Embryonen erst vernichten, wenn die Forschung sie nutzen kann?

Stickstoff
Stammzellen

Mit einem dringlichen Bundesbeschluss sollen die so genannten ‚überzähligen‘ Embryonen, die in Schweizer Tiefkühlern lagern und laut geltendem Recht bis Ende Jahr vernichtet werden müssen, eine längere Frist erhalten.

Die nationalrätliche Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur folgte letzte Woche einem Antrag des Zürcher Arztes und FDP-Vertreters Felix Gutzwiller mit 15 zu 8 Stimmen. Die neue Frist (Ende 2005 oder 2008) wurde noch nicht bestimmt, wie die NZZ schrieb.

Die über tausend Embryonen wurden bei Fruchtbarkeitsbehandlungen in vitro gezeugt und nicht eingepflanzt. Das geltende Fortpflanzungsmedizingesetz hält ausdrücklich fest, dass sie (bis Ende Jahr) zu vernichten sind, um zu verhindern, dass Embryonen zu anderen Zwecken als zur Fortpflanzung benutzt oder gehandelt werden. Eben dies will die Forschungslobby erwirken; der Erfolg ihres Vertreters in der Kommission zeigt, wie stark sich die ethischen Grenzlinien innert weniger Jahre verschoben haben.

Erst Stammzellenforschung regeln

Die nationalrätliche WBK-Kommission unter Vorsitz von Hans Widmer (SP/LU) ist in ihrer Beratung der ethisch besonders heiklen Materie letzte Woche im Wesentlichen dem Ständerat gefolgt. Die Embryonen sollen demnach nur für die Stammzellenforschung und nicht für andere Forschungszwecke verwendet werden dürfen (wie dies der Bundesrat vorgeschlagen hatte). Statt dem Embryonenforschungsgesetz aus dem Departement Metzler werden die Eidgenössischen Räte im Herbst ein Stammzellenforschungsgesetz behandeln. Die Forschung am menschlichen Embryo selbst soll in einem anderen Gesetz geregelt werden. Widmer bezeichnete diese Thematik als politisch umstritten und emotionsgeladen.

Welchen Stellenwert Stammzellen von Embryonen für die Forschung künftig haben können, ist nach wie vor unklar. Die Labor-Embryonen sterben bei der Entnahme der Stammzellen ab. Insofern ist der Titel des NZZ-Artikels ‚Bestehende Embryonen nicht vernichten‘ irreführend: Sie sollen getötet werden, aber im Zuge ihrer Nutzung.

Verwirrende neue Erkenntnisse

Vor wenigen Tagen haben Forscher eine Studie publiziert, wonach Stammzellen von Mäusen in einem Versuch selbst Eizellen bildeten (im Sinn einer Jungfernzeugung). Die Zürcher Medizinethikerin Ruth Baumann-Hölzle sagte gegenüber Livenet, dadurch sei ihre Befürchtung erneut bestätigt: Das Vorprellen der Forschung erschwere klare ethische Regelungen.

Die Nationalrats-Kommission trug dem neuen Forschungsbericht Rechnung, indem sie den Begriff "Parthenoten" ins Gesetz aufnahm. Mit 12 zu 9 Stimmen lehnte die Kommission eine restriktive Importregelung für menschliche Embryonen nach dem Vorbild Deutschlands (Antrag der SP-Vertreterin Simonetta Sommaruga) ab.

Referat von Ruth Baumann-Hölzle vom März 2003, „Der Mensch hat keinen Preis, sondern Würde“: www.livenet.ch/www/index.php/D/article/151/7527/

Bericht über Eizellen in Mäuse-Stammzellkulturen: www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,247002,00.html

Datum: 20.05.2003
Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch

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