Gegen die Zukunftsangst

«Unser täglich Brot» – oder mehr?

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Die meisten von uns haben irgendwann einmal gebetet «Gib uns heute unser täglich Brot», und für viele ist das eine eher seltsame Bitte im 21. Jahrhundert. Ein Blick hinter die Kulissen dieses Gebets zeigt Überraschendes – und kann Zukunftsangst verhindern.

«Unser täglich Brot gib uns heute» – das klingt gut, bescheiden, knackig. Millionen beten dieses Gebet jeden Tag, und es ist nicht zu leugnen: Für viele Menschen auf der Welt ist diese Bitte eine Herausforderung. Denn sie wissen nicht, ob sie morgen auch noch genug Brot zu essen haben.

Für uns im reichen Westen scheint es eher völlig überholt, so zu beten. Brauchen wir heute nicht mehr als nur ein Stückchen Brot? Schon die Ernährungspyramide zeigt uns ja, dass ausser den täglichen Kohlehydraten auch noch anderes nötig ist…

Ausserdem haben wir ein Bankkonto. Und die Tiefkühltruhe. Und einen Keller mit Eingemachtem. Warum sollen dann wir für etwas so – excusez – Mickriges wie das «tägliche Brot» beten?

Ein absolut einmaliges Wort

Wenn man das Gebet, das unter dem Namen «Vaterunser» bekannt ist, im (griechischen) Grundtext anschaut, entdeckt man genau in diesem Vers (Matthäus-Evangelium, Kapitel 6, Vers 11) etwas Verblüffendes: Das Wort, das wir mit «täglich» übersetzen, heisst im Griechischen «Epiousios». Und jetzt der Gag: Dieses Wort kommt in der ganzen griechischen Sprachwelt und der antiken Literatur nur hier vor! Nirgendwo sonst – weder im klassischen Griechisch noch sonst im Neuen Testament – finden wir das Wort «epiousios». Das bedeutet: Man kann eigentlich gar nicht genau sagen, was es bedeutet!

Jesus sprach eine andere Sprache

Nun wissen wir, dass Jesus vor 2000 Jahren entweder in Aramäisch oder in Hebräisch geredet hat. Was für ein Wort mag er wohl gebraucht haben, als er seine Zuhörer diese Bitte lehrte?

Die Gelehrten haben seit Jahrhunderten versucht, herauszufinden, was Jesus hier lehrte und um was wir beten sollen. Einige Erklärungen übersetzten «Gib uns das Brot, das wir heute (bzw. morgen) brauchen» oder «gerade so viel, wie wir heute nötig haben». Das würde streng genommen bedeuten, dass wir keine Vorräte an Brot aufhäufen sollten.

Ein amerikanischer Forscher und Experte für nahöstliche Sprachen, Kenneth Bailey, ist einen anderen Weg gegangen. Er wurde im Nahen Osten geboren, starb 2016 mit 85 Jahren und hat unter anderem ein Buch mit dem Titel «Jesus Through Middle Eastern Eyes» geschrieben (etwa: «Jesus durch die Augen eines Menschen aus dem Nahen Osten»). Und er kam auf eine verblüffende Idee.

Ganz früh – schon im 2. Jahrhundert nach Christus – wurde das Neue Testament (und damit auch dieses Wort) ins Syrische übersetzt. Das Syrische ist eine Sprache, die mit dem Aramäischen verwandt ist, die meisten Worte sind die gleichen. Und die syrische Übersetzung übersetzt das Wort «epiousios» nicht mit «täglich», sondern mit «andauernd, ohne Ende, immerdar» (das Wort hat übrigens den gleichen Stamm wie das Wort «Amen»). Man könnte also diese alte syrische Übersetzung auf Deutsch wiedergeben mit «Gib uns heute das Brot, das nicht ausgeht».

Gegen die Existenzangst

Damit würde die Betonung nicht so sehr auf dem «täglich» liegen, sondern das Vaterunser könnte uns von der Angst befreien, dass es irgendwann einmal nicht mehr reicht. Eine der elementarsten menschlichen Ängste ist ja die Existenzangst. Werden wir genug haben? Was, wenn ich meinen Job verliere? Oder die Kinder krank werden? Wie schaffen wir es?

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Wenn wir also beten «Gib uns heute unser tägliches Brot», bitten wir Gott um seine Versorgung – nicht nur heute, sondern auch morgen und in der Zukunft. Wir beten, dass er uns von der Zukunftsangst befreit. Und wenn Sie dieses Gebet häufig beten, werden Sie immer tiefer spüren: Ein anderer, Stärkerer, hat mein Leben in der Hand. Gott sei Dank! 

Brot und mehr

Gehen Sie mit mir noch einen Schritt weiter? Wir brauchen mehr als Brot, das wissen wir alle. Wir brauchen aber auch mehr als ein gutes Auto, einen fitten Body, einen coolen Partner oder eine Lebensversicherung. Für wirkliche Lebensqualität brauchen wir Dinge, die wir nicht essen oder kaufen, sehr wohl aber empfangen und verinnerlichen können. Wenn Jesus sagt, er sei das «Brot des Lebens» (Johannesevangelium, Kapitel 6, Vers 35), dann meint er genau das: Um wirklich zu leben und nicht nur zu existieren, brauchen wir etwas Höheres und Tieferes. Und genau das gibt Jesus: Sinn, Ziel, Freiheit, Aufatmen, Ewigkeit, einen Boden unter den Füssen. Denn er ermöglicht eine persönliche Beziehung zu Gott – wofür wir eigentlich gemacht sind.

Sie sehen: Unsere Bitte ist ein Gebet, das sich täglich zu beten lohnt. Wann fangen Sie (wieder einmal) damit an?  

Zum Thema:
Oft gebetet – neu verstanden: Gebet, das die Welt umspannt
Gelernter Bäcker - heute Pfarrer: Gedanken von Paul Bachmann zur Bitte ums tägliche Brot
Und es ernährt doch: «Unser täglich Brot» kommt weder vom Bäcker noch vom Supermarkt

Datum: 26.01.2017
Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Jesus.ch

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