«Aus religiösen Gründen braucht es keinen Turm mehr»

Der Turm ist heute in der Schweiz in aller Munde - und zwar als Minarett: Die einen möchten ein solches bauen, andere wollen es nicht. Hat der Turm eine sakrale oder liturgische Bedeutung? Bei christlichen Kirchen nicht, bei Moscheen ursprünglich ja, heute aber nicht mehr, sagt Mariano Delgado.

Delgado ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Freiburg und Direktor des Instituts für das Studium der Religionen und den interreligiösen Dialog. Die Presseagentur Kipa hat mit ihm gesprochen. Türme würden aber immer auch als herrschaftliche Zeichen und Ausdruck des "Höhendrangs" verstanden, zum Beispiel in der Geschichte des Turms zu Babel, in den italienischen Geschlechtertürmen einflussreicher Familien des Mittelalters und in den heutigen "Bankentempeln", sagt Delgado. Die Türme prächtiger Kathedralen und Moscheen sind zum Teil so zu verstehen, auch wenn sie primär zum Lob Gottes errichtet worden sind.

Der Turm zu Babel sollte bis zum Himmel reichen. Er scheiterte. Warum?
Mariano Delgado:
In der Bibel wird erzählt, warum der Turmbau zu Babel scheiterte. Die Menschen wollten mit der Spitze des Turms bis zum Himmel hinauf. Dies wird heute als Höhendrang verstand, als Zeichen des Hochmuts, Gott gleich werden zu wollen. Das ist die eine theologische Auslegung des Turmbaus.

Das ist aber nicht die ausschliessliche Bedeutung eines Turms...
Nein, aber der Turmbau zu Babel wird in der Bibel auf diese Weise interpretiert. Es gibt natürlich andere Deutungen der Geschichte, vor allem der Sprachverwirrung, die aber mit dem Turm als solchem nichts zu tun haben.

Was ist die Bedeutung von Kirchtürmen?
Die Kirchen brauchen weder aus liturgischen noch aus theologischen Gründen einen Turm. Der Petersdom beispielsweise hat keinen. Man geht heute davon aus, dass die ersten Kirchenbauten keine Türme aufwiesen. Die Türme tauchten vermutlich erstmals im heutigen Syrien auf. Es waren aber keine eigentlichen Türme, sondern kleine Frontaltürme als Anbau neben der Fassade. In ihnen führten Treppen zu Emporen. Diese Zweckgebundenheit an die Treppenanlage ist bis ins Mittelalter vorhanden. Es gab also in den ersten Jahrhunderten des Christentums keine Türme, die dem Aufhängen der Glocken dienten.

Erst später tauchte der Turm im Zusammenhang mit Kirchen auf. Der älteste erhaltene Kirchenturm in unseren Breitengraden ist der Campanile der Kirche Sant'Apollinare Nuovo in Ravenna, der aus dem 9. Jahrhundert stammt. Es gab bereits zuvor kleine Türme für kleine Glocken. Solche Glocken verbreiteten sich mit den irischen Missionaren im 5. und 6. Jahrhundert in Europa. Der eigentliche Turmbau für grössere Glocken setzte in der Zeit der Karolinger ein, also im 9. Jahrhundert. Vor allem die Benediktiner bauten mächtige Kirchtürme für ihre Abteien, zum Beispiel in Cluny. Dies führte dann auch zu einer Gegenreaktion. Aus den Benediktinern lösten sich die Zisterzienser als Reformbewegung, die eine Ästhetik der Einfachheit vertraten. In ihren Abteien verzichteten sie auf Kirchtürme und bauten sehr bescheidene Dachreiter, um dort eine kleine Glocke anzubringen.

Warum haben die Benediktinerabteien zum Teil mehrere Türme?
Die Mehrzahl der Türme sollte die Bedeutung der Abtei unterstreichen. Diese wurden an der Westseite der Kirche, also in Opposition zum Altar gebaut, der im Osten steht. Es gibt Kathedralen aus dem Mittelalter, die vier und mehr Türme zählen. Diese Vielzahl an Türmen wurde oft aus herrschaftlichen Gründen errichtet, etwa bei fürstbischöflichen oder kaiserlichen Kathedralen. Indem man mehrere und immer schönere Türme baute, unterstrich man die ausserordentliche Bedeutung des Bauwerks - und des Bauherrn. Diese Türme nahmen aber keine theologischen Funktionen wahr, sondern sind als architektonisches Ornament zu deuten.

Im Übrigen ist daran zu erinnern, dass viele Kirchentürme zwischen der Mitte des 14. und der Mitte des 16. Jahrhunderts gebaut wurden, als Europa auch wirtschaftlich einen Sprung nach vorne machte. Man muss aber auch bedenken, dass viele dieser Bauvorhaben unvollendet blieben: In Spanien gibt es viele Kathedralen aus dem 16. Jahrhundert, wo die Türme nicht fertig gebaut wurden. Der Wiener Stephansdom sollte zwei Türme erhalten; gebaut wurde nur einer. Die Türme der Kathedralen von Köln, Regensburg und Ulm wurde erst im 19. Jahrhundert fertiggestellt.

Ist die Bedeutung von Kirchtürmen vergleichbar mit jener von Minaretten?
Nur bedingt. Den Christen wurden die Türme nicht in die Wiege gelegt, sie sind also später entstanden - nicht zuletzt auch, um die Präsenz eines sakralen Baus in einem öffentlichen Raum zu kennzeichnen, oder ebenfalls aufgrund der verschiedenen Aufgaben, die ein Kirchenturm im Mittelalter und in der Neuzeit zu erfüllen hatte. Die Glocken wurden nicht nur für den Kirchgang geläutet, sondern gleichfalls um Ereignisse zu melden wie Feuer oder Feinde, die für das Leben der Menschen wichtig waren.

Bereits in den Anfängen des Islams, also im 7. Jahrhundert, verfügten die Moscheen über einen erhöhten Standplatz für den Gebetsrufer, den Muezzin. Vor allem die Omajaden, eine Herrscherdynastie im heutigen Syrien, förderte den Turmbau sehr stark. Dies führte zu einer ähnlichen Entwicklung, wie wir sie in Europa kennen.

Im Islam ist das Minarett einerseits durch seine Funktionalität für den Muezzin begründet, andererseits ist es auch ein Statussymbol. Die Türme wurden höher und eleganter. Es gibt Moscheen mit einem Minarett, solche mit mehreren. Die Hauptmoschee in Mekka hat neun Minarette. Die Anzahl der Minarette ergibt sich aus der sakralen Bedeutung der Anlage.

Manche Herrscher wie Sultan Suleiman der Prächtige im 16. Jahrhundert haben wunderbare Moscheen in Auftrag gegeben, um damit die Bedeutung ihrer eigenen Herrschaft zu unterstreichen. Und im 20. Jahrhundert hat König Hassan von Marokko in Casablanca eine riesige Moschee mit dem bisher mit 210 Metern höchsten Minarett gebaut. Es heisst, dass in Iran eine Moschee mit einem 230 m hohen Minarett gebaut wird. Auch hier finden wir also im Schatten des sakralen Turmbaus einen Höhendrang.

Andererseits hat das Minarett seine ursprüngliche liturgische Bedeutung verloren. Denn in den islamischen Ländern ertönt der Ruf des Muezzins aus den Lautsprechern, und bei uns ist es kaum vorstellbar, dass dieser Ruf in den öffentlichen Raum hinein erschallen wird. Wenn hier Minarette gebaut werden sollen, so nicht aus liturgischen oder theologischen Gründen, sondern aus solchen, die auch verständlich sind: damit die Muslime mit ihrer Religion in der Öffentlichkeit besser sichtbar sind.

Solange dabei die Proportionen gewahrt werden - bescheidene Minarette, die mit der hiesigen traditionellen religiösen Kultur nicht in Konkurrenz treten -, gibt es wohl keinen Grund, den Muslimen den Bau zu verbieten. Anders stünde der Fall, wenn die europäischen Muslime selber den Minarettbau explizit als politisches und nicht als religiöses Zeichen verstünden.

Wie gehen andere Religionen mit dem Turm für Sakralbauten um?
Generell lassen sich Türme religionspsychologisch auch so deuten, wie es in der Geschichte des Turmbaus zu Babel gezeigt wird, also als Zeichen der Eitelkeit - der Turmbau zu Babel soll eine Tempelanlage, ein Zikkurat gewesen sein.

Türme begegnen uns nicht nur bei Sakralbauten. Schon im 11. Jahrhundert, als der Handel in Europa bereits eine beachtliche Bedeutung erlangte, entstanden in Italien die ersten Geschlechtertürme. In Bologna gab es Dutzende solcher Türme, mit denen die Familien um die grössere Bedeutung wetteiferten. Diese Türme waren höher als die Kathedralen. Auch heute beobachtet man dieses Phänomen in unseren Städten mit ihren prächtigen Hochhäusern. Der Mensch hat in der Architektur seinen Ausdruck zum Höhendrang beibehalten.

In den Religionen spielen freilich auch andere Gründe eine Rolle: Gott oder "dem Heiligen" mit dem schönsten und grössten Bauten zu dienen, oder religiöse Bauten im öffentlichen Raum besser sichtbar zu machen und so die Bedeutung einer Religion hervorzuheben. Auch Hindus kennen Türme und hohe Eingangsfassaden in ihrem Tempelbau, und die Pagoden im Buddhismus streben elegant in die Höhe.

Beim Bau von Kirchen wird heute oft auf einen Kirchturm verzichtet.
Die Türme werden heute vorzugsweise in der Profankultur gebaut. Banken- und Firmengebäude verkörpern diesen Höhendrang mit ihren Bürotürmen nach wie vor. Die Kirche ist bescheidener geworden. Sie baut nicht mehr wie im Mittelalter oder in der Neuzeit im Zentrum der öffentlichen Raumes, sondern diskret am Rand, wo man noch Platz gefunden hat.

Andererseits spielen auch Gründe der Funktionalität hinein. Türme zu bauen ist zudem teuer. Und schliesslich gibt es heute leider nicht so viele begnadete Architekten, die die Kirchenbautradition kreativ fortsetzen - nicht zuletzt, weil sie heute von anderen Auftragsgebern besser bezahlt werden.

Die Christen haben vielleicht nicht mehr das Bedürfnis oder den Mut, ihre Präsenz im öffentlichen Raum durch einen schönen Turm zu markieren. Heute, wo jedermann seine Uhr hat, kommt den Glocken nicht mehr jene Bedeutung zu, die sie früher hatten, als sie zur zeitlichen Strukturierung des Tages dienten oder als Alarmgeläut benötigt wurden.

Der Kirchturm hat auf diese Weise seine "profane" Bedeutung eingebüsst. Eine Kirche wird heute auf ihre liturgische Aufgabe hin gebaut. Dabei sind moderne Kirchenbauten nicht immer glücklich, weil sie viel zu profan aussehen. Aber wir leben zum Glück in einem Land, wo nach wie vor die Glocken zu bestimmten Anlässen geläutet werden: Das sollte uns an die religiöse Matrix unserer Kultur erinnern.

Der fehlende Turm - ein Zeichen des Rückzugs der Christen und der Verdunstung des Glaubens?
Man darf das Fehlen des Turms bei modernen Kirchen nicht dramatisieren. Es hat nichts mit einer Verdunstung des Glaubens zu tun. Beim heutigen Bau von Kirchen achtet man eher darauf, dass das Wesentliche in ihrem Zentrum steht.

Ich rate davon ab, beim Turmbau in eine Art Wettbewerb mit dem Islam zu treten. Die Religionsfreiheit gilt für alle: Daher sollen Muslime die diskreten Minarette für ihre Moscheen bauen können. Genau so ist es Christen weiterhin erlaubt, Türme für ihre Kirchen aufzustellen.

Der Kirchen- und Religionshistoriker Mariano Delgado (54) ist ordentlicher Professor für Kirchengeschichte an der Universität Freiburg und dort auch Direktor des Instituts für das Studium der Religionen und den interreligiösen Dialog (www.unifr.ch/ird).

Dossier zum Thema: Minarette in der Schweiz

Datum: 20.10.2009
Autor: Georges Scherrer
Quelle: Kipa

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