Ehe

„Es lohnt sich, Krisen durchzustehen“

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„Für alles machen wir eine Ausbildung, nur auf die Partnerschaft bereiten wir uns nicht vor.“
Wir haben uns längst daran gewöhnt: Scheidungen gehören zum modernen Leben. Dabei tritt wohl kaum ein Paar mit dem Ziel vor den Traualtar, sich hinterher wieder zu trennen. Was man tun kann, um eine Beziehung vor dem Scheitern zu bewahren, und wie man möglichst frühzeitig auf Alarmsignale reagiert.

Die Eheberater Dr. Volker und Felicitas Lehnert über Möglichkeiten, eine Partnerschaft vor dem Scheitern zu retten.

Immer mehr Paare scheitern, selbst langjährige Ehen gehen auseinander, was sind die Ursachen?
F. Lehnert: Ganz knapp zusammengefasst: Viele Menschen wollen ein Leben lang geliebt werden, aber sie kommen nicht zu dem Punkt, wo sie den anderen ein Leben lang lieben.

Und konkreter?
F. Lehnert: Ich denke, dass die Erwartung an eine Ehe in den letzten Jahrzehnten ungeheuer zugenommen hat. Sie ist für den ganzen Glücksbedarf eines Menschen zuständig. Und die Möglichkeit, sich wieder zu trennen, ist zum einen finanziell einfacher geworden als vor hundert Jahren und zum anderen auch gesellschaftlich salonfähiger.

Aber macht eine gute Partnerschaft Menschen denn nicht wirklich glücklicher?

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Dr. Volker Lehnert
V. Lehnert: Sicher. Das funktioniert aber nur dann, wenn die beiden Menschen das Ziel haben, sich gegenseitig zu bereichern. Liebe muss sich verschenken, erst dadurch entsteht Glück. Das heißt, als Mann will ich dann das Leben und das Empfinden meiner Frau bereichern durch alles, was ich bin und kann und habe. Diese Liebe, die sich selbst verschenkt, ist das A und O einer Beziehung. So definiert es schon die biblische Überlieferung.

Wir sind also gewissermaßen im Glückswahn und überfrachten einander mit Ansprüchen?
V. Lehnert: Stimmt. Wie in amerikanischen Liebesfilmen erwarten wir, dass der Partner alles bringt, was man selber in seinem Leben gerne hätte. Wir haben die Mentalität von Jägern und Sammlern und übertragen den Konsumgedanken unserer Zeit auch auf Beziehungsfragen. Wir wollen in der Partnerschaft etwas bekommen und wenn der Partner das nicht bringt, wechseln wir ihn aus, anstatt zu überlegen, woran es liegt.

F. Lehnert: Hinzu kommt, dass Rollenvorstellungen so ins Wanken geraten sind, dass jedes Paar für sich neu definieren muss, wie die Rollen aufgeteilt werden, was Mannsein bedeutet, was Frausein bedeutet, was Elternsein bedeutet, ob man überhaupt Kinder bekommen will und so weiter. Man mag kritisieren, dass das früher alles sehr festgelegt war und man da nicht mehr herauskam. Heute hingegen kommt man nicht mehr hinein.

Das klingt nach sehr viel Arbeit, wenn man sich für eine verbindliche Partnerschaft entscheidet.
V. Lehnert: Beziehung muss auf jeden Fall gestaltet werden und das kostet immer wieder neu unsere Bereitschaft, an uns selbst und an der Partnerschaft zu arbeiten. Eine Partnerschaft ist eben kein Konto, von dem man immer nur abheben kann, sondern auf das man auch regelmäßig einzahlen muss.

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Felicitas Lehnert
F. Lehnert: Ein anderer Aspekt wäre, dass wir in dieser Gesellschaft sehr dazu neigen, uns nach außen hin so zu verkaufen, wie wir uns gerne hätten. In einer tiefen Beziehung ist das aber nicht mehr möglich. Das heißt, der Partner sieht in mir Eigenschaften, die ich an mir selbst nicht gut finde. Und dass möchte ich umgehen, indem ich mich einfach von dem Partner trenne. Ich will nicht mehr in den Spiegel schauen. Der Gedanke an eine Scheidung ist heute in einem Konfliktfall sehr, sehr schnell zur Hand.

Viele Menschen haben bei den eigenen Eltern erfahren, dass eine Ehe scheitern kann. Die Sorge ist dann oft sehr groß, dass das auch in der eigenen Partnerschaft passiert. Ist eine Ehe zu umgehen die bessere Lösung?
F. Lehnert: Nein, denn nicht zu heiraten bedeutet auch, dass eine Liebesbeziehung nicht mehr den nötigen Schutz hat. Wenn man in früheren Generation noch gelernt hat, dass die Ehe ein Haus ist, in dem die Beziehung stattfindet, und das Haus war zu dunkel oder zu ungemütlich, war es mit Sicherheit nicht die Lösung zu sagen, wir schlafen auf der Straße. Ich beobachte heute in der Beratung bei vielen Paaren, die keine Ehe eingegangen sind, dass sie innerlich dennoch den Wunsch nach diesem Schutzraum haben. Sie sind sehr vielen Gefahren von außen ausgesetzt, die ihnen oft am Anfang nicht bewusst waren.

Wenn man negative Erfahrungen gemacht hat oder einfach Bindungsängste hat – kann man lernen sich auf eine Ehe vorzubereiten?
V. Lehnert: Das kann man, indem man erst einmal über Grundstrukturen einer Beziehung nachdenkt. Darüber gibt es gute Literatur, sowohl in psychologischer als auch in geistlicher Hinsicht. Und es gibt ja immer noch in der Mehrheit funktionierende Ehen, die uns als Vorbilder wichtige Impulse geben. Wir müssen außerdem wieder neu entdecken, dass Männer und Frauen unterschiedlich ticken. Gleichwertig heißt eben nicht gleichartig. In der Eheberatung merken wir häufig, dass Menschen von dem eigenen Empfindungsmuster auf das gegengeschlechtliche Muster schließen. Hier kann es zu echten Aha-Erlebnissen kommen, wenn man sich mal genauer mit dem anderen Geschlecht beschäftigt.

Eheberater plädieren schon für eine Art „Eheführerschein“.
V. Lehnert: Es ist auf jeden Fall sehr sinnvoll, gewisse Grundkenntnisse in der Frage der Beziehungsführung zu erwerben. Einen freiwilligen Eheführerschein oder andere Ehevorbereitungen können wir nur unterstützen. Eine Beschäftigung mit dem Thema könnte schon in der Schule beginnen. Aber auch Seminare und Ehevorbereitungskurse im christlichen Raum laufen mit großem Erfolg. Wenn Sie bedenken, dass wir in diesem Land für alles, was wir machen, eine breite Ausbildung brauchen, nur für zwei Dinge nicht, nämlich wie ich eine Beziehung führe und wie ich meine Kinder erziehe, dann wird schon deutlich, dass wir hier einen enormen Lernbedarf haben. Wir vernachlässigen die existenziellsten Dinge.

Was kann man in der Ehe tun, um die Partnerschaft zu festigen?

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Wo Beziehung aktiv gestaltet wird, ist immer wieder ein Neuanfang möglich.
V. Lehnert: Man muss den Grundgedanken dessen verstehen lernen, was Liebe ist. Liebe ist innere Einstellung, dem anderen Gutes zu wollen. Auf eine einfache Formel gebracht: Sagen, was man möchte, und tun, was der andere braucht. Unsere Gesellschaft lebt genau andersherum: Man sagt nicht, was man will, hat aber unbewusste Forderungen und pflückt den anderen ab.

Weiterhin müssen Paare gegenseitige Wertschätzung einüben.Viele Partner setzen sich gegenseitig herab und entwürdigen einander – oft auch, indem sie Druck von außen aus dem Berufsleben in die Beziehung tragen – anstatt sich gegenseitig aufzubauen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist es, einen Lebensstil der Vergebung zu praktizieren. Auch der Verzicht auf Machtkämpfe und Forderungen in der Ehe wäre ein Element von Liebe. Man kann dieses Lernen fördern, indem man sich Freunde sucht, deren Ehe funktioniert, gute Literatur gemeinsam liest oder auch an Seminaren teilnimmt. Wichtig ist immer wieder: Miteinander reden und nach Lösungen suchen.

Gibt es eine Art Frühwarnsystem, wenn das alles nicht so funktioniert?
F. Lehnert: Wenn das Verhalten in einer Konfliktsituation in keinem Verhältnis mehr zum Auslöser steht, dann gilt es dringend dem nachzugehen, was da überhaupt die Wurzeln sind. Das sind häufig Dinge aus der eigenen Lebensgeschichte, die dann wachgerufen werden. Dass der andere in einem Konflikt auf eine in mir Wunde stößt, die schon vorher da war. Wenn man da das Gefühl hat, hier fangen Schatten an zu spielen – und das merken Paare schon – dann wäre es sinnvoll, früh in die Eheberatung zu kommen. Ich beobachte es häufig, dass Paare eigentlich viel zu spät kommen. Das ist wie wenn einer erst zum Arzt kommt, wenn er voller Metastasen ist und dann zum Arzt sagt: „Mach mich mal gesund mit einer Tablette.“

Ist Eheberatung denn wirklich die Mühe wert?
F. Lehnert: Ich würde das gerne wieder mit dem Haus vergleichen: Wenn ein Haus renovierungsbedürftig ist, dann ist die Arbeit noch überschaubar. Wenn das Haus sanierungsbedürftig ist, ist das zwar richtig viel Arbeit, aber hinterher hat man ein Fundament und ein erneuertes Dach über dem Kopf. Was aber ein Abriss eines Hauses eigentlich mit sich bringt, ist den Menschen häufig nicht bewusst. Eine Scheidung kostet immer sehr viel Kraft und Schmerz und Arbeit.

Was sind die psychologischen Folgen einer Scheidung?

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F. Lehnert: Das geht nie ohne tiefe Verletzungen ab. Und immer geht es ganz stark um die Problematik der Schuld. Das eigene Gefühl ist ein Versagensgefühl. Doch meistens gehen die Betroffenen damit nicht so um, dass sie bei sich selbst bleiben, sondern sie versuchen, die Schuld auf den anderen zu lenken. Motto: „Ich habe nur den Falschen gewählt. Der andere war einfach ein Missgriff. Und hätte ich den richtigen Partner oder die richtige Partnerin gewählt, dann wäre das nicht passiert!“ Das führt zwar oberflächlich zur eigenen Entschuldung, lässt aber die Persönlichkeitsentwicklung stagnieren. In der Regel läuft man dann in der nächsten Beziehung in genau die gleiche Falle.

Und welche Folgen hat eine Scheidung für Kinder?
F. Lehnert: Die sind katastrophal. Es wird zwar häufig gesagt: „Es ist besser, wir trennen uns, als wenn die Kinder immer im Krieg groß werden“, aber die echte Alternative ist nicht nur einfach weniger Krieg, sondern eine lebbare Familienform. Für Kinder ist eine Scheidung schlimmer, als wenn ein Elternteil stirbt. Dann könnte das Kind ja noch auf Trost hoffen aus der Umgebung. Weil Scheidung aber so salonfähig ist, ist das nicht der Fall, und das Kind steht mit seiner Verzweiflung wirklich alleine da. Kinder lernen außerdem durch eine Scheidung, dass es eine Lösung ist, einfach zu gehen. Sie verinnerlichen, dass ein Nest eine instabile Sache ist. Und: Ich kann mich grundsätzlich auf gar nichts verlassen. Weiterhin ist die Scheidungsrate später bei Scheidungskindern besonders hoch. Ein Grund ist der, dass Kinder, wenn sie die Scheidung der Eltern erlebt haben, unbewusst glauben, dass man Ehe nicht wirklich leben kann.

Wir haben schon über den Glauben als Ressource für eine Partnerschaft gesprochen. Wieso ist gerade der christliche Glaube eine Hilfe?
V. Lehnert: Erstens, weil er die Ehe vor ein unschätzbares Vorzeichen stellt: Wenn ich glaube, dass ich meine Frau oder meinen Mann aus Gottes Hand empfange, dann glaube ich zugleich, dass es kein Zufall ist, dass wir uns begegnet sind. Sozusagen an eine Hintergrundregie von höchster Stelle, die der Beziehung noch mal eine ganz andere Würde gibt...

... Irrtum ausgeschlossen?
V. Lehnert: Nein. Natürlich erkennen wir nicht immer genau, was Gottes Wille ist und handeln auch voreilig. Die Wahl eines Ehepartners will schon gut überlegt und geprüft sein. Aber dennoch gibt Gott jeder Ehe die Verheißung, dass er sich zu dem gemeinsamen Bund stellt und ein erfülltes Miteinander schenken will.

Zweitens: Wir haben gerade von der Liebe gesprochen, die sich verschenkt. Diese Liebe ist in Jesus Christus personifiziert. An ihm kann man wirklich ablesen, was es heißt, sich für andere dahinzugeben. Und das Dritte ist: Durch den Glauben an Christus sind wir sozusagen neu eingekleidet. Wir tragen die Vollkommenheit Jesu am Leibe und bewerfen uns daher nicht mehr so sehr mit Schlamm. Was Christus entsorgt hat, hauen wir uns hoffentlich hinterher nicht wieder um die Ohren.

Sind christliche Ehen also weniger gefährdet?
V. Lehnert: Wenn sie wirklich christlich sind und den Menschen bewusst ist, welchen Schatz sie da in diesem Glauben eigentlich haben – auch in psychologischer Hinsicht –, dann glauben wir das ganz gewiss. Dann hat man wirklich ein Potenzial an Möglichkeiten, die man sonst nicht hat. Da aber in den Kirchen diese Dinge selten so in Zusammenhang gebracht werden – den Glauben in Ehepsychologie zu übersetzen, das ist ja eine Kurve, die man erst mal kriegen muss – ist das vielen Paaren gar nicht so bewusst. Und durch die Tatsache, dass wir auch als Christen immer wieder über unsere Unvollkommenheiten stolpern, sind auch christliche Ehen zunehmend gefährdet.

Was sagt die Bibel zum Thema Scheidung?
V. Lehnert: Im Alten wie im Neuen Testament wird deutlich, dass es eigentlich von Gott her nicht gewollt ist, dass Menschen ihren Treuebund kündigen. Aber es gibt zwei Fälle, in denen Scheidung zugelassen wird: Erstens, wenn einer der beiden Ehepartner Christ wird und der nichtgläubige Ehepartner sich deshalb scheiden lassen will. Der andere Fall ist die berühmte Klausel in Matthäus 19, wo Jesus Scheidung auf Grund von Unzucht akzeptiert. Über die Bedeutung dieses alten Begriffes könnte man jetzt lange diskutieren. Wichtig ist aber auch das Gesamtverständnis des Neuen Testaments, dass ein Mensch, der gescheitert ist, auf Gottes Vergebung hoffen darf. Und auch auf eine Chance zum Neuanfang.

Wie lange sind Sie selbst verheiratet?
F. Lehnert: Wir haben in zwei Jahren Silberhochzeit.

Haben Sie schon einmal massive Konflikte in Ihrer eigenen Ehe erlebt?

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In der Krise steckt die Chance – es gibt Hoffnung!
F. Lehnert: Ja, absolut. Was bei uns nur nie in Frage kam, war die Möglichkeit einer Trennung. So wie wir auch schon mal Konflikte mit unseren Kindern haben, aber nie über die Möglichkeit nachdenken, sie deshalb zur Adoption frei zu geben. Aber Konflikte haben wir massiv gehabt. Wir sind vom Naturell her sehr unterschiedlich und beide nicht so veranlagt, dass wir leicht zurückstecken. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass nach jeder massiven Krise unsere Partnerschaft einen Quantensprung gemacht hat. Und das sage ich auch jedem, der in der Krise steckt: Es lohnt sich, nicht aufzugeben. In der Krise steckt die Chance – und es gibt Hoffnung.

Interview: Rainer Schacke

Zum Thema: Ratgeber-Dossier Ehe

Datum: 27.08.2005
Quelle: Neues Leben

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