OM Schweiz wagt Neues

Winterthur: Nahbar, Nachbar, Nächster

Wie nahe lassen wir uns Menschen kommen, die unter uns leben? OM Schweiz wagt auch hierzulande Neues. Hier ein Bericht aus Winterthur.

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Ferienwoche im Bündnerland
Für den Mann, der mit Jesus redete, war klar, was Gott von ihm erwartete: seinen Nächsten zu lieben. Da fragte er: «Wer ist mein Nächster?»

Meinen Nächsten zu identifizieren, ist immer ein Wagnis. Mein Aufenthaltsort bestimmt, wer mein Nächster ist. Für Myriam sind es Kinder und Erwachsene, die nicht hier in der Schweiz geboren sind. Menschen, die aus irgendeinem Grund ihr eigenes Land verliessen und jetzt in der ihnen fremden Stadt Winterthur wohnen – Migranten. Schon seit über zehn Jahren sind Myriams «Nächste» Menschen, die nicht reinpassen, Menschen, die sich nicht angenommen fühlen.

«Hallelu, Hallelu, Hallelu, Halleluja» tönt es im mit Kindern und Frauen besetzten Postauto. Die Teilnehmenden an der Na(c)hbar-Ferienwoche für alleinerziehende Mütter, zum grossen Teil muslimische Migrantinnen, singen aus vollem Halse. Eine Russin sagt mit Tränen in den Augen: «Solche Lieder für Gott habe ich noch nie gehört. Es war sehr schön!»

In der Partyhütte

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Myriam Krauer von OM Schweiz
Myriam begann 2007 als Praktikantin in der Reformierten Kirchgemeinde Winterthur-Seen zu arbeiten. Dort kam sie in Kontakt mit Mikado, einem Freizeitprogramm für Kinder im Quartier. «Innerhalb kurzer Zeit lernte ich viele Kinder und ihre Familien kennen. Die meisten hatten einen Migrationshintergrund. Ihre oftmals schwierigen Lebensumstände beschäftigten mich.» Als sich Myriam später für eine Stelle bei OM bewarb, behielt sie die Arbeit mit Mikado bei.

«Yeh Mikado! Ich bin süchtig nach Mikado!», antwortet ein Junge auf die Frage, ob er am Nachmittag ins Mikado komme. Jede zweite Woche treffen sich etwa 15 Erst- bis Sechstklässler in einer gemieteten Partyhütte, um zu spielen, eine biblische Geschichte zu hören und ein Zvieri zu geniessen. In der Woche ohne Mikado werden die Kinder zu Hause besucht.

Als die ersten Mikado-Kinder Jugendliche wurden, pflegte Myriam weiterhin Kontakt mit ihnen. Sie organisierte einen monatlichen Mittagstisch für Oberstufenschüler, offerierte Hilfe bei den Schulaufgaben und half ihnen bei der Schnupper- und Lehrstellensuche.

Quartierarbeit wird Na(c)hbar

Die Arbeit wuchs. 2013 übernahm OM die Verantwortung. Ein neuer Name, der die ganze Arbeit reflektiert, wurde eingesetzt: Na(c)hbar. Das Team will nahbar für Nachbarn oder eben für seine «Nächsten» sein.

Oft folgen auf Kontakte mit Kindern Kontakte zu deren Müttern. Viele fühlen sich fremd in unserem Land. Auch einfache Aufgaben werden schwierig, wenn man die Kultur, die Gepflogenheiten, die Gesetze und vor allem die Sprache nicht kennt. Diese Probleme werden zusammen mit den Na(c)hbar-Mitarbeitenden angegangen.

Deutschkurse für Frauen erfreuten sich bald grosser Beliebtheit. Die ausgebildeten Lehrpersonen arbeiten auf freiwilliger Basis. Speziell für Flüchtlinge werden Deutsch-Konversationstreffen mit Mittagessen angeboten. Das Eine-Stunde-Projekt bringt Schweizerfrauen mit Migrantinnen zusammen. Eine Stunde pro Woche wird Deutsch geübt und Kaffee getrunken.

Schicksalsschläge

«Oft kommen wir mit Frauen in Kontakt, die schwere Schicksalsschläge und schwierige Familienverhältnisse zu tragen haben», erzählt Myriam. «Wir als Na(c)hbar-Team versuchen, wo möglich zu begleiten und zu unterstützen. Aber auch wir kommen oft an unsere Grenzen. So sind wir sehr dankbar, dass wir alles immer wieder bei Gott abgeben dürfen.»

Oft erlebt das Team, wie Gott helfend eingreift. «Einmal war ich unschlüssig, ob ich nach Hause gehen oder noch jemanden besuchen sollte. Ich bat Gott um Führung. Spontan kam mir die Idee, eine Albanerin ins Kafi Melange einzuladen. Sie sagte sofort zu. Wir genossen unseren Nachmittag, als sie plötzlich sagte: ‹Ich habe heute Geburtstag! Du hast mich an meinem Geburtstag zum Kaffee eingeladen!› Dabei strahlte sie über das ganze Gesicht. Diese Albanerin wird von ihrem Ehemann nicht wertgeschätzt, doch Gott liebt sie und beschenkte sie durch mich.»

Ferienwoche

Jeden Sommer werden alleinerziehende Frauen mit ihren Kindern für eine Ferienwoche ins Bündnerland eingeladen. Myriam: «Wir spürten eine grosse Verbundenheit zwischen den Müttern, die aus ganz verschiedenen Ländern und religiösen Hintergründen kamen. Es war ein gutes Miteinander mit gegenseitiger Unterstützung.» Eine Teilnehmerin aus dem Sudan sagte: «Ich habe alle meine Sorgen vergessen.» Eine Kurdin fügte an: «Ich bin so dankbar, dass Gott mir so gute Freunde wie euch geschenkt hat.»

Seit der Ferienwoche treffen sich einige der Frauen, um den Film «Maria Magdalena» anzusehen und sich darüber zu unterhalten. Besonders das Thema Vergebung berührte sie zutiefst: «Stimmt es wirklich, dass Gott alles vergibt?», fragte eine Kubanerin. Als Myriam sie später fragte, ob er ihr Herz geheilt habe, strahlte sie und sagte: «Ja, das hat er!»

Praktische Hilfe

Viele Migrantinnen haben grosse Probleme bei der Arbeitssuche. Deshalb gründete Na(c)hbar zusammen mit der Arbeitsvermittlungsstelle «Läbesruum» Fairputz. Unter dem Motto «Gute Arbeit – faire Anstellung» werden Reinigungskräften Stellen vermittelt. Die Nachfrage ist gross.

Volontäre stehen auch zur Verfügung, um Fragen zu offiziellen Papieren zu beantworten und beim Lösen von Problemen zu helfen. Neben den zwei bezahlten Mitarbeiterinnen helfen zehn Freiwillige in der Na(c)hbar-Arbeit mit.

Und wer ist dein Nächster?

OM Schweiz ist ein Teil des weltweiten christlichen Hilfs- und Missionswerkes OM (Operation Mobilisation). OM arbeitet in 110 Ländern und auf einem Hochsee-Schiff und setzt sich dafür ein, dass Menschen Bildung erhalten, Hilfe erfahren und Hoffnung finden. Gegenwärtig zählt OM 3'200 Mitarbeitende. 170 davon stammen aus der Schweiz. In der Schweiz steht die Arbeit mit Migranten und Randständigen im Vordergrund.

Zum Thema:
Fokus auf Indien: OM Schweiz feiert 40-jähriges Bestehen
60 Jahre OM Deutschland: OM-Gründer George Verwer sprach an Jubiläumsanlass
40 Jahre OM Schweiz: «Die Tat macht das Wort glaubwürdiger»

Datum: 07.09.2017
Autor: Ernst Haab
Quelle: wort+wärch, Magazin des Evangelischen Gemeinschaftswerks EGW

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