ABBA, Bibelquizz und Friedenskerzen
Es war volles Haus in der Eusebiuskirche Grenchen, als am 25. Januar 2026 die zweite Ausgabe von «Pop Meets Church» stattfand. Hier wurde man geistig mit einem ABBA-Bibelquizz herausgefordert, wo nicht nur ABBA-, sondern auch Bibel-Wissen gefragt war. Auch politisch wurde es, als mit Erwähnung des US-Präsidenten der Wunsch nach weltweitem Frieden formuliert wurde. Alle waren eingeladen, Kerzen anzuzünden und zusammenzustellen – so entstand ein eindrückliches Lichtermeer.
Im Interview erzählt der römisch-katholische Geistliche Thomas Wehrli nicht nur von den Erfahrungen der Events von Grenchen, es geht ebenso um die grossen Fragen von Zukunft der Kirche oder womit sie heute die Gesellschaft mitprägt.
«Räume, in denen Würde nicht verhandelt werden muss»
Der Pfarreiseelsorger leitete am letzten Januar-Sonntag mit vollem Körpereinsatz und gekonnt durch Filmausschnitte, Liedtexte und Melodien und wischte auch das 30minütige Überziehen mit charmantem Humor weg.
Musikalisch schaffte es die Musikerin Iris Ballabio, lediglich mit Piano und ihrer Stimme, diverse Welthits der Pop-Ikonen zu performen und auch das Publikum zum Mitsingen zu animieren. Mit «Waterloo» nahm die musikalische Reise Fahrt auf, die, vollbepackt mit bekannten Zitaten und Gedanken durch Stationen wie «Der Kleine Prinz» oder die Rede «I Have A Dream» führte.
Roland Streit war mit dem Projektverantwortlichen Thomas Wehrli im persönlichen Austausch.
Wie gingen die beiden Ausgaben über die Bühne?
Thomas Wehrli: Sie haben meine Erwartungen deutlich übertroffen. Beim ersten Pop Meets Church mit Taylor Swift-Songs waren rund 150 Personen anwesend. Das war sehr ermutigend. Bei ABBA Meets Church waren es gut 300 Menschen – die Kirche war voll, die Stimmung getragen, aufmerksam und lebendig. Zentral für den Erfolg ist die grossartige Zusammenarbeit mit Iris Ballabio, die den Abend mit ihrem feinen Gespür für Atmosphäre entscheidend getragen hat.
Offenbar kommt es an, wenn Kirche Räume öffnet, in denen sich Musik, Worte, Gefühle und Glaube auf Augenhöhe begegnen. Gleichzeitig haben wir das Konzept gezielt weiterentwickelt. Mir ist zudem wichtig: Der Erfolg bemisst sich nicht allein an den erfreulichen Besucherzahlen, sondern, ob Menschen innerlich in Bewegung kommen. Und das war gestern spürbar der Fall.
Die Gesellschaft braucht kaum zusätzliche Unterhaltungsangebote. Wie sehen Ihre Ideen und Ansprüche für Tiefgang oder geistlichen Input aus?
Deshalb geht es bei Pop Meets Church nicht um Unterhaltung. Musik ist hier ein Resonanzraum. Popmusik erzählt ehrlich von dem, was Menschen bewegt: Hoffnung, Scheitern, Sehnsucht, Freude, Angst. Diese Erfahrungen nehmen wir ernst und setzen sie in Beziehung zu biblischen Denkbewegungen, zu theologischen Grundfragen und zu unserer Gegenwart.
Mein Anspruch ist klar: keine religiösen Vereinfachungen und schnellen Antworten. Geistlicher Tiefgang entsteht dort, wo Fragen offenbleiben dürfen und wo auch Zweifel ihren Platz haben. Wenn jemand nach Hause geht und weiterdenkt oder innerlich berührt ist, dann hat der Abend sein Ziel erreicht.
Liessen sich nichtkirchliche Menschen ansprechen, und gibt es Angebote zum Weiterpflegen solcher Kontakte?
Ja, es liessen sich ganz eindeutig Menschen ansprechen, die sonst wenig Bezug zur Kirche haben. Das zeigen Gespräche, Rückmeldungen und auch die Rückmeldekarten, auf denen man ankreuzen konnte, ob man weitere Informationen wünscht. Diese Möglichkeit wurde rege genutzt. Wichtig ist mir dabei eines: Es geht nicht um Vereinnahmung, sondern um Beziehung – ohne Druck. Kirche darf kein geschlossenes System sein, sondern muss ein offener Raum bleiben, in dem Menschen ihren eigenen Zugang finden können. Denn Vertrauen wächst nicht durch Erwartungen, sondern durch Freiheit.
Wo sehen Sie aktuell den grössten Impact der Kirche für die Gesellschaft?
Der grösste Impact der Kirche liegt dort, wo sie an der Seite der Menschen steht – besonders derjenigen, die wenig oder keine Stimme haben. Das zeigt sich konkret: in der Seelsorge, bei Menschen mit finanziellen Sorgen, bei Einsamkeit, in Beziehungskrisen und Verlust. In Grenchen und Bettlach begleiten wir Menschen, die mit Sinnfragen und Lebenskrisen zu uns kommen, ebenso wie jene, die mit Rechnungen, Betreibungen und existenziellen Ängsten konfrontiert sind.
Darüber hinaus darf und muss Kirche darauf hinweisen, wo gesellschaftliche Systeme Menschen überfordern: bei Armut trotz Arbeit, bei Ausgrenzung, bei Gewaltlogiken. Kirche wirkt dort, wo sie Räume schafft, in denen Würde nicht verhandelt werden muss.
Wie sehen Sie die Zukunftsperspektiven?
Ich sehe sie mit grosser Zuversicht. Formate wie Pop Meets Church zeigen, dass Kirche dann Zukunft hat, wenn sie beweglich bleibt, ohne ihr Fundament zu verlieren. Die klassische Liturgie ist und bleibt für mich tragende Säule unserer Gemeinschaft und meines Glaubens. Sie wird durch solche neuen Formate bewusst ergänzt. Wenn es gelingt, Menschen einen niederschwelligen Zugang zu existenziellen Fragen und zum Glauben zu eröffnen, dann hat Kirche nicht nur Zukunft – dann erfüllt sie ihren Auftrag mitten in dieser Gesellschaft.
Zum Projekt:
ABBA Meets Church
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Datum: 09.02.2026
Autor:
Roland Streit
Quelle:
Livenet