Einseitige Bibelauslegung

Jesus, der Kapitalist?

«Der christliche Glaube und die freie Marktwirtschaft gehören untrennbar zusammen. Lassen wir das eine wegfallen, verlieren wir über kurz oder lang auch das andere.» Mit Thesen wie dieser macht der Diplom-Volkswirt Robert Grözinger auf einer christlichen Unternehmertagung von sich reden. «Peinlich einseitig» findet Hauke Burgarth. Ein Kommentar.

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In welchem Verhältnis steht der christliche Glaube zum Kapitalismus? Eine heiss umstrittene Frage.
Am 29. Oktober fand in Frankfurt am Main eine Veranstaltung des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU) statt. Gastgeber war die Deutsche Bank. Vor 60 Vertretern aus Kirche und Wirtschaft sprach Robert Grözinger zum Thema «Das christliche Herz der Marktwirtschaft». Der Volkswirt und Autor legte darin die Thesen seines bereits kontrovers diskutierten Buches «Jesus, der Kapitalist» erneut dar.

Das Feindbild steht

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«Jesus, der Kapitalist» Buchcover
Das Nachrichtenmagazin Idea berichtet, dass Grözinger zufolge «entscheidende Grundlagen für den Kapitalismus aus dem Judentum und dem Christentum hervorgegangen [sind], etwa die Achtung des Privateigentums sowie die Freiheit und Verantwortung des Einzelnen. Gott habe dem Menschen den Auftrag gegeben, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Dazu seien Effizienzsteigerung und Arbeitsteilung notwendig, um die Welt angesichts der Vielzahl der Menschen bewohnbar zu halten. Dies gelinge am besten durch die Marktwirtschaft.»

Das ist ein vertretbarer Denkansatz. Doch leider bleibt Grözinger hier nicht stehen. Er stellt das Christentum nicht nur als Basis des Kapitalismus vor. Er betont, dass der christliche Glaube seinerseits den Kapitalismus nicht nur braucht, sondern geradezu fordert. Ergänzend dazu malt Grözinger ein düsteres Bild des «neuen Sozialismus», der für ihn in jedweder Couleur als Inbegriff dessen dasteht, «dass wir Gott nicht wirklich als oberste Instanz betrachten, sondern den Staat». Dass er gerade vorher ähnliches über die Marktmechanismen der freien Marktwirtschaft gesagt hat, ficht ihn an dieser Stelle nicht an: Sein Feindbild ist klar.

Die Bibelauslegung folgt

Nach diesen wirtschaftlichen Ansichten betrachtet der Ökonom die Bibel. Und findet sowohl im Alten als auch im Neuen Testament jede Menge Unterstützung für seine Thesen. Er tut sich sehr leicht dabei, denn zum Teil hat er einfach recht: Die Bibel verurteilt Besitz an sich nicht. Stimmt. Zum Teil macht er es sich sehr einfach, indem er Bibelstellen, die kapitalismuskritisch sind, entweder umdeutet oder sie unter den Tisch fallen lässt. Vor allem aber begeht er den Fehler, ökonomische und gesellschaftliche Theorien des 18. bis 20. Jahrhunderts rückwirkend als Basis für biblisches Denken misszuverstehen.

Mit diesem exegetischen Zirkelschluss wird er allerdings weder der Bibel noch den Wirtschaftswissenschaften gerecht. So liessen sich problemlos auch Fragen nach dem allgemeinen Wahlrecht oder dem Umgang mit dem Klimawandel «biblisch» beantworten. Nur kann man für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem, was die Bibel uns heute zu sagen hat, nicht deren gesellschaftlichen Hintergrund eins zu eins in die Gegenwart übertragen. Diese Art der Auslegung hat Goethe einmal spöttisch beschrieben: «Im Auslegen seid frisch und munter! Legt ihr's nicht aus, so legt was unter.»

So einfach wird Jesus zum Kapitalisten

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Hauke Burgarth
Jesus, der Kapitalist. Ich kann ihn mir richtig vorstellen: Jesus, im schwarzen Anzug, lässt sich in seinem grossen Auto aus Stuttgarter Herstellung vom Chauffeur durch die Strassen Jerusalems fahren. Effizienzorientierung und Gewinnmaximierung sind seine Ziele. Er will eine neue, eine «freie» Marktwirtschaft einführen. Frei ist sie vor allem für diejenigen, die das nötige Kleingeld und die entsprechende Machtposition bereits mitbringen…

Ich überzeichne. Ja. Und zwar deshalb, weil solch ein Jesus sicher manchem heutigen Unternehmer oder Ökonomen wie Herrn Grözinger gefallen würde. Doch er hätte praktisch nichts mehr mit dem Jesus zu tun, der von sich selbst sagt: «Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele» (Markus 10,45). Jesus wollte und will Menschen heraushelfen aus einem Leben, das in die verkehrte Richtung geht. Rettung nennt die Bibel das. Und – Gott sei Dank – funktioniert dies unabhängig vom Inhalt unseres Geldbeutels, unabhängig von dem Gesellschaftssystem, in dem wir uns befinden und unabhängig von unserer politischen Meinung. Die Bibel hat viel zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen beizutragen – gerade auch in den Bereichen Reichtum, Armut, gesellschaftlicher Verantwortung. Wer sie dabei einseitig vor seinen eigenen Karren spannt, kann ihr nicht gerecht werden.

Zum Thema:
10 Jahre gelebtes Evangelium: Sozialmanager sehen die Not und handeln
Dominic Prétat: «Wir sind berufen zu arbeiten, Arbeit ist Gottesdienst»

Datum: 03.11.2014
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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