Klimakrise

«Hoffnung für die Welt muss zum Thema werden!»

Gibt es eine christliche Hoffnung für die Rettung dieser Erde? Fritz Imhof sprach darüber aus Anlass der UNO-Klimakonferenz in Glasgow mit Ralph Kunz, Professor für Praktische Theologie an der Uni Zürich.
Prof. Dr. Ralph Kunz

Gibt es eine christliche Hoffnung für die Rettung dieser Erde? Fritz Imhof sprach darüber aus Anlass der UNO-Klimakonferenz in Glasgow mit Ralph Kunz, Professor für Praktische Theologie an der Uni Zürich.

Stellen auch Sie in christlichen Kirchen angesichts der drohenden Klimakatastrophe einen Endzeitpessimismus fest?  
Ralph Kunz: Es herrscht nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft ein Klima der Perspektiven- und Hoffnungslosigkeit. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es in den Landes- und Freikirchen ein besonders hohes Bewusstsein für die Klimakrise gibt. Die Kirchen sind zurzeit sehr mit sich selbst beschäftigt: mit Mitgliederschwund, Bedeutungsverlust und haben von der Schrumpfangst gelähmt gar keine Zeit, sich um die Welt zu kümmern.

Was haben Kirche und Theologie dieser Perspektiven- und Hoffnungslosigkeit entgegenzusetzen?

Es gehörte schon immer zur Aufgabe der Kirche, über die Hoffnung, die Christus der Welt gibt und die in uns ist, Rechenschaft abzulegen. Hoffnung ist ja nicht nur eine menschliche Ressource, sondern eine Gabe und Frucht des Geistes, wie Paulus sagt (Römer Kapitel 8). Man kann sie nicht einfach herbeiführen. Sie wird uns durch Jesus Christus geschenkt. Darum ist für Christen die Hoffnung mehr als lediglich eine «Energie» oder «Gefühlsressource».

Es gibt auch eine «christliche Hoffnung», die sich aufgrund der Endzeitreden Jesu fokussiert auf das zweite Kommen Jesu ausrichtet.
Ich fordere solche Christen auf, sich zuerst darüber klar zu werden, was uns durch die Hoffnung, die Jesus Christus für diese Welt hat, vermittelt wird: Eine Hoffnung ohne den Glauben, das Gott hier und heute und nicht erst dort und dann die Welt – uns! – verändert, ist leer. Eine Hoffnung, die sich nicht in der Liebe ausdrückt, die hier und heute wirksam wird, ist eine «tönerne Schelle». Es kann bei der christlichen Hoffnung nicht um eine Spekulation über eine mögliche Zukunft gehen. Das war weder die Absicht von Jesus noch der alten Kirche und nicht die Botschaft der apokalyptischen Bilder. Wir sind uns nur nicht mehr gewohnt, mit diesen Bildern umzugehen und lassen uns zum Spekulieren verleiten. Wir sollen jedoch unsere Hoffnung fröhlich bezeugen, das Leiden ertragen und den Glauben mit Kraft bezeugen. (Römer Kapitel 15, Vers 13)

Was bedeutet das konkret?

Eine zentrale Einsicht der christlichen Eschatologie ist doch, dass Christus auf uns zukommt. In den Evangelien heisst es wiederholt: «Ihr wisst nicht, wann der Menschensohn kommt.» Die durchgehende Botschaft lautet doch «Haltet euch bereit!». Mit dem Heiligen Geist leben und im Heute leben, sich für diese Erde engagieren – das gehört doch zusammen! Voll Hoffnung, weil die Zukunft auf uns zukommt. Voll Hoffnung, weil uns nichts Besseres passieren kann, als das Christus bald kommt. Und bis er kommt, sollen wir die Zeit nutzen. Damit das Himmelreich – der Einfluss-Be-Reich Gottes – wachsen kann. Muss ich mehr wissen? Mir reicht es zum Leben und zum Sterben. Wir sollten uns nicht zu sehr um eschatologische Deutungen streiten.

Verstehen Sie Christen, die angesichts der Lage lieber noch möglichst viele zu Jesus führen, statt sich für Klimamassnahmen zu engagieren?

Für diese natürliche (!) Reaktion habe ich Verständnis. Wer aber in der Verantwortung in der Kirche steht und solches lehrt, für den oder die habe ich kein Verständnis, denn es lässt sich weder biblisch-theologisch noch ethisch rechtfertigen. Es wäre eine Privatisierung des Evangeliums, eine Verabschiedung von der Politik, ein Rückzug aus der Welt. Ich halte mich da an die Erklärung der Lausanner Bewegung von 1974. Ein Zeugnis für das Evangelium ohne den Einsatz für die Welt ist nicht glaubwürdig. Solidarität und Spiritualität küssen sich, Glaube erfüllt sich in der tätigen Liebe. Eine Religion, die die Erde hinter sich gelassen hat, stinkt zum Himmel.

Wie sieht da die Hoffnungsperspektive aus?

Die natürliche Hoffnung sieht, was möglich wird, wenn Mensch sich zusammenraufen, gerade in Notzeiten, in denen Menschen über sich hinauswachsen. Denken wir etwa an die Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg. Die Schweiz hat schon gezeigt, dass sie in schwierigen Situationen zusammenrücken und nach Katastrophen auch teilen kann. Wir haben in der Corona-Krise kurz erlebt, wie Menschen ihre Türen öffnen. Ich kann mir vorstellen, dass in der Krise eine neue Wärme und Solidarität entsteht, die wir in unserer geschäftigen und gehetzten Zeit nicht erleben. Aber damit sie nachhaltig genährt und gestärkt wird, braucht es die natürliche und die geistliche Hoffnung! Denn wir hoffen nicht auf, aber für die Welt. Gott hat noch etwas vor mit dieser Welt! «Hoffnung in der Klimakrise» muss unser Thema werden.

Das vollständige Interview mit Prof. Ralph Kunz ist in der Zeitschrift IDEA Nr. 45/2021 erschienen.

Über Ralph Kunz

Prof. Dr. Ralph Kunz (57) ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich mit den Schwerpunkten Homiletik, Liturgik und Poimenik. Zudem ist er Mitglied der Leitung des Zentrums für Kirchenentwicklung der Theologischen Fakultät der Uni Zürich. Er ist zudem Verfasser zahlreicher Bücher. Siehe: www.theologie.uzh.ch

Buchhinweis:
Gott in der Klimakrise


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Datum: 20.11.2021
Autor: Fritz Imhof
Quelle: idea Schweiz

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