Wycliffe-Leiter nimmt Stellung

Zerstören Bibelübersetzer die Kultur - oder erhalten sie sie?

Bibelübersetzer würden die Kultur der Völker zerstören, sagen Kritiker. Hannes Wiesmann, Leiter von Wycliffe Schweiz, weist diese Vorwürfe zurück. «Missionare tragen zum Erhalt von Sprache und Kultur von Volksgruppen bei», sagt er im Gespräch mit Livenet.
Dank Bibelübersetzern: Volksgruppen entdecken Würde

Livenet: Hannes Wiesmann, was tut Wycliffe?
Hannes Wiesmann:
Wycliffe setzt sich dafür ein, dass alle Menschen in allen Sprachgruppen Zugang zur Bibel und zur Bildung erhalten. So setzen wir uns dafür ein, dass Menschen jeden Alters Schulbildung in ihrer Muttersprache erhalten.

Kritiker sagen, dass Missionare die Kultur eines Volkes zerstört würden. Was sagen Sie zu dieser Kritik?
Wenn man vom Zerstören von Kulturen spricht, ist das eine Wertung, die da mitschwingt. Es ist tatsächlich so, dass unsere Arbeit Kulturen verändert, aber nicht jede Veränderung ist eben auch eine Zerstörung. Die Würde zum Beispiel, die eine Volksgruppe durch die Aufwertung ihrer Muttersprache findet, ist eine durchaus positive Veränderung.

Dadurch, dass wir die Sprachen verschriften, Wörterbücher herausgeben und Geschichtenbücher mit Geschichten, die in dieser Volksgruppe erzählt werden, leisten wir einen Beitrag zum Erhalt der Kultur. So erhalten insbesondere auch nachfolgende Generationen Zugang zu dem Wissen, das sonst verloren gehen würde. So sehe ich unsere Arbeit auch unter dem Aspekt, dass die Schätze, die in einer Kultur vorhanden sind, für nachfolgende Generationen erhalten bleiben können.

Werden Sie auch mit anderen Vorwürfen konfrontiert?
Oft werden wir gefragt, ob Bibelübersetzung nicht eine moderne Art der Kolonialisierung sei. Ich sehe das allerdings nicht so, weil wir niemandem etwas aufzwingen, sondern es den Menschen einfach möglich machen, für sich selbst zu entdecken und zu entscheiden, ob sie den Aussagen der Bibel glauben wollen oder nicht. Dank der Bibelübersetzung kann dies aufgrund der Tatsache geschehen, dass die Leute wirklich verstehen, um was es in der Bibel geht. So können Sie entscheiden, ob sie das interessiert oder nicht. Diese Information den Menschen zugänglich zu machen, hat auch etwas mit Menschenrecht zu tun, denn so haben die Menschen die Möglichkeit für einen informierten Entscheid.

Welche anderen Wirkungen hat eine solche Übersetzung?
Sehr oft findet die Volksgruppe, mit der wir zusammenarbeiten, zu einer neuen Würde, denn plötzlich wird ihre Sprache geschrieben. Es ist nicht nur etwas Gesprochenes, das als minderwertig angesehen wird. Ein Beitrag dazu ist auch die sprachwissenschaftliche Forschung, durch welche die grammatikalischen Regeln beschrieben werden, nach denen eine Sprache funktioniert. Da merken Menschen plötzlich, dass auch sie eine echte Sprache besitzen. Es ist etwas sehr Erfreuliches, wenn Volksgruppen, die vorher unterdrückt worden sind, merken, dass sie in der Gesellschaft einen genauso berechtigten Platz haben wie die dominierenden Volksgruppen um sie herum.

Wie viele Sprachen gibt es, in die noch eine Bibel übersetzt wird?
Weltweit gibt es etwa 7'000 Sprachen. Wycliffe und die weltweiten Partnerorganisationen sind in etwa 1'500 davon aktiv. Wycliffe Schweiz wirkte bisher bei 41 Bibeln und Neuen Testamenten mit.

Wie funktioniert eine solche Bibelübersetzung – fliegen da zehn Schweizer hin und beginnen bei 1. Mose 1,1 mit übersetzen?
Wir arbeiten mit lokalen Partnern zusammen, mit Kirchen und deren Verbänden. Was die Sprachwissenschaft angeht, arbeiten wir mit Universitäten zusammen. Bei den Übersetzungen hören wir auf die lokalen Partner. Sie wissen am besten, womit wir beginnen sollen. Wenn das 1. Mose 1,1 ist, beginnen wir damit. Möglicherweise ist es auch etwas anderes. Das ermitteln wir im Gespräch mit den lokalen Partnern.

Datum: 22.07.2014
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet

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