Kirche der Zukunft

Sabrina Müller: «Wir müssen bereit sein, Fehler zu machen»

Die Theologin und Pfarrerin Dr. Sabrina Müller untersucht mit wissenschaftlichen Methoden, welche Formen von Kirche es für welche Menschen braucht. Sie denkt gerne
Sabrina Müller

«Out of the box». Im Zoom-Gespräch mit Livenet sagt sie, wie sie vorgeht und was sie dabei entdeckt hat.

Sabrina Müller ist eine Theologin, die sich nicht mit den gängigen Strukturen von Kirche, die immer weniger Menschen erreichen, abfindet. Sie untersucht Aufbrüche in Kirchen in den USA und in Europa und zieht daraus Schlussfolgerungen.

Konsequenzen aus Corona

So hat sie sich zum Beispiel Gedanken darüber gemacht, welche Konsequenzen die Kirche aus den Erfahrungen mit der Corona-Krise ziehen müsste. Sie hat einerseits beobachtet, wie die Kirchen nach dem Lockdown in den digitalen Medien kommuniziert haben. Dabei ist ihr aufgefallen, dass die meisten Kirchen diese Medien vor allem als verlängerten Arm bestehender Angebote wie Gottesdienste gebraucht haben. Das genüge aber nicht. Noch benützten viele Kirchen das Internet und die sozialen Netzwerke vor allem als digitales Anschlagbrett.

Die Logik der Sozialen Medien sei aber eine andere. Wenn die Kirchen da präsent sein möchten, müssen sie sich für neue Logiken öffnen. Facebook zum Beispiel sei eine Plattform, wo miteinander kommuniziert wird und wo man nicht einfach Werbung für Veranstaltungen schaltet. Das Gleiche gelte für Twitter, Instagram, usw.

Ein gutes Beispiel, das sie gegenüber Florian Wüthrich erwähnte, sind die «Sinnfluencer», also christliche Influencer. Sowohl in ihrer Position als Geschäftsleiterin des Universitären Forschungsschwerpunkts «Digital Religion(s)» als auch mit einem internationalen Team forscht sie zu Fragen von digitaler Religion und Kirche. Die Ergebnisse einer grösseren internationalen Studie – der CONTOC Studie (Churches Online in Times of Corona) – werden zum Beispiel im März an einer öffentlichen Tagung vorgestellt.

Kein «zurück zu normal»

Noch hätten viele Gemeinden nicht gemerkt, dass es nach Corona kein definitives Zurück zu «normal» geben wird. Die Kirche müsse sich für neue Formen des Miteinanders öffnen. Zum Beispiel bedeute «Kirche für alle» nicht, dass alle am Sonntagmorgen in der Kirche sein müssen. «Kirche muss kontextuell und manchmal auch kleinräumiger und netzwerkartiger gedacht und gelebt werden», so Müller, die über Fresh Expressions of Church doktoriert  hat. Solche Formen müssten ausprobiert werden. Dabei sei eine gewisse Risikofreude nötig und der Mut, auch Fehler zu machen und daraus zu lernen.

Hinderlich für neue Experimente seien «starre Leitungsstrukturen, starre Kirchenbilder, starre Pfarrbilder, freudlose und entmutigte Mitarbeitende und eine hoffnungslose und negative Grundstimmung».

Nicht von der Kanzel

Die Kirchenleute müssen gemäss Sabrina Müller davon wegkommen, dass sie sagen, was man glauben muss. Denn die Leute wollten nicht mehr von der Kanzel hören, was sie zu glauben haben. Sie hätten individualisierte Biografien und konstruierten ihre Religion oder ihren Glauben persönlich. Entscheidend sei, wo und mit wem sie vernetzt seien. Müller: «Man vernetzt sich nicht wegen der Logik einer Institution, sondern gemäss Interessen, Beziehungen oder Hobbys. Das Kleine zieht häufig mehr», so Müller. Kleine Netzwerkstrukturen würden auch den zahlreichen Milieus in der heutigen Gesellschaft besser gerecht.

Viele Ausdrucksformen

Der Trend zu Megachurches aus den 1990er Jahren funktioniere in urbanen Zentren. Kleine Netzwerkkrichen für Interessengruppen funktionierten aber in ländlichen und städtischen Gebieten. Es sei oft besser, auf Multiplikation statt auf Attraktion zu setzen. In diesem Sinne habe die Thurgauer Kirche eine 50 Prozent-Stelle für Fresh Expressions geschaffen. Die St. Galler Kirche lanciert drei- bis fünfjährige Projekte. So zum Beispiel eine «Kirche für Bauern». Die Methodisten hätten eine «Diözese» für Kirchen gegründet, die nicht parochial verortet sind. Und auch in der Kirchgemeinde Zürich gibt es immer mehr Ansätze von kontextuellen kirchlichen Gemeinschaftsformen. Fresh Expressions sei jedoch nicht die einzige Lösung. «Wir haben eine pluralisierte Gesellschaft. Da muss es viele verschiedene Ausdrucksformen von Kirche geben.» Denn: «Kirche ist dort, wo sich Menschen um den dreieinigen Gott versammeln.»

Dazu gehöre auch die Stärkung des allgemeinen Priestertums. So werden zum Beispiel ungefähr 50 Prozent der Fresh expressions of Church in England von Freiwilligen ehrenamtlich geleitet. Also von Menschen, die ein Herz haben für Menschen in ihrem Quartier oder Menschen in einem Netzwerk, z.B. Menschen mit Tieren.  

Bereit sein, Fehler zu machen

Das ist eine andere Form von Empowerment und eine andere Form, wie Theologie entsteht. Kirchliche Innovation funktioniert dann gut, wenn die Tradition in einen ehrlichen Dialog mit dem Kontext gebracht wird – daraus entsteht theologische und kirchliche Innovation. So können Menschen auch theologisch sprachfähig werden und mit Menschen anderer Religionen oder Weltanschauungen in einen Dialog treten.

Sabrina Müller hat den Satz geprägt: «Die Kirche der Zukunft ist risikofreudig, oder sie ist nicht mehr.» Die angelsächsische Welt sei risikofreudiger: Sie hat erfahren, dass es besser ist, etwas zu versuchen, auch wenn es scheitert. Schweizerinnen und Schweizer dagegen hätten oft Angst, Fehler zu machen und Risiken einzugehen. Wer aber in einer spätmodernen Zeit Kirche sein möchte, müsse bereit sein, Fehler zu machen, etwas zu riskieren und daraus zu lernen.

Zur Person:

Dr. theol. Sabrina Müller, 40, ist seit Januar 2021 die Geschäftsleiterin des Universitären Forschungsschwerpunkts «Digital Religion(s)» und seit Februar 2019 die Theologische Geschäftsführerin des Zentrums für Kirchenentwicklung an der Universität Zürich. Seit Oktober 2015 arbeitet sie an einer Habilitation zu: Religiöse Erfahrung und ihre lebensgestaltende Kraft – Qualitative und hermeneutische Zugänge zu einem «praktisch-theologischen Grundbegriff». Sie ist auch Autorin des Buches «Gelebte Theologie».

Zoom-Interview auf Youtube:

Hier können Sie das Video-Interview mit Sabrina Müller in voller Länge anschauen:

 

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Datum: 16.02.2021
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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