Rückblick 2010

Jahr der Natur- und Umweltdesaster

Schon im ersten Jahresdrittel deutete sich an, dass 2010 als Katastrophenjahr in die Geschichte eingehen wird. Bewegungen im Erdinneren und Klimaereignisse beherrschten die Emotionen und Schlagzeilen.

Hinzu kamen auch eindeutig vom Menschen verschuldete Tragödien wie etwa die BP-Ölpest im Golf von Mexiko. Reagiert auch die Politik nur sehr verhalten auf die Zeichen der Zeit, haben sie bei der Zivilgesellschaft zu einem Anstieg des nachhaltigen Bewusstseins geführt.

Beben, Fluten und Brände

Im Januar zerstörte ein Beben das völlig verarmte Haiti. Der Aufbau des Karibikstaates verläuft trotz weltweiter Spenden nur schleppend und wird seit Oktober von einer Cholera-Epidemie erschwert. Ende Februar folgte ein wesentlich stärkeres Erdbeben in Chile, im März eines in der Osttürkei, ehe im April der Ausbruch des Eyjafjallajökull in Island Europas Flugverkehr stilllegte. Im Oktober überraschte ein Tsunami die indonesische Insel Sumatra.

Hochdruckgebiet als Ursache

Die Meldungen des Sommers gehen auf die Kappe des Wetters. Dauerregen führte in Deutschland, Tschechien und Polen zu Hochwasser, schliesslich auch in Südwestchina und Pakistan, wo 14 Millionen Menschen obdachlos wurden. Gleichzeitig plagten Torf- und Waldbrände weite Teile Russlands. Alle diese Erscheinungen gehen auf ein wochenlang stabiles Hochdruckgebiet über Russland zurück, das warme Luft aus dem Süden anzog und westlich und östlich davon sintflutartige Niederschläge verursachte. Allerdings erlebte auch Brasilien eine extreme Waldbrand-Saison.

Schlamperei

Zahlreiche weitere Tragödien wurden hingegen menschlich verschuldet, allen voran die Explosion der BP-Ölbohrinsel «Deepwater Horizon» im April. Bis am 15. Juli das entstandene Ölförder-Leck am Meeresboden verstopft wurde, strömten 700 Mio. Liter Rohöl in den Golf von Mexiko und verschmutzten weite Teile der US-Golfküste. Die langfristigen Folgen für die Umwelt sind noch nicht abzuschätzen.

Erst durch die weltweit steigende Sensibilisierung für das Thema wurde eine Ölpest vergleichbaren Ausmasses im Nigerdelta bekannt, bei der aus lecken Shell-Pipelines seit Jahrzehnten jährlich 40 Mio. Liter Öl ausfliessen. Über WikiLeaks jüngst verbreitete Dokumente verweisen zudem auf die vertuschte Explosion einer weiteren BP-Ölplattform 2008 im Kaspischen Meer. Langfristige politische Konsequenzen hatte bislang keines der Ereignisse, denn das internationale Rennen um die letzten Ölvorkommen geht ungebremst weiter.

Ruf nach mehr Nachhaltigkeit

Die Ausbeutung von Bodenschätzen forderten jedoch auch anderswo Tribut. So sehr die Rettung von 33 chilenischen Bergarbeitern 69 Tage nach dem Einsturz ihrer Kupfermine gefeiert wurde, gab es dieses Jahr für 200 verschüttete Kumpels in der Türkei, Russland, China, den USA und Neuseeland kein Entrinnen. Die Vorfälle sind somit für den Bergbau ebenso Alarmzeichen für fehlende Nachhaltigkeits- und Sicherheitsstandards wie Ungarns Giftschlamm-Unglück für die Aluminiumbranche.

Der Ruf nach mehr Nachhaltigkeit wird immer lauter. Entscheidungen wie etwa die Laufzeit-Verlängerung der Atommeiler Deutschlands verlieren an Rückhalt, haben die Rekordproteste gegen Atommülltransport gezeigt. Brasiliens kurzsichtige Strategie, durch den Megastaudamm «Belo Monte» das Ende seines Regenwaldes zu besiegeln, gerät zunehmend international in Diskussion. Das Öko-Bewusstsein wächst und die Solarbranche fiebert auf baldige Netzparität hin, Elektromobilität schafft es jedoch ohne Starthilfen noch kaum aus der Nische.

Fortschritte im Artenschutz

Dass der Klimawandel kein Hirngespinst und ein Umdenken in Konsum und Energie dringend nötig ist, liegt auf der Hand. Gletscher und Polkappen schmelzen weiter, 2010 war das wärmste Jahr der Aufzeichnungen und lieferte zudem erneut einen CO2-Emissionsrekord. Die Industrieländer einigten sich zwar am UN-Klimagipfel in Cancún, ihre Ausstösse bis 2020 um 20 bis 40 Prozent zu verringern und die Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken. Ob und wie der bisher einzige rechtsgültige Klimavertrag von Kyoto 1997 verlängert wird, verschob man allerdings erneut auf die nächste Klimakonferenz.

Politische Fortschritte im Umweltschutz gab es allerdings, zumindest bei genauem Hinsehen. Im «Jahr der Artenvielfalt» wurden die Grundsteine für eine Biodiversitäts-Plattform IPBES gelegt, die künftig analog zum Weltklimarat dem aktuellen sechsten Massensterben der Erde entgegenwirken soll. Die Forschung trug dazu etwa durch die erste Bestandsaufnahme der Meeresbewohner bei. Kleine Erfolge sind der Elefantenschutz und das EU-Einfuhrverbot für illegale Holzprodukte.

Armut in Europa

Europas Themenjahr zur Armut schärfte den Blick auf die Kluft zwischen Arm und Reich, die im Zuge der Wirtschaftskrise gewachsen ist. Die Aufdeckung von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche öffnete vielen die Augen für Gewalt und Missbrauch in Institutionen, jedoch auch in den Familien. Für die Jugendkultur lieferte das tödliche Gedränge der Loveparade in Duisburg einen schmerzhaften Einschnitt.

Ära der Antibiotika geht zu Ende

Für die Arzneimittelforschung bedeutet 2010 eine Niederlage. Kein einziges neues Antibiotika-Wirkprinzip kam auf den Markt, was die Medizin angesichts des Vormarsches resistenter Keime zu Umdenken und kritischer Arzneiverordnung zwingt. Symptomatisch dafür bereitete im Sommer das zuerst in Indien aufgetretene Superbakterium NDM-1 Schrecken. Hoffnung geben zwei neue MS-Medikamente sowie Versprechen einer künftigen Aids-Schutzimpfung.

Datum: 30.12.2010
Quelle: pte

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