Samuel Pfeifer

Schulmedizin und Alternativmedizin – Gegner oder Partner?

Zwischen Schulmedizinern und Alternativmedizinern scheint es einen Glaubenskrieg zu geben. Was wirkt – und was nicht? Was ist menschengerechter? Der Psychiatriearzt und ehemalige Sonnenhalde-Chefarzt Samuel Pfeifer kennt beide Gebiete und hat sich damit intensiv auseinandergesetzt.

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Samuel Pfeifer
Samuel Pfeifer, wie streiten Schulmediziner und Alternativmediziner heute? Ist es vor allem ein ideologischer oder ein ökonomischer Kampf?
Samuel Pfeifer:
Auf der einen Seite habe ich den Eindruck, dass es sich oft um zwei Welten handelt, die nur wenig miteinander zu tun haben. Die Schulmedizin feiert grosse Erfolge, etwa in der Bekämpfung von Krebs durch neuartige, gentechnische Mittel, welche die Überlebensrate über Jahre vervielfacht haben. Sie sind jeglichen alternativmedizinischen Behauptungen weitgehend überlegen. Hier geht es nicht mehr um Ökonomie oder Ideologie, sondern schlichtweg um die Frage, was wirkt besser? Was sind die konkreten Langzeitüberlebensraten? Die alternative Medizin hat verstärkt die Rolle der Komplementärmedizin übernommen. Dabei geht es nicht mehr um ein Entweder-Oder sondern um eine Ergänzung der oftmals als kalt und technologisch empfundenen Schulmedizin durch verstärkte Zuwendung, individuelle Sinngebung und naturnahe stärkende Pflanzenextrakte. 

Wie haben sich die medizinischen Fakultäten an den Unis darauf eingelassen?
Die grösseren Universitäten haben einen Lehrstuhl für Komplementärmedizin eingerichtet, der neben der Wirksamkeitsforschung auch die Frage nach den Bedürfnissen der Patienten im zwischenmenschlichen Bereich beantworten soll. Die Schulmedizin ist etwas kultursensibler geworden und drückt eher einen gewissen Respekt vor traditionellen Heilmethoden aus. Dennoch zeigen wissenschaftliche Doppelblind-Studien bei allen wichtigen komplementärmedizinischen Methoden eine mangelnde wissenschaftliche Nachweisbarkeit, so etwa bei der Akupunktur oder Homöopathie, die immer wieder mit grosser Vehemenz um Anerkennung ringen. Hier ist der Kampf aus meiner Sicht eindeutig ideologisch und oftmals nicht zum Wohl des Patienten.

Sie urteilen heute milder über die Alternativmedizin als in früheren Jahren. Was hat Ihren Meinungsumschwung ausgelöst?
Ich begegne meinen Patienten nicht als kritischer Wissenschaftsjournalist, sondern als Arzt, der versucht, sich in ihr Leiden, in ihre Verzweiflung und in ihre Suche nach Hilfe und Heilung einzufühlen. Da stürmen so viele wohlgemeinte Ratschläge auf sie ein, von Akupunktur bis Reiki, von Homöopathie bis Fussreflexzonenmassage, von «Sozo»* bis Befreiungsdienst. Sehr oft haben sie diese Methoden bereits angewandt, ohne mit mir Rücksprache zu nehmen. Manchmal haben sie geholfen, manchmal nicht. Auch wenn die Patienten gläubig sind, so ist ihnen zunehmend der spirituelle Hintergrund egal, «wenn es nur hilft». Warum soll ich da mit ihnen streiten und ihnen eine zusätzliche Bürde auferlegen? Die Menschen möchten sich an irgendein Hilfsangebot klammern, ganz egal, ob es wissenschaftlich abgesichert oder spirituell mit ihrem Glauben kompatibel ist.

Allerdings: Ich selbst könnte die alternativmedizinischen Behandlungsangebote nicht in meiner Praxis aktiv vertreten, da bin ich konsequent. Ausnahmen sind einige wenige pflanzliche Heilmittel. Gleichzeitig sind die Berichte meiner Patienten für mich auch ein interessantes Studienobjekt, sozusagen ein Spiegel der sich ständig wandelnden Szene der Alternativmedizin.

Wo ist aus Ihrer Sicht heute der Einsatz von Alternativ- oder Komplementärmedizin angebracht, wo warnen Sie davor?
Ich habe versucht, diese Frage ausführlich in einem Seminarheft unserer Klinik zu beantworten, das auch gratis im Internet heruntergeladen werden kann. Hier nur so viel: Pflanzliche Mittel in wirksamen Dosierungen sind für mich absolut okay. Zudem auch körperorientierte Methoden, wie etwa Massagen und Umschläge, die eine wohltuende Wirkung haben. Ganz klar warnen würde ich vor esoterischen Methoden und damit vor dem Einbezug von spirituellen Kräften, zudem auch vor vielfältigen Heilmethoden mit obskuren Begründungen und Querbezügen zur Esoterik. Dies gilt sicher zuerst einmal auch für die psychischen Leiden, die ich in meiner Sprechstunde sehe. Ich warne zum Beispiel ausdrücklich davor, mit einer Depression einfach zur Reiki-Therapeutin, zur Kinesiologin oder zum Schamanen zu gehen. Depressionen brauchen eine längere fachliche Begleitung.

Und bei Patienten mit einem Krebsleiden?
Auch bei Krebserkrankungen rate ich dringend von jeglichen Methoden ab, die sich als Alternative zu einer wissenschaftlich überprüften Chemotherapie anpreisen. Oft geht wertvolle Zeit verloren, in der man den Tumor noch rechtzeitig hätte zum Verschwinden bringen können. Die Fortschritte in der medizinischen Onkologie sind derart frappant, dass hier nicht genug vor falschen Alternativen gewarnt werden kann. Etwas Anderes ist es, wenn in späteren, sogenannt palliativen Phasen nur noch das Leiden gemildert werden soll. Hier mag Komplementärmedizin hilfreich sein – wenn auch nicht wirksam im heilenden Sinne.

*Sozo: eine neue Seelsorgemethode im charismatischen Raum, bei der in einer einzigen Sitzung die Probleme erfasst werden sollen und eine geistgeleitete Prophetie Linderung und Heilung vermitteln soll.

Mehr zum Thema «Heilen» im Magazin INSIST

Webseite:
Samuel Pfeifer
Klinik Sonnenhalde

Zum Thema:
Auf die Sinnfragen eingehen: Uni Basel bietet Masterstudium in «Spiritual Care» an
«Esoterik kennt keine Moral»

Datum: 30.06.2014
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet / Magazin INSIST

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