Der Hintergrund der Anschläge

Christen fürchten den Ausnahmezustand

Einer der beiden Anschläge In Ägypten hat ausgerechnet eine Kirche in Tanta getroffen, wo Muslime und Christen bislang friedlich zusammen lebten, bis die IS-Terrormiliz sich einzumischen begann.

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Christen in Ägypten
Tanta ist das Zentrum der ägyptischen Baumwollplantagen und Textilindustrien im Nildelta, eine Stadt, wo koptische Christen und Muslime lang friedlich zusammenlebten. Die islamische Szene wurde von einer recht toleranten Derwischbruderschaft geprägt, der Badauwiyya. Um das Grabmal ihres Gründers im 12. Jahrhundert, des Sufi-Mystikers Ahmad Badawi, findet jährlich ein Volksfest statt, an dem sich auch die Kopten fröhlich beteiligten. Doch schon beim letzten «Muled» am 2. Dezember 2016, kam es zu Zusammenstössen. Christliche Kreise machten dafür eine Unterwanderung der frommen Derwische durch die IS-Terrormiliz aus Syrien über den Sinai verantwortlich.

Am Palmsonntag, den die ägyptischen Kopten in diesem Jahr gleichzeitig mit allen anderen Christen feierten, drang ein Selbstmordattentäter ungehindert in die Georgskirche ein. Er sprengte sich vor dem Altar inmitten der dort zelebrierenden Priester, zahlreichen Diakone und noch mehr Messknaben in die Luft. Von den 30 Toten und 56 Verwundeten sind daher die meisten Geistliche und Kinder.

Fehler der Polizei in Tanta...

Inzwischen erhebt der koptische Bischof von Tanta, Bulos al-Baramoussy, schwere Vorwürfe gegen die lokale Polizei, die Georgskirche so gut wie überhaupt nicht beschützt zu haben. Bereits Ende März hatten christliche Einwohner gegen ihre fehlende Absicherung vor Muslimterroristen demonstriert. Darauf wurden 25 Koptinnen und Kopten von Polizisten wegen Teilnahme an einer unerlaubten Kundgebung verhaftet. Sie sitzen noch immer im Gefängnis!

... im Gegensatz zu Alexandria

Dass zumindest viele der Opfer in Tanta bei effektivem Polizeischutz zu verhüten gewesen wäre, zeigt der glimpflichere Ausgang des parallelen Anschlags in der nahe gelegenen Hafenstadt Alexandria. Dort hatte der IS sogar die Patriarchenkathedrale der Kopten aufs Korn genommen, St. Markus. Gerade als Patriarch Tawadros II. an seine Gläubigen Palmzweige für die anschliessende Prozession verteilte, wollte ein Attentäter in die Kirche stürmen. Doch wurde er von der Polizei daran gehindert und sprengte sich am Tor in die Luft.

Armee statt Polizei als Beschützer

So scheinen auch die Vorwürfe des Bischofs von Tanta nicht unbegründet. Jedenfalls hat der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi ab sofort die Bewachung von Kirchen und allen christlichen Einrichtungen statt der Polizei dem Militär anvertraut. Der dreimonatige Ausnahmezustand über ganz Ägypten soll vor allem Sicherheit für Papst Franziskus bei seinem nachösterlichen Besuch am Nil suggerieren. Doch der koptische Informationsbischof Dioskoros El-Antuny befürchtet, dass es trotz – oder gerade wegen – des bei den Muslimen unpopulären Ausnahmezustands zu weiteren Terrorangriffen auf die ägyptischen Christen kommen wird: «Schon Ostern wäre für die IS-Terrormiliz ein verlockender Anlass.»

Mutlose muslimische Autoritäten

Enttäuscht zeigen sich die Kopten von den Reaktionen höchster islamischer Autoritäten Ägyptens. Das gilt aber nicht für die meisten einfachen Muslime. Viele von ihnen haben sogar für die verwundeten Christen Blut gespendet. Der Al-Azhar in Kairo, höchste Glaubensautorität für alle Sunniten, hat die Terroristen nur als «Fehlgeleitete» bezeichnet, statt klar zu betonen, dass solche Gewalttäter vom rechtgläubigen Islam verurteilt, ja völlig ausgeschlossen sind.

Zum Thema:
Eine «Märtyrerkirche»: IS-Terrormiliz wütete unter koptischen Christen
Labile Religionsfreiheit: Die Christen im Ägypten Al-Sisis

Christen im Schatten: Was wird aus Ägypten?

Datum: 12.04.2017
Autor: Heinz Gstrein / Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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