Psychologin und Theologin Monika Renz berichtet

Was Sterbende erleben

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Den Sterbeprozess nicht abwürgen: Dr. Monika Renz in Quarten.
Die Leiterin der Abteilung Psychoonkologie am Kantonsspital St. Gallen, Monika Renz hat 680 Sterbende begleitet und ist dabei auf erstaunliche Vorgänge gestossen.

Die promovierte Psychologin und Theologin berichtete an einer Tagung christlicher Ärzte am 8. November 20009 in Quarten SG von den Resultaten ihrer Forschungsarbeit über seelische und geistliche Vorgänge beim Sterben.

Konzentration auf das Wesentliche

«In der Sterbephase findet eine Konzentration auf das Wesentliche statt», sagte Monika Renz vor rund 200 evangelischen und katholischen Ärztinnen und Ärzten. Es finde ein Abschied statt, oft aber auch eine neue Identitätsfindung. Oft fänden Sterbende von der Lebensverneinung wieder zur Lebensbejahung. Ein Mann sagte gegenüber Renz: «Ich bin so frei, einfach ich selbst zu sein.»

Sterbeprozess nicht durch Suizid abwürgen

Die Forscherin, die vor allem krebskranke Menschen in den Tod begleitet, warnte deshalb davor, den Sterbeprozess durch Suizid und Suizidhilfe «abzuwürgen». «Friedliches Sterben wird durch einen falschen Würdebegriff erschwert», sagte Renz. Es gehöre zum Sterbeprozess, die Selbstbestimmung aufzugeben und sich dem Geschehen zu überlassen. Die «Ohnmacht im Sterben» ermögliche Erlebnisse, die den Menschen auf das Jenseits vorbereiteten.

Nicht alle Sterbeerlebnisse seien angenehm, räumte Renz ein, ganz abgesehen von Schmerzen, die ertragen werden müssten. Diese könne man aber mit Palliativpflege lindern. In der Sterbephase verlieren Menschen das Gefühl für Schwerkraft, für Ort und Zeit. Das kann auch Ängste auslösen, wenn sich ein Mensch plötzlich scheinbar im freien Fall befindet. Doch dies sei nur eine Phase im «Davor - Hindurch - Danach». «Auch die Angst wird (im Danach) dann losgelassen», so Renz. «Sterbende werden gelassen».

Mit Sterbenden kommunizieren

Monika Renz ermutigt dabei Pflegepersonal und Angehörige, mit Sterbenden zu kommunizieren, auch wenn diese scheinbar nicht mehr ansprechbar sind. Sie beschrieb anhand von konkreten Erlebnissen, wie Menschen gerade in dieser Phase offen werden, noch letzte Dinge, z.B. Spannungen mit einem Menschen, zu bereinigen - um dann Stunden später friedlich einzuschlafen.

Dieses Gespräch muss aber geübt werden. «Wir können Sterbende oft nicht logisch, sondern nur analogisch verstehen.» Ihre Aussagen müssten gedeutet werden.

«Ichhaftes loslassen»

Zum Argument, dass sich Menschen mit schweren Krankheiten in der letzten Lebensphase oft unwürdig fühlten und sich scheinbar unwürdig verhielten, sagte Renz: „Der Mensch ist mehr als das funktionstüchtige Ich!" Nicht der Grad der noch vorhandenen Selbstbestimmung mache die Würde des Menschen aus. Ein solcher Würdebegriff sei fatal, denn er erschwere ein friedliches Sterben. «Selbstbestimmung ist ein wichtiger Wert im Leben», räumte Renz ein. «Sterben aber bedeutet Loslassen von allem Ichhaften».

Rolle der Angehörigen

Angehörige und Pflegende können dazu beitragen, dass die Öffnung für das Kommende und das Loslassen, vor der sich die Sterbenden befinden, gelingt. Sie könnten ihnen im Abschiednehmen und bei Versöhnungsprozessen beistehen, sagte Renz. Sie könnten dem Sterbenden auch «seine Würde zudenken». Und sie könnten seine Tapferkeit im Leiden würdigen und ihm in dieser Lebensphase noch einmal bewusst begegnen.

«Würde ist ein Beziehungsbegriff», betonte Monika Renz zum Schluss. «Er verweist auf ein letztes Bezogensein.» Den Bezug des Menschen zu seinem Schöpfer.

Webseite: www.monikarenz.ch
Podium an der Tagung in Quarten zur Menschenwürde in der Politik

Datum: 20.11.2009
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet.ch

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