Aus Angst vor Verurteilung

Olympiasiegerin Sanya Richards-Ross spricht über ihr schmerzvolles Geheimnis

Neun Jahre lang hat die fünffache Olympia-Gold-Gewinnerin Sanya Richards-Ross über eine Fehlentscheidung geschwiegen – aus Angst vor der Reaktion von Familie und Gemeinde. Wie reagieren wir, wenn jemand anderes fällt?
Sanya Richards-Ross
Sanya Richards-Ross

Es war zwei Wochen vor ihrem grossen Olympiaauftritt 2008 in Peking. «Alles, was ich je gewollt hatte, schien in Reichweite zu sein. Der Höhepunkt der Arbeit meines ganzen Lebens lag direkt vor mir», schreibt die fünffache Olympia-Gold-Gewinnerin in ihrer soeben erschienenen Autobiographie «Chasing Grace: What the Quarter Mile Has Taught Me About God and Life» (Auf der Jagd nach Gnade: Was die 400 Meter mir über Gott und das Leben beigebracht haben). Denn nur zwei Wochen vor der Olympiade fand Richards-Ross heraus, dass sie von ihrem damaligen Freund und heutigen Ehemann Aaron Ross – erfolgreicher American Football-Spieler – schwanger war.

Die Entscheidung

Es war für beide ein Schock – ein Baby würde ihre jeweiligen Karrieren drastisch beeinflussen. «In dem Moment schien es mir, als hätte ich überhaupt keine Wahl. Die Debatte darüber, wann das Leben beginnt, wirbelte mir im Kopf herum und ein aussereheliches Kind am Höhepunkt meiner Karriere zur Welt zu bringen, erschien mir unerträglich. Was würden meine Sponsoren, meine Familie, meine Gemeinde und meine Fans von mir denken?»

Und so entschlossen sie sich für eine Abtreibung. «Ich traf eine Entscheidung, die mich innerlich zerbrach und von der ich mich nicht sofort erholen konnte. […] Die Abtreibung würde ab sofort für immer Teil meines Lebens sein, ein rotes Tuch, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es je tragen würde. Ich war ein Champion – und nicht bloss irgendeiner, ich war ein Weltklasse--Rekordbrechender-Champion. Von der Höhe dieser Realität fiel ich in die Tiefe meiner Verzweiflung.»

Ihre Scham führte dazu, dass sie die Abtreibung neun Jahre lang geheim hielt. Auch heute weiss sie nicht, wie die Leute auf ihr Buch und die Enthüllung reagieren werden, doch «letztlich habe ich es gemacht, um Gott zu ehren und den Leuten zu sagen, dass sie sich von jeder Entscheidung erholen können, egal wie schwer sie war.»

Druck in Gemeinden?

Natürlich spielte in gewisser Weise der Egoismus dieser zwei jungen Sportler eine grosse Rolle in der Entscheidung zur Abtreibung. Aber ich vermute, dass der Druck auf Sanya Richards-Ross auch extrem hoch war. Die Angst vor der Reaktion ihrer Sponsoren, der Familie, aber auch ihrer Gemeinde – ein Druck, dem nicht jede 23-Jährige gewachsen ist. Und es gibt durchaus Gemeinden, die diesen Druck auf ihren Jugendlichen und jungen Erwachsenen immer stärker machen: Du musst ein Vorbild sein, du musst in deiner Umgebung ein Beispiel für Jesus sein, pass ja auf, dass du nicht fällst, sonst… – ganz nach dem Motto des bekannten Kinderliedes «Pass auf, kleines Auge, was du siehst… denn der Vater im Himmel schaut herab auf dich!» Dieser Druck, den auch ich als Kind zu spüren bekam, aus dem ich ausbrechen wollte, weil ich wusste, dass ich vor so einem kontrollierenden Gott nicht bestehen kann.

Der Holzbalken im eigenen Auge

Doch Halt – bin ich nicht auch oft eine derjenigen, die solchen Druck aufbauen? Wie reagiere ich, wenn eine Teenagerin aus der Gemeinde plötzlich schwanger ist? Oder ein Lobpreisleiter eine Pornografie-Abhängigkeit zugibt? Da gehöre ich schnell zu denjenigen, die eine Auszeit für den Leiter fordern oder das Mädchen in eine strenge Zweierjüngerschaft schicken wollen. Dabei sagte Jesus doch selbst in Matthäus, Kapitel 7: «Urteilt nicht über andere, damit Gott euch nicht verurteilt. Denn so wie ihr jetzt andere richtet, werdet auch ihr gerichtet werden. Und mit dem Massstab, den ihr an andere anlegt, werdet ihr selbst gemessen werden.» Und dann folgen die bekannten Verse zum Spliter und dem Holzbalken im eigenen Auge… so oft gehört und doch so wenig angewandt.

Gutes Vorbild vs. Mensch sein

Natürlich ist es wichtig, wie wir als Christen leben und dass wir ein offener Brief sind für andere, die uns beobachten. Doch wo liegt die Balance zwischen «gutes Vorbild» und «auch nur Mensch» sein? Ich erinnere mich noch gut an einen deutschen Pastor, der – meiner Meinung nach – extrem gute Predigten über Ehe und Partnerschaft brachte. Nach einiger Zeit wurde bekannt, dass er sich scheiden liess und eine Beziehung mit jemandem aus der Gemeinde eingegangen war. Für mich war damals klar: Seine Predigten hatten jeden Boden verloren. Doch ist das wirklich so? Ist nicht auf der einen Seite Gott derjenige, der Pastoren inspiriert und durch ihre Worte und Predigten spricht? Und sind auf der anderen Seite nicht auch Pastoren Menschen, die für Sünde anfällig sind – und die in einem solchen Moment mehr als Verurteilung die aufrichtende Hand ihrer Gemeindeglieder genauso nötig haben wie mögliche Dritte, die durch diese Sünde verletzt wurden?

Neun Jahre lang hat Sanya Richards-Ross geschwiegen. Jetzt hat sie ihr schweres Geheimnis öffentlich gemacht. Sie sagt, dass sie und ihr Mann in der Zwischenzeit durch Gott geheilt wurden – und sich auf das Baby freuen, das sie im August erwarten. Doch für uns, für mich kann ihre Geschichte zur Erinnerung werden, dass nicht alles im Leben schwarz oder weiss ist, dass auch ich nicht vor dem Fallen gefeit bin und dass Jesus mich nicht dazu berufen hat, über andere zu richten, sondern meinen Nächsten zu lieben wie mich selbst.

Zum Thema:
Dankbar, trotz Nicht-Qualifikation: Sanya Richards-Ross hat den Lauf vollendet
Olympia-Heldin:«Ich sehe Gottes Wirken überall um mich herum»
Warum sich das Bleiben lohnt: Die Kirche, ein Spital für Sünder

Datum: 17.06.2017
Autor: Rebekka Schmidt
Quelle: Livenet / Charisma News

Werbung
Livenet Service
Werbung