Marcus Weiand

Warum wir nicht mehr über Sünde reden

Sünde ist ein Reizwort geworden, das selbst unter Christen vermehrt gemieden wird. Auf der anderen Seite wurde der Begriff als Machtmittel missbraucht. Es gibt aber einen dritten Weg, sagt Marcus Weiand vom Bildungszentrum Bienenberg.

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Marcus Weiand
idea Spektrum: Marcus Weiand, warum haben Sie ein Seminar zum Thema «Sünde» abgehalten?
Marcus Weiand:
Wir hatten den Eindruck, dass die Dinge schnell in die Extreme rutschen. Im Fall «Sünde» ist das entweder eine Bagatellisierung oder eine Überbetonung. Der Begriff ist auch «verbrannt» bei vielen Menschen. «Sünde» als moralisch erhobener Zeigefinger wird abgelehnt. Man hat den Eindruck, dass Sünde auch als Machtmittel missbraucht wurde, um Menschen abzuwerten und kleinzuhalten. In der Gesellschaft wird der Sündenbegriff oft mit Sexualität verknüpft. Diese Engführung ist natürlich auch schwierig.

Wie sieht es in christlichen Gemeinden aus?
In der Gemeinde fällt der Begriff «Sünde» oft gar nicht mehr. Allein diese Vokabel zu benutzen, ist schwierig. Wir wollten am Seminar anschauen, wie zwischen Über- und Unterbetonung ein dritter Weg aussehen kann, der verantwortungsvoll auch in unserer heutigen Zeit von Sünde spricht.

Was bedeutet Über- bzw. Unterbetonung der Sünde?
Heute wird gar nicht mehr in der Kategorie gedacht, dass man an etwas Schuld hat. Es geht eher um die Frage der Überforderung. Man schafft Dinge nicht mehr, und damit entschuldigt man möglicherweise auch das Tun. Es steckt ganz tief in uns drin, dissonantes Verhalten zu entschuldigen, anstatt sich den Dingen zu stellen. Auf der anderen Seite kann man sich von der Sünde gedrückt fühlen. Wenn ich mich auch noch von Christus gedrückt und bedroht fühle, dann kann ich daran zerbrechen. Das führt in die Depression. Hier steckt der Aspekt der Sünde als Machtmittel. Wir müssen wieder entdecken, dass Christus dieser Gewalt entgegengetreten ist und die Versklavung, der wir nichts entgegensetzen können, am Kreuz beendet hat. Das ist letztendlich die Revolution, die uns frei macht.

Warum spricht man nicht mehr gerne über Sünde?
Wir merken, dass die Leute sich nicht mehr gerne in ihr Leben hineinreden lassen. Dass da jemand auf einem Podium steht und die Wahrheit sagt, ist gesellschaftlich überhaupt nicht mehr akzeptiert. Ich glaube, dass diese Entwicklung in ihren Anfängen sehr gut war. Man erkannte, dass nicht einer über die Wahrheit bestimmt, sondern dass wir prüfen dürfen. Man entdeckte auch, dass es strukturelle Sünde gibt, etwa Wirtschaftssysteme. Dabei geht aber vergessen, dass auch die Tat des Einzelnen eine Auswirkung auf das System hat. Zu sagen «was ich mache, geht niemanden etwas an», trifft den Punkt nicht. Die Dinge sind miteinander vernetzt.

Wie sähe denn ein gesunder Umgang mit dem Thema aus?
Es braucht ein Bewusstsein, dass die Sünde unsere Kraft übersteigt und wir Christus als Befreier brauchen. Demgegenüber aber auch ein Bewusstsein dafür, dass ich mein Leben steuern kann und es zu billig wäre, zu sagen «ich kann ja sowieso nichts machen». Das muss Hand in Hand gehen. Sünde kann die Auswirkung haben, dass sie mich beschämt, dass mein Selbstbild beschädigt wird. Dann den Mut zur Busse zu finden – auch gegenüber anderen Menschen – Wiedergutmachung zu leisten, heisst Verantwortung zu übernehmen. Ich brauche Vergebung von Gott und von Menschen und ich kann auch selbst vergeben. Mein eigenes Handeln ist wichtig und Christi Handeln ist wichtig.

Dr. Marcus Weiand (47) arbeitet am Bildungszentrum Bienenberg und leitet dort das Institut für Konflikttransformation (ComPax). Darüber hinaus ist er freiberuflich als Coach und Berater tätig. Er wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Weil am Rhein.

Zum Thema:
Uni Fribourg und TS Bienenberg: Zwei Partner arbeiten zur Friedensförderung zusammen
Zwischen Versuchung und Sünde: Wie man sich als Christ vor dem Fall schützen kann
Und es gibt doch Unterschiede: Warum Sünde nicht gleich Sünde ist

Datum: 09.10.2017
Autor: Christof Bauernfeind
Quelle: idea Spektrum Schweiz

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