Falsche Erwartungen

Das Märchen vom erfüllenden Reisen

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Reisen kann eine wunderbare Erfahrung sein. Doch Vorsicht vor falschen Erwartungen: Zu schnell verführen die beginnende Urlaubszeit und viele Berichte über geistliche Aufbrüche beim Reisen dazu, das Unterwegssein an sich zu glorifizieren. Gott und sich selbst finden ist aber zu Hause so gut möglich wie unterwegs.

Der eine hat das klassische Zitat im Ohr: «Der Weg ist das Ziel.» Andere sind einfach ruhelos und abenteuerlustig und erwarten Erfüllung vom Reisen. Der Blogger Neal Samudre hält dazu fest: «Ich habe gehofft, dass Reisen die Langeweile meines Lebens besiegen und mir das Gefühl geben würde, dass es etwas zählt. Aber das kann Reisen nicht. Unsere Fernwehkultur redet uns ein, dass wir unterwegs alles finden, wonach wir suchen, doch das stimmt nicht. Reisen hat mich nicht befriedigt. Es hat mir nicht gegeben, was ich davon erwartet habe.»

Aufbruchsstimmung

Ob Reisetagebuch, Pilgerbericht oder Abenteuergeschichte – alle beginnen mit einem Aufbruch ins Ungewisse. Und sie enden immer gut! Deshalb sprechen sie bis heute Menschen an. Deshalb sind Christen dafür empfänglich. «Will Gott, dass ich meine feste Arbeitsstelle kündige und mich auf den Weg mache wie Abraham?» Wer mit mehr Sicherheitsbedürfnis ans Thema herangeht, erwartet das «kleine Abenteuer mit grossen Auswirkungen» vom dreiwöchigen Sommerurlaub. Doch weder die grosse noch die kleine Version der Abenteuerreise können die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen, denn sie gehen von falschen Voraussetzungen aus. Neal Samudre identifiziert folgende Reise-Märchen:

1. Märchen: Selbsterkenntnis geschieht nur unterwegs

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass Selbsterkenntnis und neue Gedanken an eine neue Umgebung gebunden sind. Also machen wir uns mit unseren Fragen im Gepäck auf den Weg in die – möglichst exotische – Ferne, um vielleicht möglichst exotische Antworten zu erhalten, die unser Leben für immer verändern. Tatsächlich entdecken wir manche unserer Seiten nur ausserhalb unserer Komfortzone, doch selbst dies ist nicht an Ortsveränderung gebunden. Unannehmlichkeiten begegnen uns auch am Arbeitsplatz, in unseren Beziehungen, zu Hause.

Sehr oft ist es so, dass wir die Lösung für ein Problem da finden, wo wir mit dem Problem umgehen müssen. Sprich: Urlaubsideen sind vielfach nur im Urlaub tragfähig. Das Bleiben, wo wir sind, und das Reisen werden oft als Gegensätze gesehen, dabei ist Selbsterkenntnis völlig unabhängig von unserem Aufenthaltsort. Ja, sie kann auf der Reise oder im Urlaub passieren. Doch wir können genauso tiefe Erkenntnisse gewinnen, ohne unsere Koffer zu packen.

2. Märchen: Reisen lehrt uns, von uns selbst wegzusehen

Zum Image des Reisens gehört die Horizonterweiterung. Wir sehen weg von uns selber und lassen auf neue Kulturen, Menschen, Situationen ein. Und tatsächlich kann genau das geschehen. Reisen kann uns die Augen öffnen für Schönheiten, die wir nie erwartet hätten genauso wie für Menschen in Not, die unsere Hilfe brauchen. Allerdings ist es eine Frage der Motivation, was wir auf einer Reise sehen und erleben. «Man sieht nur, was man kennt», lautet ein geflügeltes Wort zum Unterwegssein. «Und was man sehen will», liesse sich ergänzen. Denn so einfach ist das Wegsehen von uns selber gar nicht. Als «Selfie-Generation» stellen wir uns selber gern in den Mittelpunkt all dessen, was wir erleben. Und bei allem Erzählen, wenn wir wieder zu Hause sind, geht es um uns und unsere Abenteuer. Schon unterwegs geht es uns oft durch den Kopf, wie gut wir dieses oder jenes Erlebnis darstellen können – mit uns selbst als Heldenfigur darin. Wer in die Einsamkeit oder in die Ferne flieht, um von sich selbst wegzukommen, macht schnell die Erfahrung: Man nimmt sich immer selber mit!

3. Märchen: Reisen führt uns zu erfülltem Leben

Ein typischer Kurzschluss unserer Fernwehgesellschaft ist folgender: Es tut gut und erfüllt uns, wenn wir unterwegs sind. Je mehr wir also reisen, desto erfüllter wird unser Leben. Doch was sich erst schlüssig anhört, hält der Wirklichkeit nicht stand. Ein Grossteil unserer Lebensqualität und Erfüllung wird von Beziehungen bestimmt. Und damit sind nicht kurzfristige Reisebekanntschaften gemeint, sondern tiefe, tragfähige, liebevolle Beziehungen zu unserer Familie, zu Freunden, Nachbarn, Kollegen und Menschen in unserer Kirche oder Gemeinde. Je mehr wir dies erfahren, desto weniger glauben wir, dass das Wichtigste für ein bedeutungsvolles Leben das Wegfahren ist. Unsere Umgebung vermittelt uns, dass Wegfahren Abenteuer bedeutet und Urlaub gleichzusetzen ist mit Leben. Gut, dass das nicht stimmt. Die schönsten Abenteuer können wir auch in unserer gewohnten Umgebung mit den Menschen und dem Gott erleben, die bei uns sind.

Reisen Sie!

Und was ist das Fazit des Ganzen? Nicht verreisen? Keine Erwartungen für die Ferienzeit haben? Aus lauter Angst vor Nebenwirkungen lieber jeden Aufbruch vermeiden? Quatsch! Urlaub ist wertvoll und Reisen tut gut. Das Unterwegssein tut aber besonders gut, wenn wir es nicht mit überzogenen geistlichen Erwartungen überfrachten. Neal Samudre betont: «Reisen ist eine Freude, aber es ist keine Lösung. Höchste Zeit, dass wir wieder begreifen, dass das Leben überall fantastisch sein kann – unterwegs oder zu Hause.»

Zum Thema:
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Datum: 25.07.2017
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet / Relevant Magazine

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