Keine Kernkompetenz der Kirche?

Hilfe für Suizidbetroffene fällt Grossfusion zum Opfer

Der reformierte Zürcher Stadtverband hebt seine Fachstelle Kirche und Jugend auf. Stellenleiter Jürg Weisshaupt bedauert dies. Damit gebe die Kirche auch die regionale Begleitung von Menschen in geführten Selbsthilfegruppen auf.

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Jörg Weisshaupt
Jörg Weisshaupt hatte nach den Zürcher Jugendunruhen der 1980er-Jahre die Fachstelle Kirche und Jugend aufgebaut und sie 30 Jahre lang geleitet. Jetzt, mit 61 Jahren, muss der Sekundarlehrer mit Katechetikausbildung gehen, berichtet der Tagesanzeiger. Im Zuge des Reformprozesses zu einer grossen Kirchgemeinde habe der reformierte Stadtverband seine einzige Fachstelle mit 320 Stellenprozenten auf Anfang 2018 abgeschafft. Die Fachstelle hatte laut dem «Tagi» die Jugendarbeit in den 34 Kirchgemeinden der Stadt koordiniert, Veranstaltungen zu Themen wie Radikalisierung organisiert, über neue religiöse Bewegungen informiert und trug die beliebte «Nacht der Lichter» mit. Darüber hinaus habe sie am Rande andere innovative Projekte wie die spätere Notfallseelsorge oder die Streetchurch für junge Menschen initiiert.

Ein einzigartiges Angebot soll verschwinden

Gegenüber der Zeitung begründete der Geschäftsführer des Stadtverbandes, Martin Peier, man habe die Stelle aufgehoben, weil der gesamte Stadtverband auf Anfang 2019 aufgelöst und einer neuen Geschäftsstelle für die neue Grosskirchgemeinde weichen werde. Auch die neue Kirchgemeinde Zürich werde die Begleitungsarbeit von Menschen nach einem gewaltsamen Tod anbieten – im Rahmen der Seelsorge. Suizidnachsorge gehöre aber nicht zur Kernkompetenz der Kirche, dafür gebe es viele einschlägige private und staatliche Organisationen. Weisshaupt widerspricht: «Im Bereich der Nachsorge gibt es sonst keine Organisationen, die mit öffentlichen Mitteln die Arbeit der Vereine AURORA, Regenbogen, Refugium oder trauernetz mittragen.

Das Angebot ehrenamtlich sichern

Für Jörg Weisshaupt, der ein Netz von Ansprechpersonen und Selbsthilfegruppen für Menschen, die vom Suizid eines Angehörigen betroffen sind, aufgebaut hatte, bedauert den Rückzug der Kirche aus dieser Arbeit. Damit gehe viel Knowhow verloren. Er hat deshalb beim reformierten Stadtverband für eine Übergangslösung gekämpft, in der er die Arbeit in eine neue Trägerschaft überführen könnte, aber vergeblich. In den bestehenden Strukturen, welche den Stadtverband in die Grosskirchgemeinde überführen sollen, ist er aufgelaufen. Dass die Betreuung der Betroffenen im Rahmen der neuen Grosskirchengemeinde durch deren Personal funktioniert, glaubt er nicht, weil es für Betroffene grosse Hürden gebe, bei einer reformierten Kirchgemeinde anzuklopfen. Gegenüber Livenet betonte er, es gehe ihm keineswegs um das Ausspielen von lokaler Seelsorge und dem regionalen Angebot an Selbsthilfegruppen. Er will sich nun im Rahmen des Vereins «Trauernetz» ehrenamtlich um die Weiterführung der Suizidopfer-Betreuung kümmern und dafür neue Finanzquellen suchen.

Selbstverständlich werde er auch zukünftig in Triagegesprächen auf die lokalen Seelsorger hinweisen oder in Gemeinden die Suizidthematik in Vorträgen, Workshops und Gottesdiensten thematisieren, sei es mit Jugendlichen oder Erwachsenen, betont er gegenüber Livenet.    

Zum Thema:
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Datum: 06.02.2018
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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