Wer entscheidet, wenn es um Leben und Tod geht?

RBaumann

Wann soll die künstliche Ernährung eines Koma-Patienten abgebrochen werden? Soll ein schwer kranker Patient noch operiert werden? Solche schwerwiegenden Entscheidungen werden immer öfter von Teams gefällt. Wie diese arbeiten und wie sie zu einer ethisch verantwortlichen Entscheidung gelangen, zeigte eine Tagung in Zürich.

Immer öfter werden Mitglieder des Pflegepersonals und der Ärzteschaft zusammen mit Sozialarbeitern, Seelsorgerinnen und Juristen in schwierige Entscheidung am Krankenbett miteinbezogen. Die Medizinethikerin Ruth Baumann-Hölzle hat 1989 an der Zürcher Uni-Klinik ein erstes Ethik-Forum an einem Spital zusammengestellt. Inzwischen gibt es in weiteren grösseren Spitälern – vom Zürcher Triemlispital bis zum Kantonsspital in Aarau, solche Ethik-Foren.

Der Fortschritt überfordert das Spitalpersonal

„Die gegenwärtige Situation ist gekennzeichnet durch rasante wissenschaftlich-technische Fortschritte in der Medizin und gesellschaftliche Veränderungen, die unter anderem zu einem selbstbewussteren, kritischeren Verhalten von Patienten gegenüber den Erbringern von medizinischen Dienstleistungen geführt haben“, schreibt Dialog-Ethik zu einer Fachagung vom Donnerstag in Zürich. „Die Medizin kann heute mehr, als einem Menschen in der konkreten Situation auch gut tut“, stellt Baumann-Hölzle fest. Als Folge davon bestehe im Gesundheitswesen wie in kaum einem anderen Bereich in unserer Gesellschaft ein hoher Bedarf an ethischer Orientierung.

Ein Problem liegt darin, dass in der medizinischen Ausbildung bislang Ethik kein Pflichtfach ist und sich die zukünftigen Mediziner damit nur schlecht auf die schwierigen Entscheidungssituationen, die angesichts moderner technischer Möglichkeiten immer häufiger auftauchen, einstellen können. Ausserdem gibt es heute keine allgemein anerkannten ethischen Wertvorstellungen mehr, allenfalls bestimmte Grundwerte. Die Postmorderne hat hier einen ethischen Relativismus geschaffen. Die Entscheidung kann einen einzelnen Arzt oder eine Ärztin auch schlicht überfordern. Wichtig wäre dann der Wille des Patienten, doch dieser ist in kritischen Situation oft selbst nicht mehr fähig, seinen Willen zu äussern. Und die Angehörigen sind, wenn überhaupt präsent, überfordert.

Nachdiplomkurs für ethische Entscheidungsfindung

Es geht deshalb darum, solche Ethikforen nicht nur aufzubauen, sondern auch strukturell im Spital zu verankern, damit sie ernst genommen werden. Die Mitglieder brauchen auch Anleitung zur Erlangung von ethischer Entscheidungskompetenz. Dies kann bei Fallbesprechungen in Zusammenarbeit mit Ethik-Fachleuten geschehen. Aber es braucht noch mehr. Das Institut „Dialog-Ethik“ bietet jetzt Mitgliedern solcher Foren einen Nachdiplomkurs an. Er soll die Kursteilnehmer und –Teilnehmerinnen befähigen, „die ethische Dimension eines Problems zu erkennen und die ethische Denkweisen und Argumente zu versehen. Sie sollen Vorgehensweisen kennen lernen, mit denen man im interdisziplinären Gespräch ethische Probleme klären kann“, wie Dialog-Ethik festhält.

Noch gibt es insbesondere von Ärzteseite her auch Widerstand gegen die Arbeit solcher Ärzteforen. Ärzte zum Beispiel, die sie als Einmischung in ihre Kompetenz missverstehen und überzeugt sind, in kritischen Fällen intuitiv richtig entscheiden zu können. Doch immer mehr wachse die Einsicht, dass die Arbeit der Ethik-Foren auch etwas bringt, stellte Baumann-Hölzle in Zürich befriedigt fest. Oft müsse die Entscheidung auch juristisch abgesichert sein, und das könne durch ein geregeltes interdisziplinäres Verfahren besser gewährleistet werden.

Internet: www.dialog-ethik.ch

Datum: 15.12.2003
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet.ch

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