Ex-Nationalrat Werner Messmer

«Christen können die gesellschaftliche Entwicklung bremsen»

«Ein Christ muss nicht überall dabei sein, doch überall muss mindestens ein Christ dabei sein!» Das ist das Motto von Ex-Nationalrat Werner Messmer. Im Gespräch mit der IVCG verrät er, was seine grösste politische Enttäuschung war und was er als beste Wahl seines Lebens ansieht.

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Werner Messmer
Welches war der Höhepunkt Ihrer zwölfjährigen Zeit als Nationalrat im Bundeshaus?
Werner Messmer: Nur schon in den Nationalrat gewählt zu werden und dann zwölf Jahre im Zentrum der Schweizer Politik mit dabei sein zu dürfen, war als Gesamtes ein Höhepunkt. Sehr motivierend war es sicher, zu erleben, wie eigene Voten sowohl in der Fraktion wie im Rat immer mehr Gehör fanden und die Meinungsbildung entscheidend beeinflussten. Aber auch zu erleben, dass Vertrauen auch aus anderen Parteien zurückkommt, wenn man selber Vertrauen schenkt. Höhepunkte waren natürlich auch die direkten Kontakte zu den Bundesräten und den höchsten Verwaltungsstellen, welche ich zunehmend intensiver nutzte. Es war mir eine grosse Ehre, viele Wähler und Wählerinnen, meinen Kanton, aber auch meine Baubranche in Bern vertreten zu dürfen.

Welches war Ihre grösste politische Enttäuschung als Christ?
Da denke ich vor allem an den Opportunismus mancher Politiker. Sie fragen sich oft zuerst: Was dient mir persönlich und meiner Partei am meisten, um die Gunst der Wähler zu gewinnen? Wenn es darum geht, wieder gewählt zu werden, sind alle Mittel recht. Oft sind Taktik und Kalkül wichtiger als sachorientierte Politik. Dieser Opportunismus, ja Egoismus tat mir oft weh.

Inwiefern war Ihnen der Glaube an Gott im politischen Alltag eine Hilfe?
Wir müssen uns bewusst sein, dass wir auf dieser Welt kein Paradies einrichten können. Wir haben es mit einer Gesellschaft zu tun, die nicht vom christlichen Glauben geprägt ist. In diesem Pluralismus waren mir in Bezug auf Moral und Ethik der Glaube an Gott und der Massstab der Bibel eine entscheidende Hilfe.

Es heisst doch immer wieder, Kirche und Religion hätten sich nicht in die Politik einzumischen…
Grundsätzlich neige ich auch zu dieser Ansicht. Doch der einzelne Christ ist aufgerufen, sich einzumischen. Das ist ein biblischer Auftrag. Vielfach wird darüber geklagt, dass christliche Werte verloren gehen. Doch sie gehen nur dort verloren, wo Christen abseits stehen. Das ist ein Leitspruch für mich: Ein Christ muss nicht überall dabei sein, doch überall muss mindestens ein Christ dabei sein!

Abtreibung, Sterbehilfe, Homo-Ehe, Präimplantation: Christliche Werte geraten immer mehr ins Hintertreffen. Was bedeutet das für das Land?
Ein Christ kann nie davon ausgehen, dass seine Werte Allgemeingut werden. Trotzdem hat er die Pflicht, sich für Gottes Werte einzusetzen, auch wenn er in der Minderheit bleibt. Wenn er das nicht mehr macht, erfüllt er seinen Auftrag als Christ nicht, und der Werteverlust schreitet noch viel schneller und viel brutaler voran. Christen können die gesellschaftliche Entwicklung nicht aufhalten, aber sie können sie bremsen helfen. Und sie können die Menschen immer wieder zum Nachdenken bringen.

Wie könnte es gelingen, die christlich-abendländischen Werte zu stärken?
In meiner Jugendzeit gab es ein Lied «Was die Welt heute braucht, ist Jesus». Heute würde ich das Lied abändern: «Was die Welt heute braucht, sind Menschen, die den Glauben an Jesus sichtbar in die Welt hineintragen.» Je mehr Christen in der Gesellschaft, in der Wirtschaft und in der Politik zu ihrem Glauben stehen, umso mehr beginnt das Feuer dieser Werte zu brennen.

Kann die Politik dazu beitragen, dass die Schweiz und Deutschland wieder christliche Länder werden?
Grundsätzlich wäre das denkbar. Doch der Trend geht in eine ganz andere, nichtchristliche Richtung. In unserer modernen, humanistisch-pluralistischen Gesellschaft darf es ja nicht mehr nur eine Wahrheit geben. Wir respektieren einander und lassen alles gelten. Jeder soll so leben können, wie er es gerne haben möchte… Da wird christliche Bibeltreue zu eng.

Politisch sind sich auch Christen oft nicht einig. Wie kommt es, dass engagierte Christen etwa in der Wirtschaftspolitik oder der Gesellschaftspolitik oftmals völlig unterschiedlich denken?
Christen bleiben Menschen mit unterschiedlichen Prägungen, Neigungen und politischen Überzeugungen. Diese unterschiedlichen Auffassungen haben wir zu akzeptieren. Als Christ habe ich allerdings gelernt, auch Leute gern zu haben, die ich politisch nicht verstehe.

Woran sollte man einen Christen in der Politik erkennen?
In erster Linie an seinem öffentlichen Auftreten und in der Art und Weise, wie er mit politisch Andersdenkenden umgeht. Mein Leitsatz: Hart in der Sache, aber fair dem Menschen gegenüber.

Nun steht die Schweiz vor grossen Parlamentswahlen. Worauf sollten Christen beim Wählen achten?
Sie sollten sich für Personen entscheiden, die auch echte Chancen für einen Nationalratssitz haben. Chancen haben sie aber nur, wenn ihre Partei genügend Stimmen bekommt. Es nützt nichts, wenn ich einfach «Geschwister» wähle, deren Partei aber keine Chance auf einen Sitzgewinn hat. Diese Stimmen verpuffen wirkungslos.

«Ora et labora», bete und arbeite, heisst der Grundsatz der Benediktiner. Welches könnte der beste Leitsatz für christliche Wählerinnen und Wähler sein?
Christen sollten grundsätzlich versuchen, Christen zu wählen oder aber Menschen mit Ethik und Moral nahe der biblischen Lehre. Aber Achtung: Nicht jeder Christ vertritt jene Politik, die ich mir persönlich vorstelle. Auch ist jemand nicht einfach fähig für das Parlament in Bern, nur weil er Christ ist. Darum der Leitsatz für Christen: «Prüfe und wähle!»

Welches war die beste Wahl Ihres Lebens?
Meine Frau, die ich vor 45 Jahren geheiratet habe!

Werner Messmer, 70, wohnhaft in Kradolf TG, 1999-2011 Nationalrat der FDP in Bern, 2003-2014 Präsident Schweizerischer Baumeisterverband (SBV), heute noch Stiftungsratspräsident Campus Sursee, dem Ausbildungszentrum des SBV.

Zur Webseite:
IVCG

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Datum: 03.10.2015
Autor: Andrea Vonlanthen
Quelle: IVCG-Magazin «Reflexionen – Themen für Menschen in Verantwortung», Nr. 4/2015

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