Virtuelle Trauerarbeit

Ein «Trauerbot» als scheinbares Gegenüber

Es werden bereits Avatare angeboten, die Verstorbene nachahmen und Kontakt mit ihnen anbieten
Es klingt ein wenig nach einer altertümlichen Séance, ist aber aktuell Realität und wird bereits vermarktet: Avatare, die verstorbene Menschen nachahmen und den Kontakt mit ihnen anbieten. Wie ist das einzuordnen?

Wenn liebe Menschen sterben, hinterlassen sie ein regelrechtes Loch in ihren Familien und Freundeskreisen. Da mag es für manche beruhigend klingen, dass man sich auch weiterhin mit ihnen «unterhalten» und vielleicht sogar Dinge in Ordnung bringen kann, die noch ungeklärt sind. Aus christlicher Sicht entsteht allerdings auch ein gewisser Beigeschmack: Wird der Tod hier nur verdrängt? Ewiges Leben virtuell simuliert?

Worum geht es überhaupt?

Der Fachbegriff fürs virtuelle Weiterleben ist «Digital Afterlife». Damit werden Technologien und Dienstleistungen bezeichnet, die mithilfe von Künstlicher Intelligenz digitale Stellvertreter von verstorbenen Menschen erschaffen. Diese Chatbots oder Avatare basieren auf Daten aus den sozialen Medien, E-Mails, Filmaufnahmen, Fotos und natürlich Tonaufzeichnungen. Entweder hat die verstorbene Person bereits zu Lebzeiten solch eine «digitale Kopie» von sich selbst in Auftrag gegeben oder ihre Hinterbliebenen haben das getan. Am Ende dieses Prozesses hat man ein virtuelles Gegenüber, das zurzeit noch auf den Bildschirm begrenzt ist. Wie bei einem Bildanruf kann man nun mit dem programmierten Trauerbot in Kontakt treten und «reden».

Biblische Alarmsignale

Wer seine Bibel kennt, denkt bei diesem Szenario vielleicht an ein scheinbar ähnliches aus dem Alten Testament. König Saul fühlte sich nach dem Tod seines Propheten und Beraters Samuel alleingelassen und nahm die Hilfe einer sogenannten Totenbeschwörerin an, um sich von seinem alten Ratgeber übers Grab hinaus Hilfe zu holen. Samuel erscheint dann tatsächlich. Was genau da im 1. Samuel, Kapitel 28 geschieht, wird nicht erklärt, aber es wird deutlich, dass es eine Grenzüberschreitung ist, die die anschliessende Niederlage und den Tod von Saul nicht verhindern kann. Allerdings ist es wichtig zu unterscheiden, dass bei der Arbeit mit Chatbots kein Kontakt zu Toten hergestellt werden soll – es geht darum, sie künstlich zu imitieren.

Welche Chancen bietet ein Trauerbot?

Immer wieder ist davon die Rede, dass die Arbeit mit einem sogenannten Trauerbot den Hinterbliebenen helfen kann: Da war vielleicht keine Zeit mehr für einen letzten Besuch bei der verstorbenen Person. Es sind Fragen offen geblieben, die nicht mehr geklärt werden konnten. Und was alle nachvollziehen können, die Angehörige verloren haben: Sie fehlen einfach. Man wünscht sich, sie noch einmal zu hören, und mit ihnen darüber sprechen zu können, wie der eigene Tag gerade war. In ihrem Beitrag in «Medical Tribune» nennt Anouschka Wasner neben kritischen Punkten auch, dass ein neuerer Ansatz in der Trauerforschung («Continuing Bonds») für eine mögliche Fortsetzung der Beziehung zur verstorbenen Person zu sprechen scheint.

Ein ethisches Minenfeld

Wie in vielen Bereichen, die sich um künstliche Intelligenz drehen, stehen auch hinter den Trauerbots handfeste wirtschaftliche Interessen: Das Geschäft mit dem «Weiterleben» verspricht, lukrativ zu werden. Dabei sind die meisten Fragen dazu noch völlig ungeklärt: Wer entscheidet, ob es einen Avatar von verstorbenen Menschen geben soll, der mit allen Informationen gespeist wird? Wer beendet das irgendwann? Welche Informationen dürfen dort enthalten sein und welche nicht? Was macht die Kommunikation mit der KI, wenn sie einem Hinterbliebenen suggeriert, dass ehemalige Konflikte nun erledigt wären – egal, auf wessen Seite die Schuld war?

Loslassen kann ein Segen sein

Die Afterlife-Industrie verspricht, dass ein permanenter Kontakt zu verstorbenen Personen möglich ist. Das erleichtert scheinbar vieles, denn Abschied nehmen ist schwer, aber letztlich verhindert es einen normalen Trauerprozess. Es macht laut Wasner aus einem «versprochenen Sich-nicht-lösen-Müssen» ein «Sich-nicht-lösen-Können». Man muss sich nicht mit einer neuen Realität auseinandersetzen, weil man die alte – allerdings nur virtuell – aufrechterhält. So etwas wie ein neuer Anfang ist nur möglich, wenn man das vorhergehende Ende akzeptiert hat.

Neben rechtlichen Fragen stehen auch die nach psychologischen Folgen. Dr. Nowaczyk-Basińska warnt: «Wir müssen jetzt anfangen, darüber nachzudenken, wie wir die sozialen und psychologischen Risiken der digitalen Unsterblichkeit abschwächen können, denn die Technologie ist bereits da.» Und auch aus christlicher Sicht ist ein «Digital Afterlife» eher die Banalisierung der Ewigkeit. Sie hat wenig mit der neuen Qualität eines ewigen Lebens zu tun, in dem «Gott … alle Tränen von ihren Augen [abwischen wird]» (Offenbarung, Kapitel 21, Vers 4). Und sie hat noch weniger zu tun mit einem Leben im Hier und Jetzt, das Freude genauso wie Trauer kennt und damit umgeht.

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Datum: 11.02.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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