Patriarchenbesuch in Zürich

Spiritueller Flirt mit der Orthodoxie

Beim Besuch des russischen Oberhirten in Zürich fanden sich auffällig viele Reformierte aus der Deutsch- und Westschweiz ein. Umgekehrt fehlt es in Russland noch an Sympathie der Kirche mit den Evangelischen.

Zoom
Patriarch Kyrill
Patriarch Kyrill von Moskau erschien am 6. und 7. Dezember höchstpersönlich zu den Feiern zum 80-jährigen Bestehen der orthodoxen Dreifaltigkeitsgemeinde in Zürich. Diese wurde 1936 von gläubigen russischen Flüchtlingen gegründet, die vor dem Sowjetkommunismus geflohen waren.

Seitdem hat sie sich zunehmend Schweizer Christen, – besonders Reformierten – geöffnet, die in der Orthodoxie eine Form des Christseins gefunden haben, die sie anspricht. Das war auch beim Festgottesdienst nicht zu übersehen: Unter den Kirchgängern, aber auch Geistlichen spielten Deutschschweizer und Romands eine wichtige Rolle. Bettina Lichtler, Ökumenebeauftragte der Reformierten Kirche, und Vertreter der anderen Landeskirchen nahmen ebenso an der Feier teil.

Ökumene hier – Proselytismus-Angst dort

In Russland wäre das nicht so. Wie Pfarrerin Monica Schreiber aus Aachen in einer Untersuchung zur Glaubensfreiheit in postkommunistischer Zeit aufzeigt, tut sich die russische Orthodoxie schwer mit dem religiösen Pluralismus. Das führt zu einer «Verteufelung» des Wirkens anderer Konfessionen auf dem «kanonischen Territorium» der Russisch-Orthodoxen Kirche. Dieses deckt sich weitgehend mit dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten. Dort wird die religiöse Betätigung aller Nicht-Orthodoxen als «Proselytismus» gebrandmarkt und Anspruch auf eine Art Schutzzone für den orthodoxen Glauben und seine Werte erhoben. Diese Vorstellungen sind ganz offiziell in der nach dem Fall des Sowjetkommunismus erstellten russischen «Orthodoxen Sozialethik» festgeschrieben.

Angst vor Muslimen und Evangelischen

Wie richtig diese 2012 erstellte Analyse war, zeigen die neuesten russischen Antiterrorismus-Gesetze vom 20. Juli 2016. Diese sollen das «Heilige Russland» ebenso vor islamistischen wie protestantischen «Fanatikern» schützen. Konkret ist jetzt jede Evangelisierung ausserhalb von evangelischen Kirchengebäuden verboten. Zudem benötigt jeder, der an einer nicht-orthodoxen religiösen Veranstaltung teilnimmt oder öffentlich seinen abweichenden Glauben bezeugen möchte, eine Erlaubnis, die er nur über eine registrierte religiöse Organisation bekommt.

Das Verbot, über den Glauben zu sprechen, gilt auf privaten Grundstücken und im Internet. Ausländer, die gegen das Gesetz verstossen, werden mit Ausweisung bedroht. Im Klartext heisst das, dass evangelische Christen nicht einmal mehr Freunde per E-Mail zu Gottesdiensten einladen oder in ihren eigenen Wohnungen von ihrem Glauben erzählen dürfen.

Verfolgung in der Ostukraine

Offene Verfolgung evangelischer Christen wird aus der russisch beherrschten Ostukraine berichtet. «Protestanten in den Kriegsgebieten der östlichen Ukraine werden von separatistischen Rebellen verfolgt und zur Flucht gezwungen, teilte der Flüchtling Jurij Radtschenko aus der Stadt Symohirja im Gebiet von Luhansk am 21. Oktober dem Pressedienst Euromaidan mit: «Die Separatisten sagen, alle protestantischen Kirchen sind amerikanische Spione!» Radtschenko wurde nach eigener Aussage zweimal beschossen, blieb aber unverletzt: «Alle Religionsgemeinschaften mit Ausnahme der russisch-orthodoxen sind bedroht. Mein Eigentum wurde mir genommen, und wir haben nichts mehr.»

Zum Thema:
Strafe für «Extremismus»: Russland: Putin unterzeichnet Gesetz zu «Missionstätigkeit»
Erste Opfer neuer Gesetze: Russland: Amerikanischer Pastor festgenommen

Datum: 11.12.2016
Autor: Heinz Gstrein / Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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