Polarisation in Minnesota

Gottesdienst-Störung – oder prophetischer Akt?

Die Polarisation in Minneapolis nimmt zu (Symbolbild)
Am 18. Januar unterbrach eine Gruppe von Aktivisten einen Gottesdienst in Minnesota und begann eine lautstarke Diskussion. Drei der Demonstranten wurden verhaftet – aber der Vorfall zeigt die tiefen Gräben auch zwischen Christen in den USA.

Was war geschehen? Wie bekannt, sind im Moment die Aktivitäten des U.S. Immigration and Customs Enforcement (ICE), der Einsatzgruppe, die illegale Immigranten aufspüren soll, zunehmend in der Kritik der amerikanischen Öffentlichkeit. Für Bürgerrechtsorganisationen ist die ICE eine brutale Einsatztruppe, für die anderen ein nötiges Werkzeug, um mit der Ausschaffung Illegaler, von denen Millionen in den USA leben, Ernst zu machen.

Zwei tödliche Vorfälle Anfang Januar 2026, bei denen Bundesbeamte im Zuge von ICE- und DHS-Einsätzen auf Zivilpersonen schossen, haben landesweit Protest, Empörung und Forderungen nach Konsequenzen ausgelöst. In Minneapolis versammelten sich tausende Menschen zu Demonstrationen gegen die Bundesbehörden, kritisierten Gewalt und forderten deren Abzug aus der Stadt.

Gottesdienst gestürmt

Am Sonntag, den 18. Januar, brach eine Gruppe von 30 bis 40 Männern und Frauen, angeführt von der Polit-Aktivistin Levy Armstrong, in den laufenden Gottesdienst der Baptistengemeinde Cities Church in St. Paul, Minnesota, ein. Der Grund: Offenbar ist einer der acht Pastoren der Gemeinde, David Easterwood, auch mit dem ICE verbunden. In den USA haben viele Pastoren noch säkulare Berufe. Die Demonstranten wandten sich lautstark gegen die – in ihren Augen – Heuchelei, dass der Pastor (der nicht anwesend war) gleichzeitig in einer umstrittenen Behörde aktiv sei.

Die eine Seite …

Die Gemeinde hat entschieden gegen die Störung des Gottesdienstes protestiert. Sie rief «lokale, staatliche und nationale Führungskräfte» auf, das «Grundrecht auf freie Religionsausübung zu schützen». «Sie haben Mitglieder unserer Gemeinde angepöbelt, Kinder erschreckt und eine Situation geschaffen, die von Einschüchterung und Bedrohung geprägt war», erklärte die Kirche in einer Stellungnahme. «Ein solches Verhalten ist beschämend, rechtswidrig und wird nicht toleriert.» Die Baptistenvereinigung Minnesota-Wisconsin erklärte: «Trotz mehrfacher Aufforderungen der Kirchenleitung, die Gruppe solle den Ort verlassen, war die Störung so erheblich, dass die Gottesdienste vorzeitig beendet werden mussten. Videoaufnahmen, die von den Demonstranten selbst und anderen aufgenommen wurden, zeigen, wie sie Jugendliche, Kinder und Familien mit Beleidigungen und Anschuldigungen beschimpfen. Das ist ein inakzeptables Trauma.»

… und die andere

Für die Protestierenden auf der anderen Seite ging es um einen «prophetischen Akt» gegen Gewalt; sie sehen sich in der Tradition von Rosa Parks, Martin Luther King «und sogar von Paulus und Jesus selbst», wie eine lutherische Pastorin schreibt. Es sei eine Schande, dass ein Pastor im Namen Jesu an Handlungen beteiligt sei, die alles andere als Nächstenliebe ausdrückten – und dass die Ruhe von Gottesdiensten den Leuten wichtiger sei als `für die Wahrheit zu kämpfen`». Monique Cullars-Doty, Mitbegründerin von Black Lives Matter Minnesota, sagte gegenüber AP: «Wenn jemand – ein Kirchenführer – ICE-Razzien anführt und koordiniert, mein Gott, was ist aus dieser Welt geworden? Wir können nicht tatenlos zusehen, wie Menschen in die Irre geführt werden.»

Drei der Aktivisten wurden auf Anweisung der Generalstaatsanwältin Pamela Bondi verhaftet. «Unsere Nation wurde von Menschen gegründet, die vor religiöser Verfolgung flohen», schrieb Bondi auf X. «Religionsfreiheit ist das Fundament dieses Landes. Wir werden unsere Pastoren schützen. Wir werden unsere Kirchen schützen. Wir werden gläubige Amerikaner schützen.»

Eine Pew-Untersuchung vom Oktober 2025 zeigt, dass die Mehrheit der Erwachsenen in den USA – 53 Prozent – der Meinung ist, dass die Trump-Regierung «zu viel» unternommen hat, um Einwanderer ohne Papiere abzuschieben. Etwa 36 Prozent unterstützten diesen Ansatz. Nach den Vorfällen in Minnesota dürfte sich dieses Verhältnis verschoben haben – auch Republikaner wenden sich zunehmend kritisch gegen die Härte der Einsätze des ICE.  

Gegen die falschen Alternativen

Viele US-Zeitschriften und Publikationen nehmen entweder die eine oder die andere Position ein, je nach politischer Couleur. «Christianity Today» verbindet in einem markanten Kommentar beide Anliegen: «Protestieren in der Kirche ist falsch. Das Gleiche gilt für das Einwanderungstheater», heisst es in der Überschrift. Die Autorin schildert ihre eigenen Erfahrungen: «Die Einwanderer in meiner Nachbarschaft waren ruhig. Eine mehrere Generationen umfassende Hmong-Familie baute in ihren Blumenbeeten Gemüse an und veranstaltete Familiengrillpartys mit einem 20-Gallonen-Suppentopf in ihrer Garage. Sie waren gute Nachbarn. Klopft jemand ohne Durchsuchungsbefehl an ihre Tür und verlangt lautstark ihre Papiere? Und wenn sie zur Kirche gehen – was durchaus möglich ist, da es in Saint Paul viele Hmong-Gemeinden gibt –, wird dann die Einwanderungsbehörde ICE in ihre Gottesdienste eindringen, wie es die Trump-Regierung ausdrücklich erlaubt hat? Es ist ein zutiefst amerikanischer Instinkt, der mich dazu veranlasst zu sagen: Lasst sie in Ruhe.»

Beide Anliegen werden mit «Und» verbunden: «Demonstranten dürfen Gottesdienste nicht stören. Und die Durchsetzung der Einwanderungsgesetze sollte kompetent, besonnen und durch die Verfassung eingeschränkt sein.»

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Datum: 28.01.2026
Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Livenet / Christianity Today / Christian Post

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