Strapazierter Begriff

«Eigenverantwortung» muss mehr als ein Schlagwort sein

An einem Podiumsgespräch in Zürich hat der Vertreter einer ebenso lauten wie erfolgsverwöhnten Partei die Eigenverantwortung beschworen und darin Sparpotenzial für den Staat erkannt. Wir fragen zurück: Wo beginnt Eigenverantwortung – und wo hat sie ihre Grenzen?

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SVP-Kantonsrat Rochus Burtscher, Dozentin Angelika Schöllhorn, SP-Kantonsrätin Monika Wicke und Ökonom Daniel Schunk an der Podiumsdiskussion.
Auf dem Podium einer Tagung der Hochschule für Heilpädagogik wurde darüber diskutiert, ob es sich lohnt und Sinn macht, Steuergelder für Familien am sozialen Rand einzusetzen. Konkret ging es darum, ob es Sinn mache und sich für die Gesellschaft letztlich lohne, Kindern aus sozial notleidenden und Migrantenfamilien zu helfen, den Anschluss an die Schule und später ins Berufsleben zu finden. Macht es Sinn, diesen Eltern zu helfen, ihre Probleme zu lösen und das Kind auf sein künftiges Leben besser vorzubereiten?

«Eltern sollen ihre Verantwortung wahrnehmen!»

Gegen solche Projekte wehrte sich der Zürcher SVP-Kantonsrat und Unternehmer Rochus Burtscher. Eltern müssten ihre Verantwortung wahrnehmen, gleich welcher Prägung und Herkunft. Und man solle ihnen das zutrauen, denn keine Eltern wollten Schlechtes für ihre Kinder. Er selbst wäre ein Kind für die Förderung gewesen, hätte es sie damals gegeben.

Studien, zitiert vom Ökonomen Daniel Schunk, dass sich das für solche Programme eingesetzte Geld lohnt, weil es hohe Kosten im späteren Lebensalter für schlecht integrierte Kinder spart, ganz abgesehen vom Leiden der betroffenen Familien, beeindruckten Burtscher nicht. Ebensowenig die Argumente von SP-Kantonsrätin Monika Wicky, dass viele Familien gar nicht in der Lage sind, die eingeforderte Verantwortung wahrzunehmen. Es ging ihm ums Prinzip.

Der Neid der Tüchtigen?

Die Rede von der Eigenverantwortung stösst auch in christlichen Kreisen zum Teil auf Sympathie. Und sie hat auch eine gewisse Berechtigung. Zu den Früchten des Geistes gehört die Disziplin oder Selbstbeherrschung, und sie ist zumindest ein Teil der Eigenverantwortung. Es stört viele Menschen, wenn sie mit ihrem Geld sparsam umgehen, hart arbeiten und sich für das Wohl ihrer Kinder intensiv einsetzen, während sich andere scheinbar bedenkenlos von der Sozialhilfe «durchfüttern» lassen.

Ohne Scheuklappen

Wer aber ohne Scheuklappen durchs Leben geht, weiss auch, dass viele Menschen aus unterschiedlichsten Gründen hilfsbedürftig werden, sei es durch ihre Herkunft, Krankheit, Stellenverlust und andere Faktoren. Europäische Staaten haben eine Praxis entwickelt, inspiriert durch christliche Ethik und Initiative, den Schwachen zu helfen. Die Schweiz hat diese Verpflichtung sogar in die Präambel ihrer Bundesverfassung geschrieben. Sozialhilfe, aber auch AHV und Ergänzungsleistungen wären ohne diese Grundlage nicht denkbar. Wer möchte heute an die Selbstverantwortung der alten Menschen erinnern und ihnen die AHV wieder wegnehmen? Was Eigenverantwortung total bedeuten kann, machen zahlreiche Länder vor, die diese Haltung nicht kennen. Wollen wir uns ihnen annähern?

Der politische und ökonomische Druck, gepaart mit einer (gewollten) Dynamik, welche die Vermögen der Reichen in die Höhe treibt und die öffentliche Hand zu Sparmassnahmen im Sozialbereich zwingt, wird die soziale Verantwortung so oder so immer stärker zur Aufgabe für Kirchen und gemeinnützigen Organisationen machen. Ob diese Entwicklung zwingend ist, müsste die Politik intensiver beschäftigen.

Eine Frucht des Geistes

Die Bibel gibt zum Thema Sozialstaat keine direkte Antwort. Sie zeigt aber, dass Jesus und später die christliche Gemeinde sich den Kranken, Alten und Armen angenommen hat in einer Zeit, wo es noch keine öffentlichen Institutionen gab, die ihnen halfen. Sie spricht sich aber auch nicht dagegen aus, solche Aufgaben zu öffentlichen zu machen.

Der Apostel Paulus schreibt im Galaterbrief (Kapitel 5, Vers 22): «Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit.» Der Vers sagt viel über die Aufgabe und Verantwortung christlicher Menschen. Er enthält sowohl Selbstdisziplin wie Grosszügigkeit. Der Vers beschreibt die Kultur in den (damaligen) christlichen Gemeinden. Sie fielen durch ihr soziales Engagement nach innen und aussen auf.

Mehr Verantwortung für Andere?

Der Sozialstaat kann zwar nicht lieben, aber er kann viel Not und Leid mildern. Er nimmt über Steuern und Sozialabgaben auch diejenigen in Pflicht, die sich sonst dieser Aufgabe entziehen würden. Wenn sich Politiker für Einsparungen im sozialen Bereich einsetzen, wäre die Frage an sie zu richten, ob sie bereit sind, privat und persönlich mehr Verantwortung für Notleidende und Menschen am Rande der Gesellschaft zu übernehmen.

Zum Thema:
Hope Sozialwerk Wolfhusen: Ein christliches Werk macht einen Unterschied für viele
Sozialstaat ade?: Ursachen der Sozial- und Gesundheitskosten erkennen
Notfallseelsorge: «Spiritualität bleibt eine wichtige Ressource»

Datum: 30.01.2018
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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