Bedürfnisse der Landwirte

E Chile für d’Puure

Die «Puure-Kirche» ist auf die Bedürfnisse der Landwirte zugeschnitten (Symbolbild)
Im St. Galler Rheintal ist eine neue Form von Kirche entstanden: In der «Puure-Kirche» finden Bäuerinnen und Bauern einen Ort, an dem sie im christlichen Glauben Ressourcen für den Alltag tanken und zwischenmenschliche Beziehungen pflegen.

Wenn um 9.30 Uhr am Sonntag die Kirchenglocken zum Gottesdienst läuten, sind viele Bauern nach der morgendlichen Stallarbeit bestenfalls unter der Dusche. Für sie ist es fast nicht möglich, der Einladung zum Gottesdienst zu folgen. «Wir möchten es den Bauern mit der ‹Puure-Kirche› möglichst einfach machen: Wir treffen uns zu einer passenden Zeit, sonntags um halb zwölf, die Kinder sind versorgt und es gibt etwas zu essen», erklärt Ernst Leibundgut. 

Der Landwirt aus Altstätten SG hat 2019 zusammen mit seiner Frau Corinna und zwei weiteren Ehepaaren das Projekt «Puure-Kirche» ins Leben gerufen. Das Ziel war, den christlichen Glauben in den Bauernalltag zu bringen. «Wenn du Bauer bist, erlebst du das Leben anders als andere Menschen. Du hast einen anderen Tagesrhythmus, ein anderes soziales Umfeld und andere Dinge, die dich beschäftigen. Ausser vielleicht in den Ferien arbeitest du rund ums Jahr und unter Umständen bis zu 24 Stunden, an sieben Tage in der Woche mit deiner Frau zusammen. Das hat Auswirkungen auf das Familienleben», erklärt Ernst Leibundgut. In einer solidarischen Gemeinschaft sollen die Bauern ein Netzwerk finden, wo sie zwischenmenschliche Beziehungen pflegen können, aber auch Unterstützung und Rat bekommen im täglichen Arbeits- und Familienleben.

Glauben im Alltag

Im Werkhof in Rüthi im St. Galler Rheintal herrscht andächtige Stille. Die rund 60 Bäuerinnen und Bauern lauschen aufmerksam den Worten von Barbara Beusch. Die freischaffende Pfarrerin und Erwachsenenbildnerin, die an diesem Sonntagstreff der «Puure Kirche» zu Gast ist, erzählt die Geschichte von Niklaus von Flüe. Der Bauer, Ehemann und Vater von zehn Kindern verliess am 16. Oktober 1467 im Alter von 50 Jahren seine Familie, um als Einsiedler sein Leben ganz dem Dienst Gottes zu widmen. Bei den anschliessenden Tischgesprächen beschäftigten sich die Bäuerinnen und Bauern unter anderen mit der komplexen Frage, ob die Entscheidung von Bruder Klaus richtig war. Worauf ein Gedankenaustausch darüber folgte, wie Gott im hektischen Alltag Platz findet, berichtet die Zeitung «Schweizer Bauer». 

Die Besucher der «Puure-Kirche» sind bunt gemischt. Es gibt Reformierte, Freikirchler, Katholiken – und viele, die gar keinen Bezug zu einer Kirche haben. Die «Puure-Kirche» ist ihre Kirche. «Der Glaube ist jedoch nicht auf eine Kirchenbank beschränkt. Den Segen Gottes kann ich genauso gut in Gummistiefeln beim Misten im Stall empfangen. Dafür braucht es keinen geschlossenen Raum. Gerade die Natur ist die Quelle göttlicher Kraft», sagt Ernst Leibundgut. 

Kraft tanken

Die «Puure-Kirche» ist inzwischen ein fester Bestandteil der Region. Das überkonfessionelle Leitungsteam arbeitet mit der evangelischen Kirchgemeinde Altstätten und Grabs SG zusammen. Begleitet und unterstützt in ihrer Arbeit wird das Team von Pfarrer Thomas Beerle aus Salez SG. Finanziert wird das Projekt aus freiwilligen Spenden. Jeden dritten Sonntag treffen sich zwischen 40 und 80 Teilnehmer – Bäuerinnen, Bauern, Familien, vom Kleinkind bis zum über 80-jährigen Senior – aus dem ganzen Rheintal, Werdenberg, Toggenburg und dem Appenzellerland. «Die Puure-Kirche soll ein Gefäss sein, um gemeinsam im Glauben an Gott kraftvolle Ressourcen für den Arbeitsalltag und die Beziehung schöpfen zu können.»

Nebst den sonntäglichen Treffen organisiert die «Puure-Kirche» zwei Mal im Jahr ein Hoffest mit musikalischer Unterhaltung. Sporadisch finden Bibel- und Gesprächsabende für Frauen statt sowie Spezialevents wie Bierbrauen oder Golfspielen. Die Initianten sind überzeugt, dass ein mutmachender Glaube die harte Arbeit des Bauern ergänzt. Die Leitung und der Segen des Schöpfergottes bringen Ruhe, Zuversicht und Frieden in die Herausforderungen des Alltags. Der Beruf als Bauer soll als Berufung erfahren werden, die auf dem ältesten Auftrag Gottes für den Menschen fusst: Die Erde zu bebauen und zu bewahren (1. Mose Kapitel 1, Vers 28).

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Dienstagsmail Nr. 914.

Zur Website:
Puure-Kirche

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Datum: 05.03.2026
Autor: Markus Baumgartner
Quelle: Dienstagsmail

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