Nach dem Ausscheiden der machtbewussten Powerfrau Hillary Clinton haben nun die Republikaner eine Frau auf dem Ticket: eine der überraschenden Wendungen des eigenartigen Wahlkampfs 2008, in dem die Hautfarbe eine unklare, jedenfalls wichtige Rolle spielt. Sehr gut ins Kalkül der republikanischen Parteistrategen passt zudem, dass Palin bisher fernab der ungeliebten Hauptstadt Washington agiert. Die 44-jährige Lehrertochter, erst seit Ende 2006 Gouverneurin von Alaska und auf nationaler Ebene bisher kaum bekannt, stellte sich auf dem Parteikonvent in St. Paul mit einer prägnanten Rede als bodenständige Frau vom Lande vor. Sie griff die Medien an und geisselte „Washington“ als Inbegriff von Verschwendung und Bestechlichkeit. In einem Werbespot wird Palins forsches Vorgehen gegen die Ölkonzerne im Staat herausgestrichen (sie erhöhte deren Steuern kräftig). Sie habe eingesessene Interessen in die Schranken gewiesen, sagte sie vor den Delegierten. Dass sie im Unterschied zu McCain für eine unbeschränkte Erdölförderung im Norden ihres Staats, in einem gewaltigen Naturschutzgebiet, eintritt, war in der Woche inszenierter Siegesgewissheit kein Thema. Die fünffache Mutter sprach von ihrem 19-jährigen Ältesten, der am 11. September in den Irak fliegt, um als Armeeinfanterist seinen Einsatz zu leisten. Im Blick auf ihren Jüngsten Trig, den sie im April zur Welt gebracht hatte, sagte sie, besondere Kinder brauchten besondere Zuneigung. Trig wurde mit dem Down-Syndrom geboren. Palin wandte sich an die Eltern behinderter Kinder mit dem Versprechen, sie werde als ihre Fürsprecherin im Weissen Haus agieren. Den Christen, denen eine klare Haltung gegen die freie Abtreibung überaus wichtig ist, signalisierte die Politikerin, dass sie persönlich den Preis dafür zahlt. Dass ihre Tochter Bristol im fünften Monat schwanger ist, kommentierte Palin vor den Delegierten mit dem Hinweis, keine Familie sei perfekt. Die religiösen weissen Wähler hat der Republikaner McCain zu fast zwei Dritteln auf seiner Seite. Eine Gallup-Umfrage zeigt, dass die weissen Christen (ohne Hispanics), die wöchentlich zur Kirche gehen, McCain zu 65 Prozent ihre Stimme geben wollen – ein seit Juni unveränderter Wert. Diese regelmässigen Kirchgänger stellen ein Drittel des gesamten Bevölkerungssegments; sie sind für McCain von grösster Bedeutung. Barack Obama, der bei den Nichtkirchgängern führt, hat, wie die Demoskopen feststellen, seinen Rückstand auf McCain bei den weissen Nicht-Hispanics, die ab und zu zur Kirche gehen, in den letzten Tagen klar verringert (41 gegenüber 50 Prozent). Er liegt nun deutlich weniger zurück als der demokratische Kandidat Kerry 2004 gegenüber Bush (9 statt 26 Prozentpunkte). Daran lässt sich für die Beobachter der Erfolg Obamas ablesen, sich als ernsthaften Christen darzustellen. Gleichwohl bleibt für Gallup die Religion der „hauptsächliche Trennfaktor unter weissen Wählern“. Abtreibungsgegner haben herausgestrichen, dass die aktuelle demokratische Wahlplattform prinzipieller als frühere Programme das Recht der Frau auf Abtreibung festhält. Sie verweisen auf einen Artikel von Francis Kissling, Katholikin und Gründerin einer Vereinigung für das Recht auf Abtreibung. Kissling schrieb, die Plattform beziehe „ihre moralische Autorität vom ‚Recht der Frau auf eine sichere und legale Abtreibung‘“. Positiv wertete Kissling, dass die Demokraten nicht mehr mit der Formel Clintons: „safe, legal and rare“ auf weniger Abtreibungen hinwirken wollen. Zudem wird neu „umfassende Sex-Erziehung“ in den Schulen als Mittel erwähnt, um unerwünschten Schwangerschaften vorzubeugen. Die Rede von Sarah Palin vor den Delegierten Quellen: Livenet / NZZFrau vom Lande
Ein Irak-Soldat und ein Down-Baby
McCain hält Vorsprung bei den eifrigen Kirchgängern…
…Obama holt bei den weniger Eifrigen auf
Demokraten für Sex-Erziehung
Christianity Today zur aktuellen Phase des Wahlkampfs
Datum: 09.09.2008
Autor: Peter Schmid