Vor dem Millenniumsgipfel

Kampf gegen Armut setzt Frieden voraus

Manche Länder Afrikas und Asiens leiden unter Bürgerkriegen. Trotzdem machen die UN-Millenniumsziele Sinn. Der Vorstandsvorsitzende des deutschen Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED), Konrad von Bonin, lobt die Bemühungen der Vereinten Nationen, die Bekämpfung der Armut weltweit voranzubringen.

epd: Herr von Bonin, ist die Staatengemeinschaft auf dem richtigen Kurs, die Millenniumsziele zu erreichen, also die Zahl der Menschen in extremer Armut bis 2015 zu halbieren?
Bonin: Unser Ansatz ist nicht, sich allein auf zahlenmässig festgelegte Ziele zu konzentrieren. Unsere Arbeit wird 2015 nicht fertig sein. Entwicklung ist ein Prozess, der noch viele Jahre dauern wird. In der Geschichte der Menschheit hat es immer Arme und Reiche gegeben. Das Schaffen von Gerechtigkeit ist eine Aufgabe für heute, für morgen und für die Ewigkeit. Aber es ist richtig, innerhalb dieses grossen Prozesses Ziele zu formulieren, wie es UN-Generalsekretär Kofi Annan und andere getan haben. Damit wird die Bekämpfung der Armut in den Vordergrund gerückt.

Die Millenniumsziele stellen den bisher grössten internationalen Konsens in der Entwicklungspolitik dar. Es gibt jedoch auch Kritik, dass es an klaren Bezügen zu Menschenrechten, Umweltschutz und einer Vision von Gerechtigkeit fehle.
Es ist wichtig, Armut zu reduzieren, Bildung zu schaffen, Frauen gleichen Zugang zu Bildung zu ermöglichen, Aids zu bekämpfen und die Gesundheit von Müttern und Kleinkindern zu stärken. Das sind alles wichtige Ziele. Ich freue mich, wenn sie viel Unterstützung finden.

Wo sehen Sie den besonderen Auftrag der Kirchen und der kirchlichen Hilfswerke?
Die Armutsbekämpfung steht in unserer Arbeit ganz vorn. Hinzu kommt unser Verständnis von Partnerschaft. Wir führen ja nicht selbst Projekte durch, sondern fördern unsere Partner in Übersee, damit Menschen in Entwicklungsländern ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen. Deren Eigenständigkeit ist uns wichtig. Wir sehen unsere Aufgabe auch darin, an den strukturellen Voraussetzungen zu arbeiten: Menschen können ihre Zukunft nur in die Hand nehmen, wenn Frieden herrscht und ihre Lebensgrundlagen gesichert sind.

Was erwarten Sie vom Millenniumsgipfel der Staats- und Regierungschefs in New York? Sehen Sie die Gefahr, dass die Entwicklungspolitik für andere Zwecke missbraucht werden könnte?
Der britische Premier Tony Blair stand vor dem G-8-Gipfel Anfang Juli in Schottland wegen des Irak-Kriegs stark unter Druck. Durch eine Absprache mit US-Präsident George W. Bush für höhere Entwicklungshilfe und Schuldenerleichterungen wollte er seine Reputation wiedergewinnen. Es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit, eine solche Motivation offen zu legen.

Aber wenn das Ergebnis den Ländern des Südens hilft, ist es am Ende doch positiv. Ich kritisiere aber an Bush und Blair, dass zum Teil im Habitus der missionarischen Eiferer eine bestimmte Perspektive von Freiheit und Demokratie gepredigt wird, die nicht erkennen lässt, was die Gründe von Unfreiheit und fehlender Partizipation der Menschen sind.

Wie meinen Sie das?
Ich höre sehr genau zu, wann und wie diese beiden Politiker, die völkerrechtswidrig den Irak-Krieg vom Zaun gebrochen haben, über Freiheit und Demokratie sprechen. Ich glaube wohl, dass ihre politischen Ansätze idealistische Elemente haben. Ich habe aber Zweifel an ihrem Vorgehen, das manchmal an Hauruck-Methoden erinnert und nicht einer wirklichen Befreiung der Menschen und einer Demokratisierung des Südens dient. Dazu braucht man Ausdauer, einen langen Atem, gute strukturelle Analysen - und Geld.

Wird der Millenniumsgipfel auch vom Thema Sicherheitspolitik geprägt sein?
In mehr als einem Drittel der Länder, in denen wir mit unseren Partnern arbeiten, gibt es kriegerische Konflikte. Diese Realität muss in den Blick genommen werden. Frieden, Sicherheit und Entwicklung sind nicht zu trennen.

Es stellt sich die Frage nach den richtigen Wegen zum Frieden. Sehen Sie Soldaten zunehmend als Entwicklungshelfer?
Soldaten haben eine andere Ausbildung, andere Qualifikationen, andere Aufgaben als Entwicklungshelfer. Aber zwischen beiden Bereichen gibt es einen Kampf um Ressourcen. Es gibt bei der OECD, der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, einen Streit darüber, welche Aktivitäten als Entwicklungsmassnahmen gelten.

Der Schuldenerlass für den Irak, der meiner Ansicht nach nichts mit Entwicklung zu tun hat, zählt nach diesen Kriterien aber zu Entwicklungshilfe. Wir haben auch die Befürchtung, dass militärische Einsätze als Entwicklung deklariert werden. Und dann angerechnet werden, wenn die Entwicklungshilfe auf 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts erhöht werden soll.

Wie stehen Sie zu militärischen Einsätzen in Krisengebieten?
Es muss eine klare Trennung zwischen Entwicklungsarbeit und militärischen Massnahmen geben. Wenn Militärs in Krisengebiete entsandt werden, betreiben sie nicht Entwicklung, sondern schaffen bestenfalls die Voraussetzungen dafür, dass Entwicklungsarbeit geleistet werden kann. Es ist nicht Aufgabe eines kirchlichen Entwicklungswerkes, militärische Interventionen zu fordern oder abzulehnen.

Datum: 06.09.2005
Quelle: Epd

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