Calvin am Bosporus

Die Schweizer Reformation reichte bis ans Schwarze Meer

1517 hat Martin Luther mit 95 Thesen die Reformation in Gang gebracht. 1523 griff sie mit der ersten Zürcher Disputation auf die Schweiz über. Weniger bekannt ist, dass die Reformation auch im Balkan und im Orient auf fruchtbaren Boden fiel.

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Tyulenovo am Schwarzen Meer
Tübinger Lutheraner setzten auf die Unterstützung durch orthodoxe Papstgegner und schleusten dazu Vertrauensleute als Geistliche der kaiserlichen Gesandtschaft beim Sultan ein. Diese nahmen Kontakt zu den orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel auf. Zwar bekamen sie abschlägige Antworten, dennoch erinnert die Universität Tübingen in diesem Reformationsjahr an jene Episode, indem sie dem heutigen Ökumenischen Patriarchen der Orthodoxie, Bartholomaios I., am 30. Mai zum Ehrendoktor macht.

Orthodoxer Patriarch stirbt Märytertod für die Reformation

Bleibende Wirkung erzielte hingegen im 17. Jahrhundert die Schweizer Reformation auf den Konstantinopler Patriarchen Kyrillos Loukaris. Der Genfer Theologe waldensischer Herkunft, Antoine Léger (1596-1661), konnte als Gesandtschaftsprediger sogar den damaligen Patriarchen für ein gemeinsames orthodox-reformiertes Glauhensbekenntnis gewinnen. Loukaris musste das allerdings mit dem Leben bezahlen: Sultan Murad IV. fürchtete, dass sich auf dieser Basis seine zahlreichen orthodoxen Untertanen mit den abendländischen Christen, besonders den Niederländern, verbünden könnten. Patriarch Kyrillos wurde daher 1638 auf ein Schiff entführt und umgebracht.

Christen im türkischen Untergrund

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Katakomben-Kirche in Kappadokien
Sein in Genf gedrucktes Glaubensbekenntnis wirkte jedoch im Stillen weiter. Die darin ausgesprochene Ablehnung von Auswüchsen der Bilderverehrung und Fürbitten für Verstorbene in der orthodoxen Volksfrömmigkeit zeigte Folgen. Besonders unter den Katakombenchristen in Kappadokien und den türkischen Schwarzmeerprovinzen. Um der Islamisierung zu entgehen, lebten sie im Verborgenen ein Christentum evangelischer Einfachheit, das sich entscheidend von Prunk und Pracht der orthodoxen Amtskirche unterschied. Diese kooperierte mit der islamischen türkischen Obrigkeit und verzichtete dafür auf jede Evangelisation.

Evangelische Märtyrer – ihre Nachfahren leben unter uns

Ab dem 19. Jahrhundert gewährten Reformsultane in der Türkei offiziell Religionsfreiheit. Unter Führung des reformierten Missionars Xenophon Mos-chou wagten sich die kleinasiatischen Untergrundchristen an die Öffentlichkeit. Sie wollten zunächst nicht mit der orthodoxen Kirche brechen. Diese verurteilte sie aber als Ketzer, und bald verfolgte sie auch die türkische Obrigkeit. Mos-chou wurde mehrmals gesteinigt, zweimal fast bis zum Tod. In Kaiseri bei Ankara bezeugte Pavlos Pavlidis, und im südtürkischen Adana Charalambos Bostandzoglou den evangelischen Glauben mit dem Leben. Seit der Vertreibung aller Christen aus der Türkei – mit Ausnahme von Istanbul – in den Jahren 1922-24 leben diese Nachfahren des Wirkens von Antoine Léger vor allem in Griechenland und Zypern, aber vereinzelt auch in der Schweiz und in Deutschland.

Zum Thema:
Kappadokien: Siedlung entdeckt: «Das schreibt die Geschichte der Stadt neu»
Geheimchristen in der Türkei: Immer mehr steigen aus dem Untergrund heraus
Kraftprobe am Bosporus: Die Türkei – das Land der Bibel

Datum: 27.03.2017
Autor: Heinz Gstrein / Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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