Lehrergebet

Die Aufregung um die Fürbitte der Kolleginnen

Das Lehrergebet an einer Schule in Safenwil AG erregt die Medienszene – von der NZZ am Sonntag bis zum Portal kath.ch. Geschehen ist zwar nichts Unrechtes, aber der christlich-charismatische Hintergrund des involvierten Ehepaars dient als Aufreger.
Tabea und Johannes Sieber

Der Tatbestand: Die Lehrerin Tabea Sieber möchte an der Schule in Safenwil, dem Aargauer Ort, wo einst der grosse Theologe Karl Barth als Pfarrer gewirkt hat, ein Lehrergebet in einem Schulraum ausserhalb der Unterrichtszeit durchführen. Sie hat das korrekt durch die verschiedenen Instanzen – vom Schulleiter bis zum Kreisschulvorstand – bewilligen lassen.

Doch einem Teil der Lehrerschaft mit der Exponentin Verena Müller geht das gegen den Strich. Sie hat einen kirchenkritischen Theologen und Journalisten gefunden, der das Thema in der NZZ am Sonntag kräftig aufgerührt hat. Die Schweizer Medien und der Boulevard haben das Thema sofort aufgegriffen. Es scheint ein richtiger Aufreger zu sein. Eine SP-Grossrätin hat daraus flugs ein politisches Thema gemacht und fordert den Aargauer Regierungsrat per Interpellation zur Stellungnahme auf.

Der Grund der Aufregung

Die Aufregung entzündet sich am pfingstlich-charismatischen Hintergrund von Tabea Sieber und vor allem an deren Ehemann, der auch für Kranke betet, das Befreiungsgebet ausübt und schon für die Auferweckung von Toten gebetet hat, wenn in diesem Fall auch erfolglos. Sie werden als «radikale Christen» gebrandmarkt. In der Kritik steht auch Schulleiter Matthias Bär, der als erster das Gebet bewilligt hat und dem eine freikirchliche Vergangenheit vorgeworfen wird.

Verena Müller wird unterstützt von SP Grossrätin Lelia Hunziker. Sie hat im Grossen Rat des Kantons Aargau eine Interpellation eingereicht, die den Regierungsrat zur Stellungnahme auffordert, ob religiöse Aktivitäten an der Schule erlaubt seien. Auf Twitter schrieb sie, die Schule sei ein Produkt der Aufklärung und ein säkularer Ort. Inzwischen geht die Diskussion mit Leserbriefen weiter. Schulleiter Matthias Bär hat die involvierten Lehrerinnen zu einem Mediationsgespräch eingeladen.

Tabea Sieber verstehe die Aufregung um ihr Lehrergebet nicht. Es sei von den Behörden bewilligt, transparent und öffentlich. Das Gebet sei nicht missionarisch, jedenfalls nicht in dem Sinne, «dass der andere meine Meinung übernehmen soll», sagte sie gegenüber der NZZ am Sonntag.

Lehrplan kennt keine «säkulare Schule»

Doch wie steht es um die angeblich säkulare Ausrichtung der Schule? Rico Bossard, verantwortlich für den Fachkreis Pädagogik der VBG (Vereinigte Bibelgruppen), weist dazu auf den Lehrplan 21 hin, der zur «Bedeutung und Zielsetzung des Faches NMG» wörtlich festhält: «In einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft gilt es, eine eigene Identität zu finden, Toleranz zu üben und zu einem respektvollen Zusammenleben beizutragen. Dazu denken Schülerinnen und Schüler über menschliche Grunderfahrungen nach und gewinnen ein Verständnis für Wertvorstellungen und ethische Grundsätze. Sie begegnen religiösen Traditionen und Vorstellungen und lernen mit weltanschaulicher Vielfalt und kulturellem Erbe respektvoll und selbstbewusst umzugehen. Dies trägt zur Toleranz und Anerkennung von religiösen und säkularen Lebensweisen und damit zur Glaubens- und Gewissensfreiheit in der demokratischen Gesellschaft bei.»

Lehrergebet ist keine Missionierung

Bossard stellt die Frage in den Raum, ob die Kritikerin sich selbst an diese Vorgabe des Lehrplans halte. Statt von einer säkularen Schule spricht er von einer «Schule auf christlich-humanistischer Basis», die für die Glaubens- und Gewissensfreiheit und damit im Sinne unseres kulturellen Erbes stehe und verweist damit auf die Grundlagen im Lehrplan 21, wo es über die Ausrichtung der Schule heisst: «Sie geht von christlichen, humanistischen und demokratischen Wertvorstellungen aus.»

Ein Lehrergebet sei als Ressource für die Beteiligten zur Erfüllung ihres Bildungsauftrag zu verstehen und diene nicht der Missionierung, so Bossard. Die in der VBG vereinigten Lehrpersonen wüssten durchaus zwischen Berufsauftrag und persönlichem Glauben zu unterscheiden. Das Gebet von Lehrpersonen an einer Schule ausserhalb der Unterrichtszeit dürfe aber nicht zum Tabu gemacht werden. Er gibt auch zu bedenken, dass Lehrpersonen sich persönlich unvoreingenommen mit Religion auseinandersetzen sollten, wenn sie die Kinder zur religiösen Mündigkeit befähigen möchten.

Fazit

Welche Schlussfolgerungen können aus dem Fall Safenwil gezogen werden?  Erstens ist es heute Normalität, dass christliche Aktivitäten, die als missionarisch wahrgenommen werden, in säkularen Organisationen und Institutionen bei sensibilisierten Personen auf Ablehnung stossen. Wichtig ist, dass sich Christen in diesem Umfeld nicht davon beeindrucken lassen, dass Leute zu den Medien gehen könnten, wenn ihnen wie im konkreten Fall nicht Recht gegeben wird. Ebenso wenig dürfen sich Schulleitungen oder Behörden davon erpressen lassen.

Allerdings: Personen, die sich in Organisationen bewegen, die eine offensive, missionarische Arbeit verfolgen, sind nicht immer die richtigen Leute, wenn es um christliche Initiativen an der Nahtstelle zu staatlichen Institutionen geht. «Mission» ist in der vom Toleranzideal geprägten Gesellschaft ein No Go – besonders wenn es sich um christliche «Mission» handelt.

Nach einem am Freitag anberaumten Gespräch zwischen den involvierten Personen wurde festgelegt, dass das Lehrergebet nun an einem anderen Durchführungsort stattfinden wird.

Zur Webseite:
Fachkreis Pädagogik der VBG

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Datum: 24.06.2022
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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