Wenn Christen den Teufel vertreiben

Heike K. wurde nachts von einer unheimlichen Macht an die Wand geworfen. Immer wieder packte sie eine unsichtbare Gewalt und machte ihr Angst. Was war los mit ihr? Weder Ärzte noch Psychologen konnten der jungen Frau helfen. Bis ein Gebet der besonderen Art Heike von ihrer Not befreite: Priester trieben ihr die Dämonen aus.
Daniel Hell
Christoph Casetti Bischofsvikar
Wilf Gasser
Schmid
Heike K.
asasd

Es war ein heisses Thema, das sich der „Club" des Schweizer Fernsehens vorgenommen hatte: „Vom Teufel besessen - Wahrheit oder Wahnsinn?". Nachdem bekannt geworden war, dass eine junge Frau sich im Bistum Basel von Priestern „den Teufel austreiben" liess, lud SF 1 Experten ein und wollte wissen, ob wir vor dem Rückfall ins Mittelalter stünden. Gibt es den Satan? Kann er von den Menschen Besitz ergreifen und sie in den Wahnsinn treiben? Was sagt die moderne Psychiatrie dazu? Ist es möglich, dass Weihwasser und Gebet besser wirken als Psychopharmaka und Psychotherapien?

Unter der Leitung von Christine Maier diskutierten darüber Daniel Hell, Psychiater, ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, der Theologe Georg Otto Schmid von der Informationsstelle „Kirchen, Sekten, Religionen", Christoph Casetti, Bischofsvikar des Bistums Chur und der Arzt und Psychiater Wilf Gasser, Präsident der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA). Mit in der Runde des „Clubs" sass mit Perücke auch die Betroffene, die 22-jährige Deutsche Heike K.

Schmid: Dämonen sind Projektionen

Das Gespräch im Fernsehen hätte so ablaufen können wie auch schon: Die Frau wird als verrückt hingestellt, die katholische Kirche ins finstere Mittelalter verbannt und die frommen Christen, die tatsächlich noch an die Existenz des Teufels glauben, erscheinen als unverbesserlich dumm und hinterwäldlerisch. Währenddessen gehen die aufgeklärte Theologie und die moderne Psychologie als strahlende Siegerinnen vom Platz. Und alles wäre wieder in bester Ordnung. Nicht ganz so am Dienstag, 8. Juli 2008 auf SF 1. Georg Otto Schmid als Vertreter der liberalen Theologie, hätte es wohl am liebsten genau so gehabt. Er tat denn auch alles, damit das Gespräch diesen Verlauf nähme. Die sehr glaubwürdig erzählte Geschichte von Heike K. schien ihn unberührt zu lassen. Er würdigte die Frau kaum eines Blicks, verlor kein Wort zu ihrem Fall. Satan und die Dämonen halte er für Projektionen des Bösen, das der Mensch in sich trage. Es sei eher eine Verharmlosung des Bösen, wenn man es austreiben wolle, statt sich ihm zu stellen und es zu bekämpfen.

Gasser: Ein einfaches Befreiungsgebet

Schmid hatte offenbar hauptsächlich eine Mission: Mit vollem Rohr auf die Charismatiker zu schiessen, die mit ihrem Dämonenaustreiben scheinbar die Menschheit gefährden. Dabei hatte er den Allianzpräsidenten im Visier. Wilf Gasser, selber Mitverantwortlicher der charismatischen Vineyard-Gemeinden, gab zu, dass es christliche Kreise gebe, in denen teilweise unvorsichtig mit der Handhabung okkulter Belastung umgegangen werde oder leichtfertig Probleme der Menschen dämonisiert würden. Gasser warnte aber davor, wegen solcher bedauerlicher Vorkommnisse „das Kind mit dem Bade auszuschütten". Als gläubiger Christ wisse er um die Realität des Bösen und die Existenz Satans. Er habe erlebt, wie Menschen durch ein einfaches Befreiungsgebet im Namen von Jesus Christus von dämonischen Belastungen befreit worden seien. Und zwar nachhaltig. Wichtig sei, dass dies eingebettet in die Seelsorge geschehe, nachdem psychische Krankheiten wenn immer möglich ausgeschlossen worden seien, was oft eine Schwierigkeit bedeute, sagte der Arzt und Psychiater. Ein Gefahr sei auch, dass beim Befreiungsdienst „der Teufel oft gross gemacht" werde, wie Gasser sich ausdrückte, grösser als er es verdiene. Gott sei stärker. Deshalb sei ihm ein einfaches Befreiungsgebet im Namen Jesu lieber als ein grosses Tamtam mit Geschrei.

Casetti: Auch Jesus hat die Dämonen ausgetrieben

Christoph Casetti erklärte gut verständlich das dualistische Weltbild der Bibel, wonach Satan als ein gefallener Engel beschrieben wird, der sich gegen Gott aufgelehnt hat und so mit seinen Dämonen zum Gegenspieler Gottes wurde. Allerdings sei seine Macht beschränkt. Das Neue Testament zeige uns, wie Jesus die Dämonen aus den Menschen ausgetrieben habe. Deshalb habe Exorzismus nichts mit dem Mittelalter zu tun. Dies habe es schon immer gegeben. Casetti räumte ein, dass wirkliche Besessenheit eher selten vorkomme. Aber es gäbe solche Fälle und dafür brauche es Spezialisten. Deshalb wolle er in seinem Bistum Priester haben, die kompetent damit umgehen könnten. Einfacheren Formen der okkulten Belastung könne hingegen jeder Priester und jeder Christ mit einem Befreiungsgebet entgegentreten.

Hell: Auch die Psychiatrie hat Grenzen

Daniel Hell erzählte von Patienten, vor allem solchen aus anderen Kulturen, die sich von Flüchen belastet oder von Dämonen geplagt wähnten, beispielsweise von den Geistern der Ahnen. Er nehme dies ernst und versuche, ihnen mit den Mitteln der Psychiatrie zu helfen. Diese verstehe den Menschen als ein Selbst, als abgegrenzte, ganze und selbstverantwortliche Person. Bei solchen Patienten sei dieses Selbst gestört. Ziel der Therapie sei es, es als Ganzes zusammenzubringen, die „bösen Seiten" zu integrieren. Die Gefahr des Exorzismus sehe er darin, dass sich durch die konkrete Benennung des Bösen oder eben dadurch, dass der Teufel gross gemacht werde, die Persönlichkeit des Patienten noch stärker spalte könnte. Anderseits wisse er auch um die Grenzen der Psychiatrie und es gebe Fälle, wo man nicht helfen könne, wie die Geschichte von Heike K. ja auch zeige. Er habe Achtung vor dem Religiösen und er sehe die Wichtigkeit kirchlicher Gemeinschaften für psychisch schwache Menschen, die ihnen Sinn und Halt vermitteln könnten.

Heike K.: „Ich bin glücklich!"

Heike K. schilderte die Erfahrung des Exorzismus zunächst als eine Situation, in der sich in ihrem Innern etwas stark gegen die Leute, die da gewesen seien, und gegen die Symbole im Raum gewehrt habe. Ihr sei unwohl gewesen, ein richtiger Hass sei in ihr gewesen. Als das Ritual begonnen habe, habe sie offenbar das Bewusstsein verloren gehabt. Nachdem sie am Boden liegend wieder zur Besinnung gekommen sei, sei sie ganz ruhig gewesen. Man habe ihr erklärt, dass sie die Priester verbal furchtbar angegriffen gehabt habe. Aber sie müsse sich keine Vorwürfe machen, das sei nicht sie gewesen, sondern das Böse in ihr. „Und wie geht es Ihnen heute", fragte Moderatorin Christine Maier am Schluss der Sendung, „was hat Ihnen diese Erfahrung gebracht?" - „Ich habe zum Glauben gefunden", antwortete Heike, die vor dem Auftauchen der Erfahrungen mit dem Bösen nicht gläubig gewesen sei. „Ich habe jetzt Gott im Herzen und ich bin sehr glücklich."

Als Reaktion auf diesen Bericht schrieb Georg Otto Schmid am 18. August 2008
an Livenet/Jesus.ch:

"Die Geschichte der Heike K. in der Sendung 'Club' des Schweizer Fernsehens vom 8. Juli 2008 liess mich in keiner Weise unberührt. Ganz im Gegenteil:
Ich hätte Heike K.s Bericht sehr gerne intensiv diskutiert. Insbesondere wäre es in meinen Augen entscheidend gewesen, alternative Deutungen ihrer rlebnisse - die meines Erachtens mindestens ebenso glaubwürdig sind wie die ämonologische These - erwägen zu können.

Leider wurden die Diskussionsteilnehmer vor der Sendung vom 8. Juli sowohl von der Redaktion als auch von Christine Maier ausdrücklich angewiesen, Heike K.s Darstellung nicht zu konfrontieren und keinesfalls in Frage zu
stellen, denn nur unter dieser Bedingung war Heike K. überhaubt bereit, an der Sendung aufzutreten.

Mit anderen Worten: Heike K. beanspruchte ein Kritikverbot. Niemand durfte ihre Aussagen auch nur im Geringsten auf ihre Deutung hin hinterfragen. Da ich Heike K.s dämonologischer Interpretation ihrer Erlebnisse nicht zustimmen konnte, blieb mir zu ihrem Fall nur eines: zu schweigen.

Aus meinem Schweigen zum Fall von Heike K. darf deshalb in keiner Art und Weise gefolgert werden, mich würde ihr Fall unberührt lassen. Das Gegenteil ist der Fall. Ebensowenig darf mir zum Vorwurf gemacht werden, dass ich mich zu Heike K.s Fall nicht geäussert habe. Ich hätte Heike K.s Deutung ihrer Erlebnisse - die ich nicht bezweifle, ich halte bloss ihre Interpretation für fragwürdig - sehr gerne intensiv diskutiert, wenn das erlaubt gewesen
wäre.

Eine weitere Folge dieses Kritikverbotes gegenüber Heike K. war, dass in der kritischen Diskussion der katholische Exorzismus kaum besprochen werden konnte, was bewirkte, dass der charismatische Befreiungsdienst dann im
Zentrum stand."

 



Datum: 11.07.2008
Autor: Fritz Herrli
Quelle: Livenet

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