Beste Form des Loslassens

Versöhnung gut für die Gesundheit

Verbitterung kann in verstärkter Form zu einem krankheitsähnlichen Zustand führen, der Betroffene schwer beeinträchtigt und Behandlung erfordert. Wie kann man so eine Verbitterung überwinden?

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Viele kommen ein Leben lang nicht mehr aus ihrer Verbitterung heraus.
Raphael Bonelli, Psychotherapeut sagt: „Anders als bei der Belastungsstörung bildet sich die krankhafte Verbitterung infolge von Ereignissen, die den Menschen in ihren zentralen Lebensbereichen treffen. Das kann eine Kündigung sein, eine Trennung in einer Partnerschaft oder auch gebrochene Treue. Betroffene fühlen sich häufig ungerecht behandelt und sehen nur, dass es den anderen besser geht", so Bonelli.

Opferrolle aufgeben

Aus dem ständigen Hadern mit dem Schicksal könne sich eine lang anhaltende psychische Krankheit entwickeln. "Alles Unglück wird auf ein Unrecht in der Vergangenheit zurück geführt, das nicht mehr änderbar ist, das aktiv in Erinnerung bleibt und an dessen Wunden ständig gerissen wird."

Die manchmal sogar lebenslange Dauer der Verbitterung kommt laut Bonelli dadurch zustande, dass Betroffene oft in einer passiven Opferrolle verharren. "Es bildet sich eine Unversöhnlichkeit, die das Verstehen der anderen Seite unmöglich macht." Aus Trotz gehen viele nicht in Therapie, sondern verbohren sich im eigenen Unglück.

Ertragen statt verzweifeln

Überwinden kann man Verbitterung durch das Loslassen. "Verbitterte wollen die absolute Gerechtigkeit hier und jetzt erleben. Man kommt jedoch erst durch die Erkenntnis weiter, dass diese Gerechtigkeit nicht existiert und alles Erlebte bloss relativ ist."

Der Berliner Psychiater Michael Linden, der als erster das Krankheitsbild beschrieben hat, schlägt für die Behandlung eine sogenannte "Weisheitstherapie" vor. "Es geht darum, das erfahrene Unrecht zu ertragen statt an ihm zu verzweifeln. Dabei versucht man unter anderem, die Perspektive zu wechseln", so Bonelli. Entsprechend der klassischen Methodik wird der Konflikt zunächst aufgezeichnet und dann in verschiedenen Sichtweisen dargestellt, deren Existenz von Erkrankten zuvor oft geleugnet wurde. Der Therapeut berührt jedoch nicht den inhaltlichen Grund der Verbitterung, sondern andere, scheinbar unlösbare Situationen. Diese lassen leichter erkennen, dass ein Weg aus dem Unglück heraus existiert.

Mitgefühl fehlt

Betroffene haben verlernt, sich schweren Lebensproblemen zu stellen. Die Fähigkeit, sich weise zu verhalten und angemessene – angepasste – Bewältigungsstrategien zu entwickeln, ist durch ein traumatisches Erlebnis gestört. Sie haben die Fähigkeit zu Mitgefühl, die Kraft zu Veränderung verloren, und es wächst die Angst vor einer ungewissen Zukunft, vor dem Nichterreichen von Zielen. Die Angst drückt sich in Verbitterung aus.

Verzeihen als Schlüssel

"Bisher wurde der Aspekt des Verzeihens in Europa kaum wissenschaftlich behandelt, vermutlich aus Angst, dass der Begriff automatisch Religion impliziert. Verzeihung ist jedoch in erster Linie ein psychischer Akt statt ein religiöses Phänomen", betont Bonelli. Verzeihung als "beste Form des Loslassens" beschreibe einen Prozess, der im Wesentlichen zwei Voraussetzungen brauche. "Erstens ist die Erkenntnis nötig, dass man auch selbst Fehler macht. Erst dadurch wird man bereit, auch dem Täter falsches Handeln zugestehen zu können. Zweitens brauche man eine Portion Grossmut, um tatsächlich ein 'Schwamm drüber!' sagen zu können."

Vergebung sollte Pflichtfach sein

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Prof. Dr. med. Helmut Renner meint: „Vergeben ist der erste Schritt zum Gesundwerden, zum Seelenfrieden. Frieden zu finden und Frieden zu haben, ist nur möglich durch Vergebung. Es geht es um die persönliche Vergebung der „Schuld" eines meiner Mitmenschen an mir, was dieser mir angetan hat, womit er mich verletzt hat, wodurch er mein „Schuldiger" geworden ist. In der „Schule des Lebens" müsste Vergebung ein Pflichtfach sein“, so Renner.

Kann ich es mir überhaupt leisten, nicht zu vergeben? Nichtvergeben schadet mir selbst. Nichtvergeben legt in Ketten, errichtet Mauern, verhärtet das Herz. Ohne Vergebung ist bei vielen Problemen keine Hilfe. Wenn ich nicht vergebe, bleibe ich weiterhin gefangen, gebunden, in Fesseln. Wenn ich nicht vergebe, öffne ich körperlichen und seelischen Krankheiten Tür und Tor. Die Erkenntnis muss lauten: Ich kann es mir nicht leisten, nicht zu vergeben.

Vergeben ist biblisch fundiert

Vergebung mit unseren „Schuldigern" ist immer möglich. Versöhnung mit unseren „Schuldigern" wird zwar nicht immer gelingen, wenn der andere nicht oder noch nicht zur Versöhnung bereit ist. Das Wesen des Vergebens ist nicht Vergessen, nicht Unter-den-Teppich kehren. Vergeben ist nicht etwas Passives, Vergeben ist etwas Aktives.

Vergeben ist biblisch fundiert, ein klarer biblischer Auftrag, eindeutiger geht es nicht mehr. Schon im Mustergebet, dem „Vater Unser“ wird das betont: „Vater, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."„Vergebt einander, wie auch Gott euch in Christus Jesus vergeben hat." Vergeben zerschneidet meine negativen Bindungen an die verletzende Person und an die erlittene Ungerechtigkeit. Und so wird aus Vergeben auch Freigeben: ich gebe mich frei, ich gebe meinen „Schuldiger" frei, ich gebe Gott frei, ich gebe Gott Freiraum, dass Gott nun frei an mir und an meinem „Schuldiger" wirken kann in seiner Liebe und Barmherzigkeit. Nicht nur ich, der Verletzte, braucht Gottes Hilfe, Gottes Liebe, Gottes Barmherzigkeit, auch mein „Schuldiger" braucht Gottes Hilfe.

Der Versöhnungsgedanke ist die Grundlage jeder Beziehung. Aus der Versöhnung mit Gott ist es dem Menschen möglich, Versöhnung mit sich selbst und dem Nächsten zu leben, was Beziehung erst gesund sein lässt.
 

Mehr zum Thema:

Interview mit dem Psychotherapeuten Michael Linden. Die Kränkung bleibt präsent.
Vergeben und vergessen?

 


Quelle: Livenet / pte

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