Aus dem Kontext gerissen

Fünf Lieblingsmissverständnisse in der Bibel

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Die Bibel stammt aus einer völlig anderen Zeit. Gläubige Menschen lesen sie oft in kurzen Abschnitten. Für sich selbst und andere zitieren sie dann manchmal noch kürzere Absätze daraus. Kein Wunder, dass sie dabei manches missverstehen.

Dieser Artikel ist kein Plädoyer gegen die Bibel oder gegen Menschen, die darin lesen. Im Gegenteil. Er soll dazu anregen, Gottes Wort im Zusammenhang zu lesen, es ernst zu nehmen und nicht auf eine Sammlung erbaulicher Zitate zu reduzieren. Wer nur nach einem Schlüsselbegriff sucht und einen Bibelvers deshalb auf sich selbst bezieht oder jemandem anderem weitergibt, der läuft Gefahr, diesen Vers falsch zu verstehen und zu missbrauchen. Bei den folgenden fünf Versen geschieht dies besonders oft:

Wo zwei oder drei

«Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen» (Matthäus, Kapitel 18, Vers 20).
Wenn zur Gebetsstunde wieder einmal weniger gekommen sind, als man erwartet hat, dann tröstet man sich gern mit diesem Vers. Oder man unterstreicht damit den Wert einer Gebetsgemeinschaft, denn Jesus ist ja dabei…

Tatsächlich fällt diese Aussage von Jesus in einem völlig anderen Zusammenhang. Er spricht zu seinen Jüngern darüber, wie sie mit Sünde umgehen sollen, genauer: mit Menschen in ihrer Gemeinschaft, die in Sünde leben. Diese sollen unter vier Augen liebevoll zurechtgewiesen werden. Falls solch ein Vorgehen keinen Erfolg hat, sollen zwei oder drei dafür beten und das Gespräch mit der betreffenden Person suchen. Es geht also nicht um allgemeine Gebetsgemeinschaft, sondern um «Gemeindezucht», das Begleiten und Korrigieren von Glaubensgeschwistern.

Richtet nicht

«Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet» (Matthäus, Kapitel 7, Vers 1).
Wenn jemand völlig anderer Meinung ist als man selbst und das auch noch sehr kritisch unterstreicht, dann wird dieser Vers oft als «Trumpfkarte» der Toleranz gezogen: «Halt, du darfst mich nicht richten, das steht nur Gott zu.»

Tatsächlich betont Jesus mit diesem Satz der Bergpredigt etwas anderes. Ein Beurteilen anderer Menschen bzw. ihrer Taten kommt an vielen Stellen der Bibel vor. Wenig später (Vers 20) unterstreicht er in Bezug auf andere Menschen und ihre Haltung sogar: «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen». Doch was meint Jesus dann in Vers 1? Er warnt Menschen vor Selbstgerechtigkeit und Heuchelei. Und er betont, dass jeder Richtende damit rechnen muss, nach den eigenen Massstäben auch selbst beurteilt zu werden.

Seid still

«Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will der Höchste sein unter den Heiden, der Höchste auf Erden» (Psalm 46, Vers 11).
Wenn man zur Ruhe kommt, dann erkennt man Gott besser als in hektischer Betriebsamkeit. Das suggerieren jedenfalls Postkarten mit Sonnenuntergängen und den ersten Worten dieses Verses.

Tatsächlich löst sich dieses Missverständnis bereits auf, wenn man den Vers komplett zitiert. Und wer Psalm 46 als Ganzes liest, der merkt schnell: Die Stille ist hier nicht der Weg zu Gott. Im Gegenteil. Sie ist das Ergebnis davon, dass sich Menschen mitten im Durcheinander und den Nöten ihres Lebens bewusst machen, dass Gott die Kontrolle nicht verloren hat. Er regiert. Er tröstet. Er bleibt bei uns.

Gedanken des Friedens

«Denn ich weiss wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet» (Jeremia, Kapitel 29, Vers 11).

Wenn man vor der Abschlussprüfung steht, wenn ein Projekt unbedingt gelingen soll oder Krankheit und Leid das Leben beeinträchtigen, dann wird dieser Vers gern und oft zitiert: Ich gebe euch das Ende, auf das ihr wartet. Verspricht Gott hier nicht Anerkennung, Reichtum, Gelingen und Erfolg?

Tatsächlich ist diese wunderbare Verheissung Gottes gar nicht an jemand Einzelnen gerichtet. Gottes Volk ist im Exil, in der babylonischen Gefangenschaft. Und in diese scheinbar ausweglose Situation hinein verspricht er ihnen: Ihr habt eine Zukunft. Ich habe euch nicht aufgegeben. Der Friede, von dem Gott spricht, der positive Ausgang, ist kein vordergründiger Erfolg oder finanzieller Gewinn. Gott unterstreicht vielmehr seine Absicht zu retten.

Ich vermag alles

«Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht» (Philipper, Kapitel 4, Vers 13).
Wenn man nur auf Jesus vertraut, dann ebnen sich alle Wege, dann wird das eigene Leben zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte, dann wird man quasi zum Superchristen, der alles kann. So klingt dieser Vers, wenn man ihn isoliert betrachtet. Und so wird er auch oft verstanden.

Tatsächlich verkehrt man ihn mit diesem Verständnis in sein Gegenteil. Als Paulus dies schreibt, ist er nämlich nicht auf der Strasse des Erfolges unterwegs, sondern ist eingesperrt und wartet auf seinen Prozess. Sein «ich vermag alles» biegt nicht die Gitter vor seinem Fenster auf, es unterstreicht vielmehr, dass er trotz dieser widrigen Umstände an Jesus festhalten kann. Freude – ein zentraler Begriff im Brief an die Philipper – ist eben nicht nur möglich, wenn die Sonne scheint. Als Geschenk Gottes bestimmt sie Paulus’ Leben selbst, wenn alles dagegen spricht. Und dieses Angebot macht der Apostel auch den Philippern und uns.

Die Bibel enthält viele Zusagen Gottes. Zusagen, die Kraft geben, Perspektive eröffnen und Hoffnung vermitteln. Wirklich tragfähig sind sie dann, wenn wir sie auf das beziehen, wofür Gott sie gegeben hat.

Die Auswahl der fünf Bibelverse stammt von Shane Pruitt.

Zum Thema:
Bibellesen nach Luther: 5 Tipps, wie man die Bibel verstehen kann
Leben als Christ: Mythos Berufung – 3 Fehler, die Sie vermeiden sollten
Die Bibel verstehen: Die Brillen der Bibelleser reinigen

Datum: 12.05.2017
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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