Druck auf Christen

«Das Ende der FARC ist noch nicht der Anfang des Friedens»

Historisches in Havanna: Am 23. Juni 2016 unterzeichnete Kolumbiens Regierung in Kubas Hauptstadt mit den Guerilla der FARC einen Waffenstillstand. Jetzt, ein Jahr später, wurden tatsächlich grössere Schritte zurückgelegt. Gleichzeitig zeigt sich, dass die mahnenden Stimmen freikirchlicher Christen nicht Unrecht hatten – ähnlich wie in Mexikos Drogenkrieg.

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FARC-Kämpfer in Kolumbien
Die Entwaffnung der «Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia» (FARC) verzögerte sich jüngst und die Wiedereingliederung in die Zivilisation wurde auf den 1. August terminiert. Die Guerilla trat unter anderem auf die Bremse, weil nicht sicher ist, wie das Sondertribunal, das Kriegsverbrechen ahnden soll, ausstaffiert ist.

Trotz zweifellos errungenen Erfolgen ist der angestrebte Frieden noch nicht in seiner ausgemalten Schönheit greifbar. Der erreichte Meilenstein führt zu neuen Problemen. Der Kokainanbau hat ein neues Allzeithoch erreicht – unter anderem wird der mit der FARC vereinbarte Stopp von Herbiziden geltend gemacht. Die Kokainbauern zögern beim Umstieg auf anderes Anbaugut.

Das Drogen-Milliardengeschäft weckt neue Begehrlichkeit bei anderen Paramilitärs und kriminellen Gruppen (eine FARC-Bedingung war, dass diese bekämpft werden), die sich über den Drogenhandel finanzieren. Da und dort schliessen sich einstige FARC-Guerilleros anderen Organisationen an.

Christen reagierten mit Drogen-Rehas

Ein Jahr ist es her, seit der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos und der Führer der FARC, Timoleon Jimenez, einen Waffenstillstand unterzeichneten. Freikirchliche Christen standen dem positiv gegenüber, allerdings mit einer gewissen Skepsis.

Die traurige Bilanz des Krieges, den die marxistische Bewegung seit 1964 gegen die kolumbianische Regierung führte, sind 220'000 Tote und sieben Millionen Vertriebene. Christen, die ihren Glauben lebten, bezahlten einen hohen Preis, waren sie doch im besonderem Mass der Gewalt bewaffneter Gruppen ausgesetzt, die Pastoren ermordeten, Kirchen zerstörten, Kirchgemeinden erpressten, Leiter entführten und Kinder zwangsmässig als Soldaten rekrutierten. Sie wurden zur Zielscheibe von FARC, ELN und anderen Drogenkartellen. Nicht mitmachen bei organisiertem Verbrechen oder Korruption sowie das Eröffnen von Drogen-Rehas wurde etlichen Christen im auf dem Papier christlichen Land zum Verhängnis.

Friedensstifter sein

Vor Jahresfrist sagte ein von den FARC vertriebener christlicher Leiter (aus Sicherheitsgründen wird sein Name nicht genannt): «Uns wurde beigebracht, zu vergeben, nichts zur Anzeige zu bringen. Unsere Rolle wird sein, diejenigen willkommen zu heissen, welche ihre Waffen abgeben, und Friedensstifter zu sein, wie wir es immer waren.» Und eine Gemeindeleiterin (zu ihrer Sicherheit ebenfalls anonym): «Das Ende der FARC ist noch nicht der Anfang des Friedens; sie ist nur einer der Akteure in diesem Krieg. Die Verfolgung der Kirche hat zugenommen – durch kriminelle Banden, indigene Führer und andere Guerillagruppen.»

Der Friedensprozess wird von Christen angesehen als «Antwort auf die Gebete vieler Gemeinden, Nachtwachen und die Fürbitte, die wir viele Jahre lang durchgeführt haben, damit der Krieg in Kolumbien aufhört», so Rolando, ein Vertreter der «Christ for the City Church» in Bogota, der Hauptstadt Kolumbiens. Ebenfalls in Bogota entwickelte die grosse Kirchgemeinde «Casa sobre la Roca» («Haus auf dem Felsen») einen speziellen «Vergebungslehrgang», um den christlichen Einwohnern durch acht auf biblischen Lehren beruhende Module Versöhnung nahezubringen.

Ähnliche Lage in Mexiko

Christen, die wegen ihres Einsatzes für Drogensüchtige ins Visier von Kartellen geraten – diese Ausgangslage findet sich auch in Mexiko, darunter im Bundesstaat Chihuahua. Juarez, die grösste Stadt dieses Nordstaates, wurde in den letzten Jahren als «Mordhauptstadt» der Welt bezeichnet, weil zwischen 2007 und 2014 jährlich tausende Menschen wegen organisierten Verbrechens ums Leben kamen. Die Zahl ist mittlerweile auf Dutzende pro Monat gesunken.

Dennis Petri zufolge, dem Lateinamerika-Analysten von Open Doors, sind «aktiv praktizierende Christen» besonders gefährdet – in einem Land, in dem sich der überwiegende Teil der Landesbewohner als Christen bezeichnet. Petri begründet diesen scheinbaren Widerspruch: «Es ist wichtig, nicht so sehr auf ihre Identität als Christen zu blicken, sondern mehr auf ihr Verhalten, das aus ihren christlichen Überzeugungen hervorgeht. Immer wenn ein Christ beginnt, sich an Sozialarbeit zu beteiligen – beispielsweise bei der Gründung einer Drogenentzugsklinik oder bei der Jugendarbeit – ist das eine direkte Bedrohung der Aktivitäten und Interessen des organisierten Verbrechens, weil es ihnen die Jugend wegnimmt.»

Zum Thema:
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Datum: 22.06.2017
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet / NZZ / Open Doors

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