Seelsorge konkret

Wenn das Trösten schiefgeht

Die grundsätzliche Annahme beim Helfen ist, dass es hilfreich ist. Doch was ist, wenn uns als Helfenden die Worte fehlen und wir nicht direkt weiterhelfen können – wenn unsere Versuche erst einmal ins Leere laufen?
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Die grundsätzliche Annahme beim Helfen ist, dass es hilfreich ist. Doch was ist, wenn uns als Helfenden die Worte fehlen und wir nicht direkt weiterhelfen können – wenn unsere Versuche erst einmal ins Leere laufen?

«Trost ist wie ein wärmender Mantel, in den wir bei Sturm und Eiseskälte schlüpfen.» Das hört sich wunderbar an. Aber was ist, wenn der Mantel einfach nicht passt? Wenn sich die Worte gut anhören, aber irgendwie nicht wärmen und wirken? Wie gehen wir damit als Tröstende und Getröstete um?

Einfacher als gedacht

Elmar kommt morgens an seinen Arbeitsplatz in der Versicherung. Neben der Tastatur seines Computers steht eine Flasche Rotwein. Es ist nicht sein Geburtstag. Er stutzt und denkt erst einmal an die Probleme der letzten Woche. Auf dem Zettel an der Flasche steht: «Wir wollten dir nur mal sagen, dass wir dich schätzen. Trotzdem. Deine Kollegen»

Manchmal kostet Trost nur 5 Franken 95 und eine Idee.

Schwerer als erwartet

Sandra erlebt gerade die Krise ihres Lebens. Während sie sich von ihrem Mann trennt, stirbt ihre Mutter. Freunde melden sich bei ihr und meinen: «Irgendwie wird es weitergehen!» oder «Gott wird schon einen Plan damit haben.» Beides tröstet sie nicht. Sie fühlt sich allein, missverstanden, schuldig.

Manchmal funktioniert Trost einfach nicht.

Trostbedürftig

Der Philosoph Hans Blumenberg unterstrich: Jeder Mensch ist ein trostbedürftiges Wesen. Sobald er begreift, dass er sterben muss, braucht er die Fähigkeit, Trost zu spenden und Trost zu empfangen – schon allein, um Mensch zu bleiben angesichts des Leids, der unüberwindbaren Grenze, des unvermeidlichen Verlusts. Spannend ist in diesem Zusammenhang die Wurzel des deutschen Wortes Trost. «deru» bezeichnet das feste Kernholz, das jeden Baum im Sturm bestehen lässt, das Halt in allen Problemen gibt.

Der Hiob-Faktor

Als Hiob verzweifelt ist und im Loch sitzt, kommen seine Freunde, um mit ihm zu leiden, zu klagen und zu schweigen. Doch als sie anfangen, mit ihm zu argumentieren, welche Ursachen sein Leid haben und warum Gott ihn verlassen haben könnte, ziehen sie den Kürzeren. Ihre scheinbar so klaren Erklärungsversuche – Lieber Hiob, irgendwie bist du selbst schuld – gehen ins Leere.

Trostmöglichkeiten

Auch wenn wir immer wieder in die Verhaltensmuster der Freunde von Hiob zurückfallen, ist es eigentlich selbstverständlich, dass Trost nicht aus Vorhaltungen oder einem Schulterklopfen besteht. Viele biblische und auch säkulare Webseiten unterstreichen, was eine echte Basis für Trost und Hilfe sein kann:

  • Für andere da sein,
- ihnen zuhören,
- sie umarmen,
  • Ehrlich sein («Mir fehlen die Worte.»),

  • Gefühle wie Wut oder Trauer zulassen und
  • Sehr praktisch helfen (Mittagessen kochen).

Keine Garantie

Aber auch ein Trost «nach Lehrbuch» oder von vollmächtigem Gebet begleitet kommt manches Mal nicht an. Wir sind eben keine Maschinen, bei denen dieselbe Handlung immer dieselben Ergebnisse hervorbringt. Und die liebevoll gekochte Suppe kann als Zeichen des Trostes ankommen oder als herablassender Gruss aus der scheinbar heilen Welt des anderen verstanden werden. Vielleicht weichen deshalb so viele Menschen Trauernden aus – weil sie Angst haben, missverstanden zu werden.

Vielleicht entsteht deshalb oft eine Pause nach der typischen Frage: «Wie geht es dir?» Eine Pause, in der mitschwingt: «Bitte sag einfach nur 'Gut!' und erzähle nicht, was dich wirklich beschäftigt.»

Im Orient setzen sich Familie und Nachbarn zum Klagen, Trauern und Trösten zusammen. Bei uns ist man oft allein in seiner Not. «Von Trauerbesuchen bitten wir abzusehen», schreiben manche in die Todesanzeigen – vielleicht, weil sie sich nicht verletzlich machen möchten. Trösten und getröstet werden macht verletzlich. Und es hat auch keine Garantie auf Erfolg. Doch schlimmer als ein gescheiterter Trost ist derjenige, den wir gar nicht erst versucht haben zu geben.

Brauchen Sie Hilfe oder einfach ein offenes Ohr? Dann melden Sie sich bei der anonymen Lebenshilfe von Livenet, per Telefon oder E-Mail. Weitere Adressen für Notsituationen finden Sie hier. 

Zum Thema:
Kolumne von Sam Urech: Ist Seelsorge nur etwas für Frauen?
Trost in der Trauer: Gottes mütterliche Seite
Berufen – was bedeutet das?: Teil 5: Tröstungen

Datum: 02.01.2022
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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