Zwischen Tradition und Verständlichkeit

Als Christen Sprache gestalten

Die Sprache unter Christen soll verständlich sein und zum Nutzen dienen
Du kannst einfach irgendwie reden oder schreiben. Dann kommt meistens auch «irgendetwas» an. Eine andere Qualität bekommt es, wenn du deine Sprache und Inhalte bewusst gestaltest. Das gilt besonders im christlichen Umfeld.

«Sprache gestalten» hört sich für dich vielleicht nach Deutschunterricht an. Nach mühsamen Diskussionen darüber, «was uns der Autor damit sagen will». Dabei ist es in erster Linie ein Bewusstmachen, wer du selbst bist und wer dein Gegenüber ist. Wie Reden und Schreiben damit praktisch aussehen können und was dabei funktionieren oder schiefgehen kann, zeigen die folgenden Beispiele.

Worte finden

Wo immer Christen ihrem Glauben Ausdruck geben wollten, wurden sie erfinderisch. Paulus erfand für das Schreiben seiner Briefe keine neuen Begriffe, aber er füllte alte mit einem neuen Sinn und Inhalt. Schon vorher bedeutete «agape» Liebe, doch nachdem der Apostel und seine Kollegen das Wort im Neuen Testament über 100-mal verwendeten, hatte es seine Bedeutung verschoben. Seitdem steht es für Gottes voraussetzungslose Liebe, für sein Wesen. Die Evangelisten nannten ihre Schriften «euangelion», gute Nachricht. Damit stellten sie sich bewusst in ein Spannungsfeld und forderten die Erwartung ihrer Lesenden und Hörenden heraus. Bis dahin war die Geburt eines römischen Kaisers wie Augustus «Evangelium» – jetzt sollte dasselbe für Jesus, den Christus, gelten.

Auch in nachbiblischer Zeit schufen Gläubige mit Bedacht neue Worte oder setzten dabei neue Akzente. Bekannt ist dabei vor allem Martin Luther. Er «formte und prägte die Sprache entscheidend mit», hält Sprachforscher Hartmut Günther fest. Der Reformator erfand Worte wie «friedfertig» und nahm säkulare Begriffe wie «fromm» (was einfach gut oder tüchtig bedeutete) und gab ihnen eine christliche Prägung. Wenn die Theologin Christina Brudereck heute von der «Trotzkraft des Glaubens» erzählt, tut sie dasselbe: Sie gestaltet Sprache und gebraucht sie, um Festigkeit im Glauben auf den Punkt zu bringen.

Worte vermeiden

Manchmal gilt es allerdings auch, Begriffe zu vermeiden, um nicht missverstanden zu werden oder falsche Assoziationen zu wecken. Natürlich könntest du auch heute Christen in Deutschland als «Deutsche Christen» ansprechen. Für viele wird der Begriff allerdings eher nach der rassistischen Bewegung innerhalb der protestantischen Kirchen klingen, die sich im Dritten Reich an die NS-Ideologie anhängte. Manchmal lohnt es sicherlich, einen provozierenden Begriff zu verwenden (wie das «Evangelium» der ersten Christen). Oft gilt es aber einfach, Schaden zu begrenzen. «Mission» ist kein biblisches Wort, aber jahrhundertelang stand es für das Verbreiten der christlichen Botschaft. Inzwischen wirkt es auf die meisten Menschen eher negativ, deshalb verzichten viele ehemalige «Missionswerke» darauf, sich so zu nennen. Sie biedern sich damit nicht dem Zeitgeist an – wie manche kritisieren –, sondern sie ermöglichen ihren Mitarbeitenden in kritischem oder feindlich gesinntem Umfeld die Arbeit.

Traditionell ja, altertümlich nein

Die christliche Bewegung ist inzwischen 2'000 Jahre alt. Natürlich ist sie deswegen in einigen Bereichen traditionell. Gleichzeitig kannst du durch aktuelle Bezüge und deine Wortwahl zeigen, dass du zwar auf Jesus hinweist, aber dass er auch für heute etwas zu sagen hat. Du musst dabei nicht jede zweite Aussage in der nächsten Predigt mit einem erstaunten «Das crazy» kommentieren, nur weil dies gerade Jugendwort des Jahres 2025 ist. Genauso unnötig sind allerdings alte Zöpfe wie der beliebte fromme Genitiv, mit dem man vom «Willen Jesu» spricht. Abgesehen davon, dass ein grösserer Teil des Gebrauchs schlicht verkehrt ist, bleiben die meisten dabei sehr inkonsequent. Natürlich sprechen sie nicht von «den Briefen Pauli» oder behaupten «ich folge Jesum Christum». Das klingt selbst in christlichen Ohren albern und altertümlich – so ähnlich wie die Form «Jesu» für andere Menschen.

Inklusives Reden

Wozu machst du dir solche Gedanken, wenn du über den Glauben sprichst? Klar: Du willst gewinnend formulieren, du möchtest Menschen ein- und nicht ausschliessen. Ein sehr emotionales Thema dabei ist das Gendern. Viele formulieren ihre Texte allgemeiner oder verwenden männliche und weibliche Formen; etliche setzen Doppelpunkte oder Sternchen, um zu zeigen, dass sie alle ansprechen möchten; wieder andere verweisen darauf, dass das «generische Maskulinum» (vor der Gender-Debatte kannte fast niemand das Wort!) sowieso alle mitmeint.

Dieser Streit ist wichtig, greift aber meistens zu kurz. Menschen mit Einschränkungen können das verdeutlichen. Die Vorleseprogramme von Blinden tun sich schwer damit, die Doppelpunkte und Sternchen mitten im Wort wiederzugeben. Hörbehinderte kriegen dagegen regelmässig die Krise, wenn es heisst: «Wir neigen unsere Köpfe zum Beten.» Sie können dann nichts mehr von den Lippen ablesen. Und beim Verwenden von alter oder neuerer Sprache in Kirche und Gemeinde muss man sich durchaus vor Augen halten, dass damit auch Menschen aus der jeweils anderen Altersklasse klarkommen sollten. Das funktioniert nicht auf Anhieb. Aber wenn du gemeinsam mit anderen überlegst, was du dazu tun kannst, um möglichst inklusiv zu kommunizieren, dann lohnt das eine engagierte aber unideologische Diskussion um richtige Worte und gute Kommunikation. Dann geht es um schöne, treffende und inklusive Sprache. Darum, Sprache zu gestalten, um gewinnend und verständlich zu reden und zu schreiben.

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Datum: 20.01.2026
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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