Papst besucht die Türkei

Scheinwerfer auf Christen-Diskriminierung

Papst Leo XIV. zu Besuch in der Türkei beim Konzil von Nicäa
Papst Leo XIV. traf am Donnerstag zu einem mehrtägigen Besuch in der Türkei ein – der ersten Papstreise in das Land seit der Visite von Papst Franziskus im Jahr 2014. Weiter besuchte Leo XIV. auch den Libanon.

Der Besuch fällt mit dem 1’700sten Jahrestag des Ersten Ökumenischen Konzils von Nicäa im Jahr 325 nach Christus zusammen und erfolgt wenige Tage nach der Veröffentlichung eines detaillierten Berichts, der die anhaltenden Schwierigkeiten dokumentiert, mit denen die christliche Minderheit in der Türkei konfrontiert ist.

Die Türkei ist die Heimat einiger der frühesten christlichen Gemeinden und war Schauplatz mehrerer Ereignisse, die im Neuen Testament festgehalten sind. Sieben der in der Offenbarung genannten Gemeinden liegen innerhalb der heutigen Landesgrenzen.

Das richtungsweisende Konzil von Nicäa, das im heutigen İznik stattfand, verfasste die ursprüngliche Version eines zentralen Glaubensbekenntnisses, das bis heute weltweit in Kirchen gesprochen wird.

Christentum massiv geschrumpft

Offizielle türkische Statistiken erfassen die religiöse Zugehörigkeit nicht, doch Schätzungen zufolge liegt die Zahl der Christen derzeit bei rund 257’000 Menschen – weniger als 0,3 Prozent der 85 Millionen Einwohner des Landes. Im Jahr 1915 stellten Christen etwa 20 Prozent der Bevölkerung desselben Gebiets.

Ein 50-seitiger Bericht, der am 24. November vom «European Centre for Law and Justice» (ECLJ) veröffentlicht wurde, stellt fest, dass Christen in der Türkei weiterhin mit rechtlichen, administrativen und gesellschaftlichen Hürden konfrontiert sind.

Darin heisst es, der Rückgang der christlichen Gemeinschaft in der Türkei im vergangenen Jahrhundert «rührt von Völkermorden, Pogromen und systematischen staatlichen Massnahmen her, die darauf abzielten, eine ethnisch und religiös homogene türkisch-sunnitisch-muslimische Nation zu schaffen».

Dutzende westliche Christen ausgewiesen

Zu den wichtigsten Punkten zählen mindestens zwölf dokumentierte körperliche Angriffe auf Kirchen seit 2020, einige unter Einsatz von Schusswaffen oder Sprengstoff, sowie die Ausweisung dutzender ausländischer protestantischer Pastoren und Mitarbeiter von Wohltätigkeitsorganisationen aus angeblichen Gründen der nationalen Sicherheit – was einer «systematischen Zielsetzung» gegen ausländische Geistliche gleichkomme.

Die negative Darstellung des Christentums und christlicher Konvertiten sei in Schulbüchern und Medien weit verbreitet. Hassrede gegen Christen sei in Medien und öffentlichem Diskurs weit verbreitet.

Der Bericht dokumentiert ausserdem die Beschlagnahmung oder Übertragung von Eigentumsrechten an mehr als 1’000 kirchlichen Immobilien seit dem Jahr 2002 sowie die fortgesetzte Verweigerung der Rechtspersönlichkeit für viele christliche Vereinigungen, was sie daran hindert, Eigentum auf ihren eigenen Namen zu besitzen oder Kirchen zu eröffnen.

UNESCO soll überprüfen

Der Bericht fordert ausserdem, dass die UNESCO den Status christlicher Kulturerbestätten in der Türkei überprüfen sollte, darunter die Hagia Sophia, Chora und syrische Klöster. Die Hagia Sophia wurde 2020 wieder zur Moschee erklärt.

«Das ECLJ fordert die Türkei auf, ihre christlichen Bürger und Einwohner zu respektieren und zu schützen, ihren Verpflichtungen aus dem Vertrag von Lausanne, der Europäischen Menschenrechtskonvention und dem Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte nachzukommen und echte Religions- und Glaubensfreiheit für alle zu gewährleisten», heisst es in dem Bericht.

«Wiege des Christentums»

Papst Leo XIV. bezeichnete die Türkei und den Libanon als «Länder, die reich an Geschichte und Spiritualität sind». Der vatikanische Staatssekretär, Kardinal Pietro Parolin, betonte, dass die Türkei «die Wiege des Christentums» bleibe und hob die Bedeutung des Nicänischen Glaubensbekenntnisses für die Definition zentraler christlicher Lehren hervor.

Das Programm des Papstes umfasst ein Treffen mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I., dem geistlichen Oberhaupt der orthodoxen Christen weltweit, sowie weiteren christlichen Führungspersonen aus dem gesamten Nahen Osten.

Zukunft der Menschheit steht auf dem Spiel

Bei einem Treffen mit dem türkischen Präsidenten Tayyip Erdogan warnte der Papst, ein dritter Weltkrieg werde bereits «stückweise» geführt – und die Zukunft der Menschheit stehe auf dem Spiel.

Der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I. ist das geistliche Oberhaupt der weltweit rund 260 Millionen orthodoxen Christen. Orthodoxe und katholische Christen trennten sich im Jahr 1054 im Grossen Morgenländischen Schisma, bemühen sich jedoch seit Jahrzehnten um eine Annäherung.

Frieden dürfte Thema sein

In der Türkei besucht der Papst die Blaue Moschee in Istanbul und anschliessend hält er eine katholische Messe in der «Volkswagen Arena». Die Reise in den Libanon beginnt am Sonntag. Ein besonderes Thema dürfte laut der «Jerusalem Post» der Frieden sein. Der Libanon, das Land mit dem höchsten Christenanteil im Nahen Osten, leidet stark unter den Auswirkungen des Gaza-Krieges. Die Kämpfe zwischen Israel und der libanesischen schiitischen Hisbollah mündeten in eine israelische Offensive.

Das Land, das eine Million syrische und palästinensische Geflüchtete beherbergt und gleichzeitig unter einer jahrelangen wirtschaftlichen Krise leidet, fürchtet eine drastische Ausweitung der israelischen Angriffe, wie die «Jerusalem Post» berichtete. Viele hoffen, der Papstbesuch werde internationale Aufmerksamkeit auf den Libanon lenken.

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Datum: 30.11.2025
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet / Christian Today / Jerusalem Post

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