy spürte das erste Mal seit Wochen, wie in ihm Freude aufkam, am Leben zu sein. Er blickte nach oben, wo ein Stück blauer Himmel ihn fröhlich anlachte. Plötzlich heulte ein Geschoss über sie hinweg. Es schlug vor ihnen in den Boden ein und tötete einen Soldaten in den vorderen Reihen. Alle warfen sich auf den Boden. Schwarzer Rauch, Heulen und Schreien. Splitter und grosse Erdbrocken flogen durch die Luft. Jimmy blickte auf. Maschinengewehrschüsse ratterten ihnen entgegen und sie duckten sich. Erneut das Einschlagen von grossen Geschossen, Soldatenschreie, diesmal in deutscher Sprache. «Los, zurückziehen, Männer!», schrie der Offizier, der sich auf die Knie gesetzt hatte. Offenbar war er verletzt worden, denn in seinem Gesicht klebten Blutspritzer. «Zurückziehen!»

Jimmy erhob sich, lief wie im Fieber mit seinen Kameraden in die entgegengesetzte Richtung und warf sich verzweifelt unter ein dichtes Dornengestrüpp. Kratzen und Reissen im Gebüsch, gleichzeitig das Hämmern und Drängen aus dem Hinterhalt. Adrenalin schoss durch seinen Körper. Er sah sich in Sekundenschnelle um, durchforstete mit seinem scharfen Blick den dicht bewachsenen Landstrich, wie er es in Südafrika gelernt hatte. Er vernahm den Geruch des trockenen Bodens und legte sein Kinn in die Erde. Das war nicht der prickelnde Duft von sandigem afrikanischem Boden, befand Jimmy, das war der Geruch von französischer Erde, Krieg und Tod. Steine stachen ihn in die Haut. Jimmy lauschte seinem Atem. Keine Deutschen zu sehen, nur ein fernes Rattern und ein nahes Rascheln. Jetzt schoss ein Kamerad in Richtung des Knirschens im gegenüberliegenden Gebüsch. Jimmy und seine Kameraden zuckten zusammen. Da, der Helm eines deutschen Soldaten, der unter dem Gefechtsfeuer aus dem Gebüsch fiel und liegen blieb. Sogleich stürzte auch sein Besitzer mit blutender Brust aus dem Dickicht. Zitternd legte Jimmy seine Hände über den Helm. Dann folgte das Donnern eines Maschinengewehrs, Heulen und Schreien. Unvermittelt zischte eine Handgranate ins Gestrüpp und zerbarst. Jimmy verlor die Besinnung.

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Das Buchcover zu «Drei Sommer wie ein Winter» von Iris Muhl
Zum Buch
Titel: Drei Sommer wie ein Winter
Autor: Iris Muhl
ISBN: 978-3-775154-74-1
Verlag: Hännsler
Erscheinungsdatum: 10.2013
Seiten/Umfang: 256 S.

Rezensionen zum Buch finden Sie hier

Zum Thema:
Das Interview zum Buch

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Datum: 24.11.2013
Autor: Iris Muhl
Quelle: Jesus.ch

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