Zwischen Tralala und Volltreffer

John Mark Comer: «Das Ende der Rastlosigkeit»

Viele ahnen es: Das vielzitierte «Leben in Fülle» ist nur möglich, wenn wir einen Lebensstil der Ruhe etablieren können – trotz Stress in und um uns herum. Darum geht es Comer in seinem Buch «Das Ende der Rastlosigkeit».
John Mark Comer
Buchcover von «Das Ende der Rastlosigkeit»

Zu Beginn seines Buchs konfrontiert John Mark Comer seine Leserinnen und Leser und sich selbst mit der Frage: «Warum habe ich es so eilig, jemand zu werden, den ich nicht mal mag?»Aussagen wie diese begegnen einem im Buch immer wieder. Sie sind einfach und persönlich. Man kann sie überlesen oder das Buch jeweils einmal kurz zur Seite legen und sich fragen: «Ja, warum eigentlich …» Dann hätte Comer schon einen grossen Teil seines Ziels erreicht, ein Herausfinden aus der Rastlosigkeit, die für viele «der grösste Feind für unser geistliches Leben» ist (Dallas Willard).

Was man wissen muss

Comer ist ein US-Pastor, der mit seinen gerade über 40 Jahren seine eigene Midlife-Krise in einem Buch verarbeitet hat. Das ist nicht negativ gemeint: Er tut es auf eine hilfreiche Art und Weise. Seine Lebenswirklichkeit und dementsprechend viele Beispiele im Buch stammen daher aus der christlichen Gemeindekultur der USA. Davon ist vieles gut auf den europäischen Kontext übertragbar – manches wird vielen Lesenden unverständlich sein, so zum Beispiel, wenn Comer andeutet, bei Myers-Briggs «ein J» zu sein. Der veraltete Persönlichkeitstest ist bei uns einfach nicht bekannt genug.

Dem Gesamtverständnis tut dies allerdings keinen Abbruch, und das Buch ist insgesamt frisch und unterhaltsam geschrieben. Beim Lesen sitzt man gleichsam mit Comer am Küchentisch und plaudert mit mal mehr, mal weniger Tiefgang über das Leben, sein Tempo und dessen Auswirkungen auf die eigene Nachfolge.

Was nervt

Neben der für das Buch nicht relevanten Vorliebe des Autors für diverse Persönlichkeitstests, die an jeder passenden und unpassenden Stelle eingestreut werden, irritieren seine Buchempfehlungen. Jeder, der heute ein Buch über den Umgang mit Stress und Hektik schreibt, weiss, dass er nicht der Erste ist, der sich des Themas annimmt. So verweist Comer sehr gern und häufig auf sein grosses Vorbild Dallas Willard, seinen Beinahe-Mentor John Ortberg und den modernen Vater der geistlichen Übungen, Richard Foster. Comer tut es allerdings nie, ohne darauf hinzuweisen: «Lesen Sie lieber sein Buch als meines. Es ist besser.» Wenn er tatsächlich davon überzeugt wäre, hätte er sein Buch wohl kaum geschrieben, denn die klassische Entschuldigung «Ich war jung und brauchte das Geld» scheint bei ihm nicht angebracht zu sein. Und sein Buch ist durchaus lesenswert.

Was genial ist

«Das Ende der Rastlosigkeit» ist sehr überschaubar gegliedert. Erst geht es um das Problem des Lebenstempos und seine geschichtlichen Wurzeln, dann um die Lösung – das Prinzip des «sanften Jochs» – und schliesslich beschreibt Comer vier entscheidende Schlüssel gegen ein hektisches Leben: Stille und Einsamkeit, Sabbat, einfaches Leben und Entschleunigung.

All das ist sinnvoll und hilfreich. Was das Buch jedoch aus der Masse der Publikationen zu einer christlichen Work-Life-Balance heraushebt, ist der Autor selbst. Er war vor ein paar Jahren Pastor einer schnell wachsenden Megakirche in der Gegend von Portland, USA. Am Rande eines Burnouts wurde er radikal mit sich, reduzierte seine Arbeit, sein Ansehen und seinen Verantwortungsbereich. Sprich: Er hat das für sich selbst mühsam durchbuchstabiert, was er anderen heute weitergibt. Das geht manchmal im flapsigen Ton des Buches unter, aber es macht seine Qualität entscheidend aus.

Wann man das Buch lesen sollte

Renke und Sara Bohlen (Pastoren der «Kirche im Pott») empfehlen das Buch folgendermassen: «Du hast keine Zeit, dieses Buch zu lesen? Dann solltest du es unbedingt lesen!» Damit treffen sie den Nagel auf den Kopf. Wer das Buch ohne Anlass zur Hand nimmt und einfach wissen will, was die Bibel zum Thema Zeit und dem Umgang damit sagt, wird sich eher an seinen Schwächen stossen – tatsächlich gibt es dazu bessere Bücher. Wer aber seit Jahren auf die Frage, wie es geht, antwortet: «Eigentlich ganz gut – ich bin nur gerade etwas im Stress», der oder die bekommt hier sehr praktische Ideen vorgestellt, wie das anders werden könnte, durch eine neue Begegnung mit Jesus und die Erkenntnis, dass es gut ist, langsamer zu leben und «einigermassen glücklich» zu sein.

Eine biblische Schlüsselaussage, die sich durchs Buch zieht, ist der sogenannte «Heilandsruf» in Matthäus, Kapitel 11, Verse 28–30, der in der Übersetzung «The Message» so klingt (Comers Empfehlung: langsam lesen!): «Bist du müde? Ausgelaugt? Ausgebrannt von der Religion? Komm zu mir. Komm mit mir und du wirst dein Leben wiederfinden. Ich zeige dir, wie du wirklich zur Ruhe kommen kannst. Begleite mich und arbeite mit mir – schau zu, wie ich es mache. Lerne die unbeschwerten Rhythmen der Gnade kennen. Ich werde dir nichts Schweres oder Unpassendes auferlegen. Leiste mir Gesellschaft, und du wirst lernen, frei und leicht zu leben.»

Zum Buch:
John Mark Comer: Das Ende der Rastlosigkeit. (das Buch erscheint Anfang Juli.)

Zum Thema:
Burnout-Expertin Helen Heinemann: Warum Stress glücklich macht
Achtung, Stressfallen!: Wie man entspannter durchs Leben kommt
Sprung aus dem Hamsterrad: Stress und Depression haben nicht das letzte Wort

Datum: 29.06.2022
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

Werbung
Livenet Service
Werbung