Ungerechte Berliner Attacke

«Evangelische Missionare nutzten die Notlage nicht aus»

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An der Reformationsfeier der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) wurde die evangelische Missions- und Diakoniearbeit im Orient zum Teil massiv kritisiert. Der Orientexperte und orthodoxe Theologe Heinz Gstrein widerspricht und weist auf interessante Zusammenhänge hin.

Zum Reformationsjubiläum waren einige führende Vertreter der orientalischen orthodoxen Christen nach Berlin eingeladen. Mit ihnen veranstaltete die EKD auch eine Konferenz über die Zukunft der Christenheit im Nahen Osten. Dabei gab es Klagen über die Aktivitäten evangelischer Missionsmitarbeiter.

Evangelische Mission und Diakonie als Ärgernis

Besonders der syrisch-orthodoxe Patriarch Ignatius Afrem II. kritisierte, dass evangelische Missionsvereine im 19. und 20. Jahrhundert im Nahen Osten «das Leiden unserer Kirchen ausgenutzt» und orientalische Christen zum Übertritt zum Protestantismus animiert hätten. Dies geschehe teils heute noch, besonders durch «wiedergeborene» evangelikale Christen.

Aramäische Christen unterstützen Vorwürfe nicht

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Heinz Gstrein ist orthodoxer Christ und Nahostexperte.
Dieser Vorwurf wird von einer Mehrheit der syrischen – oder richtiger «aramäischen» Christen – nicht unterstützt. Noch weniger in den anderen orientalischen Kirchen der Kopten, Äthiopier und Armenier. Vielmehr erinnern sich viele mit Dankbarkeit an das Wirken evangelischer Orientmissionare, ob es die amerikanischen Presbyterianer, die deutsche Orientmission oder vor allem aus der Schweiz die Basler Mission und St. Chrischona waren. Die von ihnen in Palästina, Libanon, Syrien, dem Irak und der heutigen Türkei gegründeten Kranken- und Waisenhäuser, Schulen und andere Bildungs- oder Sozialeinrichtungen wirken zum Teil bis heute.

Offen für alle

Diese kamen und kommen allen orientalischen Christen ohne Unterschied der Kirchenzugehörigkeit zugut. Johann Ludwig Schneller, zum Beispiel, nahm als Hausvater der Pilgermission in Jerusalem nach den Christenmassakern von Damaskus 1860 alle elternlosen Kinder in sein «Syrisches Waisenhaus» auf, gleich ob Maroniten- oder Melkiten, Katholiken oder Evangelische. Schon gar nicht wurde ein Übertritt zum Protestantismus zur Bedingung einer Hilfe gemacht. Wenn sich orientalische Orthodoxe angesichts dieses gelebten Evangeliums im Unterschied zum recht starren Traditionalismus der eigenen Herkunftskirchen evangelischem Glauben und Leben zuwandten, darf das heute niemand als «Ausnützung ihrer Leiden» herabwürdigen.

Erweckung gehört auch zur syrischen Spiritualität

Ähnlich verhält es sich mit der Berliner Attacke des Aramäer-Patriarchen auf evangelikale «Wiedergeborene». Denn die Forderung nach persönlicher Erweckung jedes Christenmenschen stammt ursprünglich von der syrischen Spiritualität, die aus ungebrochener sprachlicher und geistiger Kontinuität vom Erbe Jesu schöpfte. Diese Grundhaltung ist auch heute noch für fromme aramäische Christen wegweisend, wie das Buch «The Syrian Christ» aus ihrer US-Diaspora zeigt. Wenn daher die evangelikale Ausprägung abendländischen Christseins bei orientalischen Christen Hinwendung findet, ist das nicht «Schuld» der Evangelikalen, sondern geistige bzw. geistliche Verwandtschaft.

Letztlich eine Machtfrage

So führt die Wiedergeburt orientalischer Orthodoxer in evangelisch-freikirchlichen Gemeinden auch selten zu einem Bruch mit ihrer herkömmlichen Gemeinschaft: Gerade jetzt in der Türkei sind sogar freikirchliche Prediger orthodoxer Herkunft in ihren alten Kirchen willkommen, wo sie predigen und Gottesdienste feiern. Evangelisch und orthodox sind eben kein Gegensatz, wenn letzteres nur richtig verstanden wird! Doch orientalische Kirchenfürsten hören das nicht gern, da es für sie Machtverminderung in ihren Kirchen bedeutet.

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Datum: 09.11.2017
Autor: Heinz Gstrein / Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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