Vineyard-Leiter Martin Bühlmann

«Die Flüchtlingskrise ist eine Chance»

Die Explo in Luzern war eine gute Gelegenheit, mit Leitern zu aktuellen Themen ins Gespräch zu kommen. Livenet-Redaktor Florian Wüthrich fragte Martin Bühlmann, Leiter der Vineyard in Berlin, wie er die Flüchtlingskrise in Deutschland erlebt und was Christen seiner Meinung nach tun können.

Livenet: Was hat die Flüchtlingskrise in eurer Gemeinde bewirkt, wie habt ihr es erlebt?
Martin Bühlmann:
Einerseits hat die Flüchtlingskrise direkte Auswirkungen auf das Gemeindeleben; in der Vineyard Berlin gibt es jetzt viele Araber und viele Besucher aus dem Iran und Afghanistan. Für mich ist aber viel begeisternder, dass Deutschland durch Frau Merkel die Chancen erkennt, die eine offene Gesellschaft trägt. Sie liess sich von der Not dieser Menschen in Syrien, im Libanon und im Irak berühren und sagte: «Wir wollen uns um sie kümmern», «Wir können das!», da kommt Vision und Kraft. Das hat verschiedene Hintergründe: Einerseits ist Deutschland wirtschaftlich – genau wie die Schweiz – darauf angewiesen, dass Menschen einwandern, denn die grosse Chance ist, dass diese Menschen, wenn sie gut integriert werden, zum Volkwohlstand beitragen. Es hat also ganz natürliche Hintergründe. Es ist nicht nur eine Mitleidskultur, sondern ein Bewusstsein: Wir brauchen Einwanderung, sonst können wir als Staat nicht überleben.

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Martin Bühlmann
Aber man muss natürlich den Grössenvergleich sehen: In Deutschland sind 1 Million Flüchtlinge angekommen, in der Schweiz wäre das proportional 100'000 Menschen. Wir haben in der Schweiz bereits Probleme mit 20'000 oder 30'000 – ich weiss nicht, was in der Schweiz passieren würde mit 100'000... Ich nehme aber in unserem Freundeskreis in Berlin und unter dem Volk wahr, dass wir weit weg sind von einem «Asylchaos» oder «Flüchtlingschaos». Deutschland hat ein Chaos in der Verwaltung, dass sie mit der Arbeit nicht nachkommen, aber die Bereitschaft vom Volk, Flüchtlinge aufzunehmen, ist nach wie vor gross und das, was man in den Nachrichten in der Schweiz von den Unruhen hört, ist marginal. Ich bewundere die Deutschen für die Haltung, die sie bei diesem Thema haben.

Man kann häufig eine gespaltene Haltung bei den Christen beobachten, ob man sich jetzt öffnen sollte oder sich damit überfordert...
Ich denke, das Kernproblem in der Gesellschaft unter Christen heute ist, dass wir mit Ideologien, Schlagworten und Meinungen arbeiten und gar nicht auf den Kern der Herausforderung eingehen. Ich bin überzeugt, dass die Angstmacherei vor dem Islam vollkommen deplatziert ist. Die Menschen, die vor einem fundamentalistischen Islam flüchten, sind alles andere als Islamisten und fragen uns: Was für einen Glauben habt ihr? Wenn es heisst, die evangelischen Kirchen sagen, den Flüchtlingen soll man das Evangelium nicht verkünden, dann denke ich, dass da eine massive Form des Rassismus betrieben wird.

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Martin Bühlmann im Gespräch mit Florian Wüthrich
Erlebt ihr auch, dass Muslime in der Vineyard zum Glauben kommen?
Nicht nur in der Vineyard. Das beste Beispiel ist wohl eine altlutherische Kirche, in der in den vergangenen 12-18 Monaten 1'800 Muslime zum Glauben gekommen sind (Livenet berichtete). Aber auch in der Vineyard, ich würde sogar sagen in jeder Gemeinde geschehen solche Dinge.

Ich bin als Christ überzeugt, dass Gott die Muslime nach Europa schickt als riesige Chance, ihnen das Evangelium zu vermitteln. Ich bin ebenso überzeugt, dass viele dieser Menschen lieber wieder zurückgehen würden. Sie wollen nicht den Rest ihres Lebens in dieser Kälte bleiben. Sie wünschen sich Schweizer Verhältnisse in Syrien.

Und wenn es in den nächsten 20 Jahren in diese Richtung geht, ist es eine grosse Chance für uns, das Evangelium durch Rückkehrer in diese Länder zu bringen. Das passiert übrigens auch mit Albanern. Es gibt eine relativ grosse Anzahl Albaner in Deutschland, die zum Glauben gekommen sind. Albanien wird nun als sicheres Land dargestellt und das gibt uns die Chance, mit den albanischen Rückkehrern das Evangelium nach Albanien zu bringen.

Zum Thema:
Chance für Christen im Westen: Das ist keine Naturkatastrophe
Asylbewerber besuchen: «Wir können ihnen von unserer Hoffnung berichten»
SEA-Präsident Wilf Gasser: Flüchtlingskrise: «Wir stehen vor einer neuen Situation»
Brief aus dem Nahen Osten: «Manche werden sich in euren Gott verlieben»

Datum: 06.01.2016
Autor: Florian Wüthrich / Anja Janki
Quelle: Livenet

Kommentare

Ich bin mit Daniel Zinng voll einverstanden. Es braucht den Mut Misstände aufzudecken und zu korrigeren. Wenn Europa Einwanderer braucht um weiter existieren zu können, ist aus meiner Sicht etwas krank. Es ist richtig, dass Einwanderer auch Konsumenten sind und dadurch der Wirtschaft dienen. Die Fage stellt sich dann, wo bleibt der eigene Nachwuchs? Wenn wir Einwanderung brauchen um die Wirtschaft zu erhalten braucht es offene Augen dazu, wer und wieviel Einwanderung diesem Ziel dienlich und notwendig ist.
Nach Jahren Erfahrung in der Flüchtlingsarbeit erachte ich den Bericht von Martin Bühlmann als einseitig. Hier werden Fakten ausgeblendet und ein fromm garniertes Bild präsentiert, das so nicht stimmt. Warum wagt man nicht nebst Positivem (Chance der Evangelisation) auch den Asylmissbrauch zu erwähnen, der wahrlich nichts mit „Gott sei Dank schickt er uns Flüchtlinge nach Europa“ zu tun hat? Ein gläubiger Flüchtling bestätigt, das nach seiner Einschätzung über 50% der aus seinem Land stammenden Flüchtlinge in der CH nie verfolgt wurden und somit unter falschem Vorwand hier sind. Livenet Leser verdienen eine mutigere und ausgewogenere Berichterstattung in Sachen Flüchtlingspolitik.

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