Kirchen und die Jugend

Direkt befragt: 7 Wege, junge Menschen zu erreichen

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Regelmässig werden Experten konsultiert, wie Kirchen und Gemeinden die junge Generation «erreichen» können. Diese Experten sind gut ausgebildet und haben viel Erfahrung. Das heisst gleichzeitig: Sie sind älter und gehören schon lange nicht mehr zur Zielgruppe, zu der sie befragt werden. Aber was sagen junge Menschen selbst?

Wer junge Leute fragt, was sie von Kirchen und Gemeinden erwarten, dem sagen sie ihre Meinung. Wer sie fragt, was er von ihnen und ihren Altersgenossen wissen sollte, der bekommt Antworten, die auch für den Gemeindealltag interessant sind. Diese Antworten hier stammen von jungen Menschen. Sie sind weder vollständig oder repräsentativ noch brandneu, aber sie können hilfreich sein!

1. Sieh mich als Person, nicht als Projekt

Es gibt weniges, was junge Menschen so sehr stört, wie ein Konzept, in dem sie als Personen gar nicht vorkommen. Da ist es das erklärte Ziel, dass Gemeinden wachsen oder demografische Lücken aufgefüllt werden sollen. Da möchte eine Kirche trendy und cool wirken und braucht dafür junge Menschen. «Ich will als Mensch willkommen sein, nicht als Altersgruppe …» Wichtig für Gott und wichtig für andere sind junge Menschen doch nicht durch ihr Alter. Niemand möchte als Projekt betrachtet werden.

2. Ich will mehr als zuschauen

Jugendliche sind passiv. Sie wollen unterhalten werden. Man muss ihnen etwas bieten. Quatsch! Die meisten wollen nicht nur in Reihe 17 sitzen und einer Predigt zuhören: Sie wollen etwas bewegen, Teil von etwas Wichtigem sein. Grösse und Zahlen beeindrucken sie dagegen kaum. «Ich habe Angst davor, uralt zu werden und eigentlich nichts Wichtiges mit meinem Leben erreicht zu haben.» Dass junge Menschen etwas gestalten wollen, macht übrigens nicht an der Kirchentür halt. Viele wünschen sich, als Christen auch in der Gesellschaft in Erscheinung zu treten.

3. Ich habe nichts gegen Ältere

Zu allen Zeiten gab es Generationskonflikte, die sich um Themen wie Haarlänge und Musikgeschmack drehten. Geschenkt. Das wird auch noch in hundert Jahren so sein. Doch es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass junge Leute deshalb keinen Kontakt zu älteren suchen, dass sie nichts mit ihnen zu tun haben wollen. «Ich liebe es, wenn jemand Älteres an mich glaubt.» Vertrauen ist ein wichtiger Schlüssel hierzu. Begegnung auf Augenhöhe. Und wer junge Menschen um Hilfe bittet, der erlebt, dass sie sich revanchieren. Und mit ihren Beiträgen und Fragen kommen.

4. Ich will einen weiten Horizont

Viele Kirchen stammen aus vorigen Generationen. Damals war es wichtig, dass jedes Dorf seinen Kirchturm hatte, dass jeder Stadtteil seine Freie Gemeinde hatte. Doch junge Menschen sind geprägt von Unterhaltung, Musik und Nachrichten aus aller Welt. Wenn sie eine Missionskonferenz in London interessiert, dann fliegen sie für ein Wochenende hin. Für Ältere wirkt dies manchmal verrückt. Manche halten es für bedrohlich, dass die Solidarität mit der eigenen Denomination zurückgeht. «Ich bin kein Baptist – ich bin Christ.» Die Globalisierung ist längst in der Gemeinde angekommen. Junge Menschen geniessen diesen weiten Horizont aus anderen Ländern, Sprachen und Kulturen – und suchen ihn auch in der Gemeinde.

5. Das «Warum» ist mir wichtiger als das «Wie»

«Das macht man eben so …», ist eine Antwort, die kaum jemanden befriedigt. Junge Leute schon gar nicht. Sie wollen nicht wissen, was man schon immer so gemacht hat, sondern warum. «Ich will nicht deine Antwort übernehmen, sondern meine eigene finden…» Wer jungen Menschen seine Position aufdrücken will, der wird sie verlieren. Dies gilt in besonderem Masse für Kirchen und Gemeinden, denn hier muss niemand funktionieren wie in Schule oder Studium, hier ist vielmehr der eigene Glaube gefragt. Und der lässt sich nicht kopieren. Wer die bohrenden und manchmal unbequemen Warum-Fragen von jungen Leuten nicht als Angriff versteht, sondern als echte Suche und sie entsprechend liebevoll und ehrlich beantwortet, der hilft ihnen weiter.

6. Ich will Ehrlichkeit

Es gibt nur eine Sache, die schlimmer ist als eine Predigt mit Powerpoint: eine unpersönliche Predigt mit Powerpoint. Junge Menschen wollen in der Regel nicht nur Informationen bekommen, sondern das Herz ihres Gegenübers erkennen. In manchen Kirchen und Gemeinden wird nun ein übergrosser Wert auf die Bibel gelegt. Das persönliche Leben der Christen spielt keine Rolle mehr. Doch je transparenter und verletzlicher sich ein Christ gegenüber Jüngeren macht, umso deutlicher wird Gottes Gnade. «Sei echt – nur das hilft mir weiter.»

7. Ich bin nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart der Gemeinde

Wenn zwei Ältere in der Kirche ihre Köpfe zusammenstecken und über Jugendliche sagen: «Das ist unsere Zukunft», dann liegen sie verkehrt, egal, ob sie ihren Satz positiv oder abwertend gemeint haben. Denn junge Christen sind nicht die Zukunft der Gemeinde, sie sind ihre Gegenwart. Sie wollen nicht warten, bis die Gemeinde irgendwann einmal ihre Gemeinde sein wird, sondern jetzt schon dazugehören. «Ich will Fehler machen dürfen.» Jetzt schon zur Gemeinschaft dazuzugehören bedeutet, dass junge Menschen bereits heute ihren Platz darin finden. Sicher werden sie dabei Fehler machen, doch die machen ältere Christen auch…

Zum Thema:
Hillsong Young & Free: «Viele Jugendliche erkennen, dass sie die Welt verändern können»
Jugendarbeiter Roli Streit: «Erwachsene können sich eine Scheibe von Jugendlichen abschneiden»
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Qualität statt Quantität? Wie glaubt die «Generation Y»?

Datum: 18.10.2016
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

Kommentare

Dass manche Gemeinden einen "übergrossen Wert" auf die Bibel legen, ist etwas unglücklich formuliert, wenn man an die göttliche Inspiration der Bibel glaubt. Eine Überbewertung ist dann gar nicht möglich. Ansonsten eine gute Analyse der kirchlichen Jugend.

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