Licht- und Schattenseiten

Stärken und Schwächen der Täuferbewegung

Bei Jubiläumsanlässen wird gerne über die Stärken und Verdienste der eigenen Organisation oder Kirche gesprochen. Aus dieser Tradition scheren die Autoren einer Festschrift für den Theologen Bernhard Ott aus.

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Bernhard Ott mit dem ihm gewidmeten Buch «Fit für die Welt»
«Fit für die Welt!?» lautet der herausfordernde Titel des Sammelbandes, den Kollegen von Dr. Bernhard Ott zu seinem 65. Geburtstag zusammengestellt haben. Er ist eine wirkliche Perlensammlung. Das Ausrufe- und das Fragezeichen zum Titel sind von den Herausgebern sehr bewusst gesetzt worden.

Authentischer und persönlicher Glaube – Das Ausrufezeichen

Hanspeter Jecker ist ein Wegbegleiter von Bernhard Ott und hat das Buch zusammen mit Lukas Amstutz herausgegeben. Er hat sich die Aufgabe gestellt, zu beschreiben, was «wir aus der täuferischen Tradition lernen können». Nach einer Beschreibung der täuferischen Geschichte, die auf die Reformation zurückgeht, zählt er die Stärken der Bewegung auf: Die zentrale Stellung der Heiligen Schrift, die Freiwilligkeit des Glaubens und der Kirchenmitgliedschaft, das Streben nach authentischem und persönlichem Glauben und den Aufbau eigener «obrigkeitsunabhängiger frei-kirchlicher Kirchgemeinden». Dazu gehören weiter der «Aufbau lokaler geschwisterlicher Gemeinschaften», die «Früchte der Busse» sowie die «Feindesliebe und der Gewaltverzicht». Die Ausführungen dazu sind aufschlussreich und reizen zur Nachahmung.

Kehrseiten der Stärken – das Fragezeichen

Es folgt dann eine ebenso lange Liste von Kehrseiten dieser Stärken, die zur Bescheidenheit mahnen und auch von andern (Frei-)Kirchen je nach Ausprägung Aufmerksamkeit verdienen. Laut Jecker hat die Betonung der persönlichen Entscheidung für den Glauben oft vergessen lassen, dass vor dem Ja des Menschen zu Gott das Ja Gottes zum Menschen steht. Der täuferische Mut zur Nichtanpassung an herrschende kirchliche und politische Verhältnisse habe auch zur selbstgefälligen Besserwisserei und zu notorischem Querulantentum geführt. Die täuferische Betonung von «Früchten der Busse» hat laut Jecker da und dort zu einer elitären Gesinnung und zu einer «krankmachenden Leistungsfrömmigkeit» geführt.

Gefahr der Heuchelei...

Hanspeter Jecker erwähnt als Kehrseite der hohen ethisch-moralischen Ansprüche die Gefahr der Heuchelei und Unwahrhaftigkeit. Die täuferische Bereitschaft zum Leiden gegenüber obrigkeitlicher Verfolgung habe zuweilen Bitterkeit gegenüber Regierungen und Behörden ausgelöst. Ausserdem habe die täuferische Betonung der Lokalgemeinde den Blick für die gesamte Kirche verengt.

Folgerungen für die Zukunft

Hanspeter Jecker zieht aus seinen Beobachtungen die Folgerung, dass aus Stärken und Schwächen gelernt werden kann. Er betont, dass Licht und Schatten die Geschichte und Theologie der Täufer-Bewegung kennzeichnen. Er schreibt: «Wenn wir uns als weltweite täuferisch-mennonitische Geschwisterschaft eingestehen, dass jede eigene Erkenntnis Stückwerk ist – und es nach 1. Korinther 13 durchaus sein darf! –, dann könnte uns dies nach innen wie auch im Dialog mit anderen Kirchen freimachen, die Andersartigkeit des anderen nicht als Bedrohung, sondern als hilfreiche Ergänzungen zu sehen, und sie als Einladung zum Dialog und zum Überdenken eigener Positionen dankbar anzunehmen.»

Der Sammelband enthält eine Reihe weiterer Perlen von Theologen mit täuferischem Hintergrund, die von der Auslegung von «Rachepsalmen» (Beat Weber) bis hin zur zeitgemässen medialen Verbreitung des Evangeliums (Willy Surbeck) reichen.

Zur Webseite:
Buch «Fit für die Welt»
Bibliografische Angaben

Zum Thema:
Mennoniten: «Es ist unsere Aufgabe, uns einzumischen in die Politik»
Aus soziologischer Sicht: Warum Pfingstgemeinden wachsen
Bilanz und Kongress: Freie evangelische Gemeinden: In die Weite und in die Tiefe wachsen

Datum: 21.04.2017
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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