Die syrischen Pastoren, die geblieben sind
Für Pastor Valentine Hanan gehören Krieg und Vertreibung zu seinem Leben, seit im März 2011 der syrische Bürgerkrieg begann. Aufgewachsen in Aleppo, ist er mit seiner Familie viermal umgezogen, um den Kämpfen zu entkommen.
Nach dem Sturz von Präsident Bashar al-Assad durch eine Koalition islamistischer Rebellen im Dezember 2024 kehrte er nach Aleppo zurück, wo er Gläubige aus der kurdischen Minderheit in der «Christian Evangelical Alliance Church of Aleppo» betreut.
Während des gesamten Jahres 2025 erlebten Hanan und seine Gemeinde immer wieder vereinzelte bewaffnete Zusammenstösse in der Stadt.
Massiver Exodus
Der anhaltende bewaffnete Konflikt in Syrien hat in den vergangenen 15 Jahren einen grossen Teil der historischen christlichen Gemeinschaft des Landes zur Flucht gezwungen. Vor dem Krieg lebten schätzungsweise 2,1 Millionen Christen im Land. Heute sind es laut «Open Doors» nur noch etwa 300’000.
Zwar gibt es keine verlässlichen Daten darüber, wie viele syrische Christen seit dem Ende des Bürgerkriegs ausgewandert sind, doch Kirchenleiter berichten von einer Zunahme der Auswanderung aufgrund der aktuellen Gewalt und Instabilität.
Trotz dieses christlichen Exodus sagen Hanan und andere syrische Pastoren, sie glaubten, dass es ihre von Gott gegebene Verantwortung sei, zu bleiben und ihren Gemeinden zu dienen. Hanan betont, dass er die Risiken und Herausforderungen als kurdischer Christ im Syrien nach Assad zwar erkennt, aber nie daran gedacht hat, das Land zu verlassen. «Meine Vision ist die Rettung meines Volkes», sagte Hanan. «Ich empfinde das als Verantwortung. Gott hat mich an diesen Ort gestellt. Es ist kein Zufall, dass ich hier bin.»
Respekt, weil er Pastor ist
Als kurdische Christen haben Hanan und seine Gemeinde noch mehr Grund zur Vorsicht. Kurden sind in Syrien seit langem mit Marginalisierung und Diskriminierung konfrontiert.
Ausserdem haben Hanan und alle Mitglieder des kurdischen Dienstes in der Gemeinde einen muslimischen Hintergrund. Angesichts der islamistischen Wurzeln der Regierung sind einige Gemeindemitglieder besorgt darüber, wie staatliche Kräfte auf kurdische Konvertiten reagieren würden.
Hanan bemerkte jedoch, dass weder er noch seine Gemeinde bisher wegen ihres Glaubens von den Behörden verfolgt worden sind. Im Gegenteil: Die örtlichen Behörden begegnen ihm mit Respekt, weil er Pastor ist.
Viele wollen gehen
Doch obwohl Regierungstruppen Christen bisher nicht systematisch angegriffen haben, haben extremistische Gruppen dies getan. Darüber hinaus hat der Krieg Syrien mit einer zerstörten Wirtschaft, katastrophalen öffentlichen Dienstleistungen – die den Menschen nur wenige Stunden staatlichen Strom pro Tag lassen – und schlechten Lebensbedingungen zurückgelassen. Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze.
In den letzten Jahren war wirtschaftliche Not ein weiterer wichtiger Grund für Auswanderung, besonders für junge Menschen, die im Land keine Zukunft sehen.
Mazen Hamate, Pastor der «Redeemer Evangelical Baptist Church» in Tartus und Safita, stellte fest, dass viele Menschen Syrien verlassen möchten – entweder vorübergehend oder dauerhaft – «aufgrund der angesammelten Frustrationen und Enttäuschungen, der Verschlechterung der Lebensbedingungen und des Mangels an Arbeitsmöglichkeiten infolge der Sanktionen, die dem Land auferlegt wurden».
Keine spürbaren Erleichterungen
Ein grosser Teil von Hamates Vorkriegsgemeinde hat das Land verlassen, und auch unter den neuen Mitgliedern, die heute kommen, denken einige über Auswanderung nach. Obwohl ausländische Investitionen und die Aufhebung von Sanktionen etwas Hoffnung gebracht haben, hat die Bevölkerung bisher noch keine spürbare Erleichterung von Syriens schwerer Wirtschaftskrise erfahren.
Die meisten Syrer bleiben, weil ihnen das Geld oder die Möglichkeiten zur Auswanderung fehlen, sagt ein Assistenzpastor aus einer Gemeinde in Jaramana; aus Sicherheitsgründen will er anonym bleiben. Andere bleiben, weil sie ihre Familien oder Geschäfte nicht zurücklassen wollen. Wieder andere – wie die erwähnten Pastoren – bleiben, weil sie sich berufen fühlen, in Kirchen und Diensten zu arbeiten. «Wir glauben, dass wir nur einmal leben. Deshalb ist es wichtig, ein sinnvolles Leben zu führen», sagte der Assistenzpastor. «Ein solches Leben zu führen bedeutet, Gottes Berufung zu folgen – auch wenn das nicht das Bequemste für uns ist.»
Von Bibel zum Bleiben ermutigt
In den vergangenen zwei Jahren hat er seine Gemeinde durch Gewalt und Schwierigkeiten begleitet. Ende April 2025 kam es in Jaramana zu Zusammenstössen zwischen sunnitischen und drusischen Bewaffneten. Obwohl Freunde in Damaskus sie einluden, bei ihnen zu wohnen, hielten es die beiden für wichtig, in Jaramana zu bleiben, um in der Nähe der Gemeindemitglieder zu sein.
«Die grosse Mehrheit der Gemeindemitglieder lebt in Jaramana. Wir entschieden uns zu bleiben, um den Menschen zu zeigen: Wir sind bei euch, wir gehen nicht weg, wir bleiben hier – besonders weil die meisten von ihnen keinen anderen Ort hatten, an den sie gehen konnten.»
Seit er vor etwa zwei Jahrzehnten in den Dienst eingetreten ist, wird der Assistenzpastor besonders von der Bibel, Matthäus-Evangelium Kapitel 4, Vers 24 inspiriert, wo beschrieben wird, wie sich der Ruf Jesu in ganz Syrien verbreitete, während er Menschen heilte. «Mein Gebet ist, dass sich nicht nur die Nachricht, sondern auch die Kraft des Evangeliums ausbreitet, Syrien verändert und verwandelt.»
Kurden finden zu Jesus
Zurück in Aleppo hat Hanan eine ähnliche Vision für die Kurden, denn Christen machen nur einen kleinen Prozentsatz dieser Volksgruppe aus.
Trotz der jüngsten Kämpfe in Aleppo und im Nordosten Syriens ist Hanan hoffnungsvoll. Er sieht, wie frühere Konflikte und Vertreibungen zur Gründung einer neuen kurdischen Gemeinde in Hasakah geführt haben, einer Stadt östlich von Aleppo.
Als Folge der Kämpfe im Januar, so sagt er, suchen mehr Kurden nach einer Alternative zum Islam und sie beginnen, an Jesus zu glauben. Die Gemeindetreffen sind inzwischen voller Mitglieder und neuer Gesichter. «Unsere Vision ist es, die Geschichte zu verändern», sagt Hanan. «Früher gab es in der Geschichte so etwas wie kurdische Christen nicht. Jetzt ist das Realität geworden.»
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Datum: 16.03.2026
Autor:
Hunter Williamson / Daniel Gerber
Quelle:
Christianity Today / gekürzte Übersetzung: Livenet