Indien: Religiöse Spannungen mit sozialem Hintergrund

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Inderinnen lesen in der Bibel.
Die unvergleichliche religiöse Buntheit Indiens zeugt von einem tiefen Sehnen nach Verbindung zur letzten Wirklichkeit. Aus der im Kastensystem religiös verfestigten Unterdrückung suchen Arme vermehrt auszubrechen, was zu schweren Spannungen und Gewalttaten führt.

Die Kastenstruktur prägt Indien trotz rasanter Modernisierung und allen politischen Massnahmen weiterhin; zum Ärger seiner Regierung beschäftigte sie den UN-Antirassismusgipfel in Durban 2001. Die Kasten wurden von Volksgruppen geschaffen, die im 2. Jahrtausend vor Christus in den Norden des Subkontinents einwanderten. Die sogenannten Arier verstärkten die ständische Gliederung durch eine religiöse Trennung: Die Menschen der vier Hauptkasten (Priester, Krieger/Herrscher, produktive Bevölkerung, Diener) sind wesensmässig verschieden, da angeblich verschiedenen Körperteilen einer Gottheit entsprungen.

Kasten: Tausende gesonderte Lebenswelten

Die im Lauf der Zeit entstandenen vielen tausend Unterkasten leben weiterhin nach unterschiedlichen ethischen und Reinheitsgeboten; damit einher geht die Ausbeutung der untersten Schichten. Die soziale Trennung weicht sich vor allem in den Städten auf, doch geheiratet wird auch heute noch mehrheitlich der Partner aus der gleichen Kaste, den die Eltern auswählen. Im Zeitalter der Mobilität (Millionen suchen Arbeit und ein besseres Leben in der Stadt) bietet die eigene Kaste ein Beziehungsnetz und Geborgenheit.

Die Vielfalt der Strömungen des Hinduismus (offiziell 80 % der 1,1 Milliarden Inder) ist unübersehbar. Ihnen gemeinsam ist die Achtung der Brahmanen als Führern der Hindu-Lebensordnung (Dharma) sowie das Ringen, dem leidhaften Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedereinkörperung der Seele zu entkommen und in der letzten Wirklichkeit (Brahman) aufzugehen – durch Yoga und Kontemplation, durch Liebeserweise für die Götter, durch Rituale oder Erkenntnis. Unzählige Götter und Geistwesen werden innig – teils auch berechnend – verehrt; der Karmaglaube (gute und böse Taten schlagen sich im nächsten Leben nieder) steht der Vorstellung eines gnädigen Gottes, der vergibt, im Weg.

Indische Apartheid

Die Arier, die das indogermanische Sanskrit nach Nordindien brachten, verdrängten die Urbevölkerung aus den fruchtbaren Flachländern nach Süden und in waldige Hügelgebiete. Die Adivasis (auch Tribals, gegen 90 Millionen Menschen) sind noch vom Geisterglauben ihrer Vorfahren geprägt. Von Kastenhindus verachtet und von Herrschern früherer Zeiten völlig vernachlässigt (heute gieren Firmen nach ihren Bodenschätzen und Ressourcen), nahmen viele Stämme christliche Missionare und Entwicklungshelfer auf. Radikale Hindus haben darauf in den 90er Jahren mit Kampagnen zur Hinduisierung reagiert. Die Unrast unter Tribals nährt auch die maoistische Bewegung der Naxalites, die in verschiedenen Gliedstaaten Anschläge verübt.

Hindu-Faschisten

Von der Kultur der britischen Kolonialherren beeindruckt, suchten Inder seit dem 18. Jahrhundert den Hinduismus zu modernisieren; dabei entstanden diverse Weichformen der zumeist familiär praktizierten Religion. Anfang des 20. Jahrhunderts, als sich die Unabhängigkeit des Landes abzeichnete, schufen Nationalisten eine militante Variante.

Die Massenorganisationen des Sangh Parivar (sein politischer Arm, die ‚Heimatpartei’ BJP, dominierte 1998-2004 die Unionspolitik) versuchen den Subkontinent von ‚fremden’ Einflüssen zu reinigen, um die ‚Hindu-Kultur’ zu bewahren, und verfolgen sowohl aktive Christen wie Muslime (135 Millionen!) mit Argwohn und Hass. Die Agitation der Hindu-Faschisten – Hitler beeindruckte die Gründer – reicht von medialer Hetze gegen Minderheiten über Gewalt durch Schlägertrupps bis zu gesetzlichen Bekehrungsverboten. Sie stellt für das demokratische Indien, durch die Verfassung von 1950 ein säkulares Staatswesen, eine prinzipielle Herausforderung dar.

Dalits – keine Hindus?!

Der Sangh Parivar versucht die soziale Dominanz der oberen Hindu-Kasten ins 21. Jahrhundert zu retten. Dagegen kämpfen immer mehr Inder an. „Why I am not a Hindu“ überschrieb der Dalit-Denker Kancha Ilaiah sein Emanzipationsplädoyer, in dem er den Gegensatz zwischen der herrschaftsgestützten Brahmanen- und der produktiven Dalit-Kultur darlegt. Dalits (Unberührbare) hatten seit jeher für die Kastenhindus zu arbeiten, gehörten aber als Unreine nicht zum Dharma, durften Tempel nicht betreten, mussten sich auch sonst von der Gemeinschaft fernhalten.

Provokative Denker wie Ilaiah und der Sozialaktivist Udit Raj, der seit 2001 Massenübertritte von Dalits zum Buddhismus durchführt, mobilisieren die Unterschichten, um Indien ein anderes Gesicht zu geben. Die Zahl der Dalits wird auf 160 Millionen geschätzt; dazu kommen Tribals und die offiziell als ‚rückständige Kasten’ bezeichneten Shudras - zusammen beinahe eine Drittelmilliarde Menschen. Den Unterbau für die Emanzipationsbewegung haben Christen mit ihren sozialen und Entwicklungsprogrammen, ihren Schulen und Kliniken gelegt (als erster Missionar aus Deutschland war 1706 der fromme Lutheraner Bartholomäus Ziegenbald in Tamil Nadu gelandet). Das Oberste Gericht Indiens hat zum wiederholten Mal seine Verhandlung zum Begehren von Dalit-Christen, als eigene Gruppe mit einer staatlichen Quote gefördert zu werden, vertagt, diesmal auf Ende November.

Dynamische einheimische Missionsbewegung

Zum Alltag im Riesenland (über 600'000 Dörfer!) gehören durch Kasten-Spannungen motivierte Gewaltakte gegen Dalits. 2005 wurden in einem nordindischen Dorf 50 Dalit-Häuser miteinander angezündet. Die Quotenregelungen für Studienplätze und Beamtenstellen – zur Förderung der Armen eingerichtet – führen zu anhaltender Animosität, da Dalits und Tribals, ohne sich bemühen zu müssen, angenommen werden, was besser qualifizierte Bewerber der oberen Kasten (oft aus ärmeren Familien) vor den Kopf stösst.

Im Unterschied zu Südindien, wo sich die ältesten Kirchen auf das Wirken des Apostels Thomas zurückführen, bestehen die Gemeinden im Norden grossmehrheitlich aus Dalits. Die meisten sind in den letzten Jahrzehnten entstanden. Indische Christen (offiziell 2,4 Prozent der Bevölkerung, inoffiziell mehr) haben nach dem Rauswurf der westlichen Missionen in den 1950er Jahren selbst die Verbreitung des Evangeliums an die Hand genommen. Heute umfasst die Bewegung der evangelischen Missionswerke weit über 200 Organisationen mit über 40'000 (!) Mitarbeitenden. In zahlreichen Gegenden des Hindu-Kernlandes, das sich von Rajasthan bis Bihar erstreckt, waren christliche Gemeinden bis vor kurzem dünn gesät; dagegen haben sich im Nordosten, nahe Burma, ganze Völker dem Christentum zugewandt.

Aktuelle Berichte von Christenverfolgung in Indien
Kurian Varghese, Leiter von OM Indien, ist in den nächsten Tagen für Vorträge in der Schweiz unterwegs

Datum: 26.09.2007
Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch

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